Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Erfolgreicher Milchboykott: Edeka und Lidl wollen "faire" Milch verkaufen

Seit vier Tagen streiken die Bauern, und das scheint zu wirken: Die beiden Handelsunternehmen Edeka und Lidl wollen den Landwirten ihre Milch künftig zu fairen Preisen abnehmen - zahlen soll dafür der Verbraucher.

Berlin - Fünf Cent pro Liter direkt an den Bauern - so soll das Modell funktionieren, das sich der Handel ausgedacht hat. Er reagiert damit auf die wütenden Proteste von Bauern und die dauernde Kritik von Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU). Lidl und Edeka wollten dem Verbraucher garantieren, dass fünf Cent vom Kaufpreis für einen Liter Milch an die heimische Landwirtschaft gehen, schreibt die "Lebensmittelzeitung" unter Berufung auf Molkereien. Liefern solle eine Handvoll Genossenschaftsmolkereien.

Protest deutscher Milchbauern: Supermarktketten reagieren auf Boykott
DPA

Protest deutscher Milchbauern: Supermarktketten reagieren auf Boykott

Edeka selbst wollte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht zu dem Bericht äußern. Die beiden großen Supermarktketten reagieren damit aber als erste auf den Lieferstreik der deutschen Milchbauern. Die weigern sich seit vier Tagen, ihre Milch auszuliefern, um damit gegen den ihrer Meinung nach zu geringen Milchpreis zu protestieren.

Umstritten ist dabei, welches Ausmaß der Boykott inzwischen hat. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) sprach von einem mittlerweile flächendeckenden Protest. Immer mehr Betriebe, auch im Norden und Osten der Republik, würden sich anschließen, sagte Verbandsvorsitzender Romuald Schaber. "Wir erleben, dass die Bauern richtig wütend werden." Als Folge des Lieferboykotts gebe es vereinzelt bereits Versorgungsprobleme.

Der Milchindustrie-Verband erklärte dagegen, die Molkereien erhielten aktuell rund ein Drittel weniger Milch als vor Beginn der Protestaktion. Dagegen sprachen die Milchbauern von mindestens 60 Prozent, die im Schnitt nicht mehr geliefert und stattdessen weggeschüttet oder verfüttert würden.

Keine Angst vor Engpässen

Dass der Streik der Milchindustrie Probleme macht, wird inzwischen aber auch vom Verband nicht mehr bestritten. Er sprach von einer "schwierigen Situation" und einer "offenbar zunehmenden Streikbereitschaft". Die Molkereien könnten derzeit aber problemlos weiter liefern, wenn es bei der bisherigen Milchmenge bleibe. Der Verband verwies darauf, dass grundsätzlich genügend Milch auf dem europäischen Markt vorhanden sei. "Es kommt jetzt aber auch drauf an, was im Ausland passiert", sagte Geschäftsführer Michael Brand.

Angst vor Engpässen müssen die deutschen Verbraucher trotzdem nicht haben: "Wir können völlige Entwarnung geben", sagte Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbands des deutschen Einzelhandels. Die Warnung vor leeren Regalen sei einigermaßen lächerlich: "Generell gibt es keinen Grund zur Panik und zu Hamsterkäufen."

Tatkräftige Unterstützung erhalten die Milchbauern inzwischen auch von ihren Kollegen im Ausland. So blockierten in Frankreich rund 500 Milchviehalter eine Molkerei bei Straßburg, um Milchlieferungen nach Deutschland zu stoppen. "Wir versuchen zu verhindern, dass die Bewegung in Deutschland mit französischer Milch geschwächt wird", sagte der Präsident der Organisation der Milchproduzenten (OPL), Jean-Louis Niveau. Auch aus der Schweiz, den Niederlanden, Österreich und Dänemark wurden Proteste gemeldet.

Auch dänische Bauern wollen mit Hilfe deutscher Kollegen den Import von billiger Milch durch die Supermarktkette Aldi verhindern. Der Verband der Milchhersteller teilte in Kopenhagen mit, dass drei nicht genannte Molkereien in Deutschland blockiert werden sollten, von denen die dänische Aldi-Tochter ihre Milch bezieht.

Bauern in Dänemark gegen Aldi

Die Bauern in Dänemark wollen mit der Aktion gegen eine Billigpreis-Aktion von Aldi protestieren. Das Unternehmen hatte in dieser Woche mit Preissenkungen bei Milch geworben, auf die andere Supermärkte mit ähnlichen Schritten reagierten. Das werde letztlich zu Lasten der Bauern gehen, sagte Verbandssprecher Christian Sievertsen. Er sagte aber auch, dass Boykottaktionen wie in Deutschland "eigentlich nicht unser bevorzugtes Kampfmittel sind".

Bundeslandwirtschaftsminister Seehofer hat zur Zurückhaltung der Politik gemahnt. Er halte "in solchen Angelegenheiten" nichts von politischem "Aktionismus", sagte Seehofer. Was die Versorgung der Bevölkerung mit Milch und Milchprodukten angehe, sei derzeit "keine Situation gegeben, die für uns Anlass wäre, tätig zu werden", betonte der Minister. Sein Haus stehe in Kontakt zu den Verbänden, die die Milchbauern vertreten. Am Montag soll die Forderung der Bauern nach kostendeckenden Milchpreisen bei einem Treffen Seehofers mit seinen Ressortkollegen aus den Bundesländern auf der Tagesordnung stehen.

sam/AFP/AP/dpa

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: