Erfolgreichste Industrienationen Deutschland ganz unten

Viele reden vom Aufschwung, doch das Fazit der neuen Standortstudie der Bertelsmann-Stiftung ist ernüchternd: Im Vergleich der führenden Industrienationen ist Deutschland beim Wachstum Schlusslicht.


Gütersloh - Der Standort-Check der Stiftung zeichnet ein weiterhin trübes Bild. Im Erfolgsindex, der die Entwicklung der 21 wichtigsten Industrienationen in den Bereichen Wirtschaftswachstum und Beschäftigung misst, nimmt die Bundesrepublik weiterhin den letzten Platz ein. Irland, USA und Norwegen erhalten dagegen die besten Noten (siehe Grafik).

Forschung in Deutschland: Drohender Fachkräftemangel

Forschung in Deutschland: Drohender Fachkräftemangel

Gründe sind vor allem der geringe Zuwachs der Beschäftigung in Deutschland, der mit 0,7 Prozent deutlich geringer ausfällt als im Durchschnitt der restlichen Länder (1,1 Prozent). Auch das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Deutschland liegt mit rund 30.000 Euro deutlich unter dem Durchschnitt: In 15 der 21 betrachteten Staaten liegt das Pro-Kopf-Einkommen um bis zu 50 Prozent über dem deutschen Wert.

Anlass zur Hoffnung bietet hingegen die Platzierung im Aktivitätsindex, der als Frühindikator für den Erfolg wirtschaftspolitischen Handelns dient. Hier konnte Deutschland seinen Punktwert im Vergleich zum vergangenen Herbst leicht verbessern. Begünstigt wurde diese positive Entwicklung durch eine erhöhte Arbeitsmarktbeteiligung, eine verhältnismäßig geringe Arbeitslosenquote der Jugendlichen sowie die moderate Lohnpolitik der vergangenen Jahre.

Arbeitslosenquote mehr als doppelt so hoch

Doch bei den übrigen Kriterien schneidet Deutschland weiterhin schlecht ab. Insbesondere die Integration älterer Menschen in den Arbeitsmarkt erweist sich in Deutschland als gravierendes Problem.

Standort-Check: 21 Länder im Vergleich

Standort-Check: 21 Länder im Vergleich

Während die Arbeitslosenquote der 55- bis 64-Jährigen in den Vergleichsländern durchschnittlich bei 4,4 Prozent liegt, sind in Deutschland mit 11,3 Prozent etwa zweieinhalb Mal so viel Ältere von Arbeitslosigkeit betroffen.

Gleichzeitig ist die Erwerbsbeteiligung der älteren Menschen in Deutschland mit 44,2 Prozent extrem gering. "Insbesondere vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und dem drohenden Fachkräftemangel kann es sich die Bundesrepublik nicht länger erlauben, das Leistungspotential und den Erfahrungsschatz der älteren Arbeitnehmer in derart großem Umfang brach liegen zu lassen", forderte Vorstandsmitglied Johannes Meier bei der Vorstellung der Studie.

Baustelle Gesundheitssystem

Kritisch stelle sich weiterhin die Finanzsituation der öffentlichen Hand dar. Um die Verschuldungsproblematik in den Griff zu bekommen, seien - neben der geplanten Stärkung der staatlichen Einnahmen - weitere Kürzungen der Konsumausgaben und Subventionen erforderlich. Zudem müssten die Finanzbeziehungen zwischen Bund, Ländern und Kommunen weiter entflochten werden, da von der Mischfinanzierung erhebliche finanzielle Fehlanreize in Richtung höherer Verschuldung ausgingen, sagte Meier.

Dringenden Reformbedarf sehen die Experten der Bertelsmann Stiftung darüber hinaus im Gesundheitssystem. Vordringlich sei die Abkopplung der Krankheitskosten von den Arbeitskosten sowie die Einführung von Wettbewerb bei den Leistungsanbietern. Gleichzeitig sollte es den Versicherungen ermöglicht werden, nicht nur über den Preis, sondern stärker als bislang auch über das Leistungsangebot um die Versicherten zu konkurrieren.

Die Bertelsmann-Stiftung hatte im Herbst 2004 erstmals das Internationale Standort-Ranking veröffentlicht, das die Entwicklung der 21 wichtigsten Industrienationen in den Bereichen Wachstum und Beschäftigung vergleicht und bewertet. Der halbjährlich erscheinende "Standort-Check Deutschland" aktualisiert die Ergebnisse dieser Studie und prüft, ob die Bundesrepublik bei den wesentlichen Erfolgs- und Aktivitätsgrößen Fortschritte gemacht hat oder weiter zurückgefallen ist.

itz/mm.de



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