Ernährungskrise Entwicklungshelfer vermissen Milliardenpaket gegen Hunger

Für Banken gibt es Milliarden - für einen riesigen Teil der Menschheit so gut wie nichts: Die Hilfsorganisation Oxfam prangert in einer neuen Studie an, dass die Welthungerkrise völlig in Vergessenheit gerät. Fast eine Milliarde Menschen leiden ihr zufolge inzwischen unter Versorgungsnöten.

Von Petra Sorge


Hamburg - "Wir hängen abends immer einen Topf übers Feuer, damit die Kinder denken, dass wir Essen kochen", sagt Aliou aus Mauretanien. "Das gibt ihnen Hoffnung. Wenn wir ihnen sagen würden, dass wir nichts zu essen haben, würden sie anfangen zu weinen."

Ägyptische Frauen stehen für subventioniertes Brot an: Fast eine Milliarde Menschen hungern inzwischen weltweit
AP

Ägyptische Frauen stehen für subventioniertes Brot an: Fast eine Milliarde Menschen hungern inzwischen weltweit

Der Fall Aliou ist einer von 923 Millionen Hungernden weltweit. Vor Monaten bestimmte ihr Schicksal noch die Schlagzeilen - inzwischen ist es wieder in Vergessenheit geraten.

Der drastische Anstieg der Lebensmittelpreise in den vergangenen Monaten hat den Hunger weltweit verschärft. Tatsächlich sind inzwischen fast eine Milliarde Menschen weltweit davon bedroht. Das geht aus einer Studie der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam hervor.

"Während für die Finanzkrise Milliardenbeträge bereitgestellt werden, scheint die Welternährungskrise vergessen", sagt Marita Wiggerthale, Handelsexpertin von Oxfam Deutschland. Auf der Welternährungs-Konferenz in Rom hatten die Industrieländer 12,3 Milliarden US-Dollar für die Hungerhilfe versprochen - bisher wurde lediglich eine Milliarde gezahlt. Zum Vergleich: Für die angeschlagenen Banken übernimmt die Bundesregierung Risiken in Höhe von bis zu 500 Milliarden Euro.

Verluste für Kleinbauern - Rekordgewinne für Großkonzerne

Nach einer Uno-Schätzung wären 25 bis 40 Milliarden US-Dollar nötig, um die Hungerkrise zu überwinden. Doch die Hilfszahlungen für die Landwirtschaft haben sich von 18 Prozent in den achtziger Jahren auf knapp 4 Prozent verringert.

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Das Fatale daran: Während die Entwicklungshilfe zurückging, schnellten die Lebensmittelpreise in die Höhe. Innerhalb von 14 Monaten ist etwa der Preis für Reis in Bangladesch um 66 Prozent gestiegen. Im Senegal hat sich der Weizenpreis verdoppelt, in Somalia sogar vervierfacht.

"In den Entwicklungsländern geben Familien knapp zwei Drittel ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Schon eine leichte Teuerung treibt die Ärmsten der Armen in den Hungertod", heißt es in der Studie. Der rasante Anstieg der Lebensmittelpreise bedrohe aber auch die Bessergestellten: Der Studie zufolge sind weitere 260 Millionen Menschen, die kaum noch für ihr Essen zahlen können, von Armut bedroht.

"Man sollte meinen, dass auch die Millionen Kleinbauern in den armen Ländern vom jüngsten Anstieg der Nahrungsmittelpreise profitieren", sagt Wiggerthale. "Doch das trifft nicht zu." Die Gründe: Die meisten Bauern sind zugleich Konsumenten - und die Preise für etwa Saatgut und Pestizide sind fast um das Dreifache gestiegen. Auch Missernten und eine schwache staatliche Infrastruktur erschweren die Lebensbedingungen der Kleinbauern. In Ländern wie Zambia und Malawi hat sich die Armut in ländlichen Gebieten deshalb fast doppelt so stark erhöht wie in Städten.

Denn tatsächlich sind die Profite aus den Preissteigerungen der Studie zufolge ausschließlich an wenige internationale Lebensmittelkonzerne und Supermarktketten gegangen. So hat der Lebensmittelkonzern Nestlé seinen weltweiten Umsatz im ersten Halbjahr um neun Prozent gesteigert. Die englische Supermarktkette Tesco verzeichnete ein Plus von zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Rekordgewinne gingen an den weltgrößten Saatgut-Hersteller Monsanto: Mit 3,6 Milliarden US-Dollar stiegen die Gewinne bereits im ersten Quartal um 26 Prozent.

Uno-Task-Force zur Bekämpfung des Hungers

Die weltweite Reaktion auf die Lebensmittelkrise und die Hungernöte bezeichnen die Autoren der Studie als "völlig unangemessen". Die reichen Länder hätten zu viel Zeit vergeudet, die Entwicklungsländer zu kritisieren, anstatt selbst nach Lösungen zu suchen. "Die Mitgliedstaaten der EU zwingen die armen Länder Afrikas, der Karibik und des pazifischen Raums, ihre Märkte für Waren, Investitionen und Dienstleistungen aus Deutschland und der EU zu öffnen", sagt Handelsexpertin Wiggerthale. Die Ernährungssicherheit dieser Länder komme beim Abschluss der Freihandelsabkommen aber unter die Räder.

Zur Bewältigung der Krise schlägt die Entwicklungshilfeorganisation deshalb ein Zehn-Punkte-Programm vor. Entwicklungsländer sollten den Kleinbauern langfristig unter die Arme greifen und öffentliche Investitionen in die Landwirtschaft steigern. Außerdem müssten die Regierungen die Gewerkschaften stärken und die sozialstaatlichen Ausgaben erhöhen, mit Geld aus den Industrieländern. Oxfam fordert eine von der Uno geleitete Task Force aus Weltbank und reichen Industriestaaten. Gleichzeitig müssten Agrar-Dumping und Marktöffnung einem fairen Handel weichen - was aber wenig wahrscheinlich ist. Denn das haben die westlichen Industrienationen schon abgelehnt, bevor die Finanzkrise die eigenen Volkswirtschaften schwächte.

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