Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ermittlungen wegen Investoren-Abzocke: Börsenaufsicht wirft US-Milliardär Stanford massiven Betrug vor

Ein Betrug von "schockierenden Ausmaßen" an Investoren soll es sein: Die US-Finanzaufsicht SEC ermittelt gegen Milliardär Sir Robert Allen Stanford. Polizisten durchsuchten seine Firma in Houston, mehrere Vertraute sind unter Verdacht - und eine Verbindung zum Fall Madoff gibt es auch.

Hamburg/Houston/Washington - In den USA bahnt sich nach dem Fall Madoff ein neuer millionenschwerer Betrugsfall an. Dem texanischen Milliardär Sir Robert Allen Stanford, Betreiber von drei Finanzunternehmen, wird vorgeworfen, Anleger um riesige Summen gebracht zu haben

Texanischer Milliardär Stanford: Unwahrscheinlich hohe Zinsen versprochen
REUTERS

Texanischer Milliardär Stanford: Unwahrscheinlich hohe Zinsen versprochen

Pikant dabei: Es besteht eine Verbindung von Stanford zu Madoff. Die US-Finanzaufsicht SEC wirft der Stanford International Bank (SIB) vor, ihre Anleger nach Bekanntwerden des Falles Madoff ihre eigenen Anleger damit beruhigt zu haben, es bestünden keine direkten oder indirekten Verbindungen zu dem Betrüger. "Diese Versicherungen sind falsch", teilte die SEC mit. Die SIB habe durch den Fall Madoff Verluste erlitten, entgegen der Darstellung in der Öffentlichkeit. Der Ex-Broker Bernard Madoff soll im mutmaßlich größten Betrugsfall in der US-Wirtschaftsgeschichte Investoren mit einem Schneeballsystem um bis zu 50 Milliarden Dollar gebracht haben.

Die Vorwürfe gegen Stanford und seine drei Firmen reichen allerdings über die angeblich falschen Angaben zu Madoff hinaus. Mehreren Zeitungen und Nachrichtenagenturen zufolge ist von einem "massiven Betrug" die Rede. Stanfords Firmen hätten Anlegern "unwahrscheinliche und unbegründete" Versprechen über "sichere Renditen" von mehr als zehn Prozent gemacht, wird ein SEC-Beamter zitiert. Die SIB habe über eine Filiale im Steuerparadies Antigua Zertifikate für mehr als acht Milliarden Dollar verkauft und den Anlegern übertrieben hohe Zinsen versprochen. In den vergangenen Wochen war Kritik an Stanfords Firma laut geworden, weil sie offenbar Schwierigkeiten hatte, die hohen Zinsversprechen einzuhalten.

Razzia im Firmengebäude in Houston

Kaum hatte die Börsenaufsicht SEC an diesem Dienstag eine 25-seitige Klageschrift gegen Stanford bei einem Gericht im texanischen Dallas eingereicht, berichteten Augenzeugen von einer Razzia in der Millionenmetropole Houston: Rund 15 US-Marshals würden das Büro der Stanford Financial Group durchsuchen. Später hieß es, jemand habe ein Schild angebracht mit der Aufschrift: "Wir haben derzeit geschlossen. Die Geschäfte laufen weiter, aber unter dem Management eines Zwangsverwalters."

Die SEC ließ laut Gerichtsunterlagen Stanford und mehreren Managern Vorladungen zustellen, um Aussagen zu den Vorgängen zu bekommen. Keiner der Betroffenen sei dem nachgekommen, nicht einmal eine schriftliche Stellungnahme gebe es, beklagt die Börsenaufsicht.

Auch eine offizielle Reaktion des Konzerns auf die Razzien gab es zunächst nicht. Die Stanford Financial Group managt eigenen Angaben zufolge Vermögenswerte von mehr als 50 Milliarden Dollar. Sie zählt 30.000 Kunden in 131 Ländern.

Die SEC, die Finanzaufsichtsbehörde Finra und Regulierungsbehörden in Texas und Florida durchleuchten den Berichten zufolge derzeit die Geschäfte der SIB. Geprüft wird, wie die Bank hohe Renditen auf Zertifikate zahlen konnte, die nach Angaben des Instituts vor allem in Aktien, Immobilien und Edelmetalle investiert wurden und in den vergangenen Monaten überwiegend Wertverluste verzeichnet haben.

Die Ermittlungen richten sich nun gegen Stanford sowie gegen zwei weitere hochrangige Manager der Stanford Group. Einigen Berichten zufolge wird auch gegen Familienmitglieder Stanfords und Freunde ermittelt.

Cricket-Verbände verschmähen Geld von Stanford

"Wir werfen Stanford und seinem engsten Familien- und Freundeskreis, mit dem er sein Unternehmen führt, vor, einen massiven Betrug begangen zu haben, basierend auf falschen Versprechungen und erfundenen Renditedaten - mit dem Ziel, Investoren auszunehmen", zitiert die "Financial Times" eine SEC-Mitarbeiterin. Eine andere Mitarbeiterin der Behörde wird im "Telegraph" mit den Worten zitiert, es gehe "um einen Betrug von schockierenden Ausmaßen, dessen Tentakel in die ganze Welt reichen".

Um welche Summen es bei dem mutmaßlichen Betrug genau gehen soll und wie die Investoren um ihr Geld gebracht worden sein sollen, teilte die SEC nicht mit. Es hieß lediglich, in den vergangenen Wochen seien rund 200 Millionen Dollar von Firmenkonten verschwunden.

Die Cricket-Verbände von England und den West Indies teilten unmittelbar nach Bekanntwerden der Ermittlungen gegen Stanford mit, sie würden Gespräche mit dem Unternehmen über ein Sponsoring unterbrechen. Der texanische Milliardär, der für seine Cricket-Leidenschaft bekannt ist und teure Turniere finanziert haben soll, unterstützt diese Verbände mit Millionensummen. Auf diese Hilfe wolle man nun verzichten, bis die Vorwürfe geklärt seien, teilte das "England and Wales Cricket Board" mit.

kaz

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: