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Erneuerbare Energien: Obama will USA zur Öko-Supermacht machen

Von , New York

Die USA haben Deutschland bei der Windkraftproduktion vom Spitzenplatz verdrängt, aber der Regierung Obama reicht das nicht: Der Präsident will den Ausbau der erneuerbaren Energien weiter forcieren. Doch im Kongress gibt es Widerstand - ausgerechnet von den Demokraten.

New York - Staten Island ist das vernachlässigte Stiefkind New Yorks. Der "fünfte Stadtteil" wird meist vergessen, überschattet von seinen interessanteren Geschwistern Manhattan, Brooklyn, Queens und der Bronx. Touristen kennen die dünnbesiedelte, ländliche Insel nur von der gleichnamigen Fähre, die viele zum Hafen-Sightseeing nutzen, ohne sie je zu verlassen.

Windrad in der Nähe von Boston: Obama verkündet "Energiewende" Zur Großansicht
AP

Windrad in der Nähe von Boston: Obama verkündet "Energiewende"

Das könnte sich ändern. Geht es nach Stadtteilpräsident James Molinaro, wird auf Staten Island New Yorks erste Mega-Windfarm entstehen - sieben Windturbinen, rund 120 Meter hoch und in der Lage, mit ihrem Strom 5000 Haushalte zu versorgen. Molinaro glaubt auch schon den perfekten Standort gefunden zu haben: Fresh Kills, einst die größte Müllkippe der Welt im Herzen Staten Islands, aus der ein Freizeitpark werden soll.

Windkraft soll neuer Wachstumsmarkt werden

Molinaro, ein Konservativer, propagiert diesen Plan seit Jahren - und seine Chancen haben sich jetzt spürbar verbessert: Zum einen will Bürgermeister Michael Bloomberg New York zur grünsten Stadt Amerikas machen, unter anderem mit Windkraftwerken auf Wolkenkratzern - eine abenteuerliche Vision, die Molinaros Projekt plötzlich zur realistischen Variante aufwertet. Zum anderen hat Präsident Barack Obama die Windkraft zum neuen Wachstumsmarkt der US-Wirtschaft erkoren.

Das Land stehe vor einer massiven "Energiewende", verkündete Obama am Dienstag. Wind-, Solar- und andere natürliche Stromquellen "werden unsere Abhängigkeit von ausländischem Öl reduzieren und die CO2-Verschmutzung bekämpfen, die unseren Planeten bedroht". Das Repräsentantenhaus, das diese Woche über ein bahnbrechendes, 1201 Seiten starkes Umwelt- und Energiegesetz debattiert, drängte er zum Handeln: "Die Nation, die bei der Entwicklung einer sauberen Energiewirtschaft führt, wird die Nation sein, die die Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts führt."

Tatsächlich liegt die Windenergie Obama besonders am Herzen. Am Earth Day im April besuchte er eine Windturbinenfabrik in Iowa, dem Staat, in dem sein präsidialer Siegeszug begann. Jeder, sagte er da, gewinne bei der Windkraft: "Es ist gut für die Umwelt, es ist toll für die Wirtschaft." Öko-Trends als Konjunkturspritze, grüne Wirtschaft als Ausweg aus der Krise: So argumentierte Obama bereits im Wahlkampf.

Deutschland vom Spitzenplatz verdrängt

Und damit ist er nicht allein: Auch der legendäre Ölmann T. Boone Pickens wirbt seit vergangenem Jahr mit einer landesweiten und offenbar erfolgreichen Internet- und PR-Kampagne für die Windkraft. "Wir zahlen 700 Milliarden Dollar im Jahr für Auslandsöl", klagt er. "Das macht uns kaputt."

Dabei sind die USA schon heute Weltmarktführer in der Windkraftproduktion. In 2008 verdrängten sie nach Angaben der - ironischerweise in Bonn beheimateten - World Wind Energy Association (WWEA) Deutschland vom Spitzenplatz, mit einer Gesamtkapazität von 25.170 Megawatt. Zugleich legte die amerikanische Windbranche mit 8351 Megawatt und einer Wachstumsrate von 50 Prozent deutlicher zu als in jedem anderen Land.

Das erstaunt nicht, denn allein in den Prärien des Mittleren Westens ist es windig genug, um das 16-fache des US-Strombedarfs zu erzeugen. Derzeit könnten die Windfarmen schon rund acht Millionen Haushalte versorgen. Neun Bundesstaaten produzieren mehr als tausend Megawatt, allen voran Texas (7907 Megawatt), Iowa (2883 Megawatt) und Kalifornien (2653 Megawatt). Der Staat New York schob sich kürzlich auf Platz sieben, indem er erstmals tausend Megawatt überschritt.

Selbst Hinterzügler wie Nebraska (Nr. 22 der US-Windkraftproduktion) wollen mitmischen. Der bevölkerungsarme, doch windreiche Staat im Herzen des Landes hofft, durch den Bau von 2600 neuen Turbinen bis 2030 ein Fünftel seines Stroms aus Wind gewinnen zu können - gemäß dem landesweiten Wunschziel des National Renewable Energy Laboratory (NREL), dem Top-Windkraft-Forschungslabor der USA.

56 Milliarden Dollar für saubere Energie

Noch preschen die Bundesstaaten voran, doch auch Washington schließt langsam auf: "Immer mehr US-Staaten schaffen günstige gesetzliche Rahmenbedingungen für Windenergie und versuchen, Investoren anzulocken", schreibt die WWEA in ihrem Jahresbericht 2008. "Es kann damit gerechnet werden, dass auch die Obama-Regierung die politischen Bedingungen für Windkraft wesentlich verbessern wird."

In der Tat enthält Obamas Konjunkturpaket vom Februar unter anderem 56 Milliarden Dollar an Steuervergünstigungen und Zuwendungen für saubere Energieproduktion, namentlich Windkraft. Bevor Obama das Gesetz in Denver unterzeichnete, besichtigte er die Solarzellen-Paneele auf dem Dach des dortigen Museums of Nature and Science.

So etwas spricht sich auch im Ausland herum. Siemens plant eine Fabrik für Windturbinen in Kansas. Und gerade erst erwarb der irische Energiekonzern Mainstream Renewable Power, von Obamas Unterstützung gelockt, drei Windfarmen in der Nähe von Chicago, wo kürzlich auch die größte Windkraftmesse der Welt stattfand - mit 1280 Ausstellern.

Allein in die Windfarmen in Illinois will Mainstream über die nächsten vier Jahre 1,7 Milliarden Dollar investieren. "Der US-Markt ist für Mainstream von strategischer Bedeutung", erklärte Vorstandschef Eddie O'Connor. "Das Ausmaß der Chance spiegelt sich in Präsident Obamas Konjunkturpaket deutlich wieder."

Doch Obama stößt auch auf Widerstand - wie bei den meisten seiner Mammutprojekte. Neben technologischen und ökonomischen Problemen sperren sich vor allem die Kollegen aus der Politik. So hat Obama im Wahlkampf zwar versprochen, dass bis 2025 ein Viertel des US-Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen werde - ein Ziel, das Umfragen zufolge mehr als 75 Prozent der Amerikaner begrüßen. Doch der Energieausschuss des Senats drückte diesen "Renewable Electricity Standard" (RES) im Rahmen des Umweltgesetzes vorige Woche mit deutlicher Stimmenmehrheit auf 15 Prozent.

Widerstand von den Demokraten

Bislang hat sich der Streit im Kongress über das umfassende Paket - das die schärfste Wende in der US-Umweltpolitik seit Jahrzehnten markiert - weitgehend hinter den Kulissen abgespielt. Doch er dürfte sich bis Ende der Woche zuspitzen - denn das Repräsentantenhaus hat sich dazu selbst ein Ultimatum gesetzt: Es will den American Climate and Energy Act (ACES) vor der Sitzungspause zum Nationalfeiertag am 4. Juli auf den Weg bringen und hat für diesen Freitag eine Plenarabstimmung angesetzt. Die größten Differenzen offenbaren sich dabei aber nicht zwischen Demokraten und Republikanern - sondern ausgerechnet innerhalb der Demokratischen Partei.

Wie konträr die Interessenlage dabei ist, hat die Polit-Website "Politico" zusammengefasst: Moderate Demokraten bekritteln die Kosten, ländliche Demokraten sorgen sich um die Farmer, schwarze Demokraten fürchten höhere Stromkosten für Arme, wahlgefährdete Demokraten monieren, dass das Weiße Haus bisher nur intern Stellung bezogen habe. Diese Kritik immerhin hebelte Obama am Dienstag aus, indem er das Gesetz zu einem der drei Themen seiner Pressekonferenz machte und es "außerordentlich wichtig" nannte.

Wie wichtig, das zeigt schon der Kernpunkt der neuen Vorschriften zum Emissionshandel: So soll der Ausstoß von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen bis 2020 um 17 Prozent unter die Werte von 2005 gedrückt werden - eine Kompromissformel, nachdem sich 20 Prozent nicht durchsetzen ließen. Zugleich soll das Gesetz die USA in eine neue Ära effizienter Technologien und umweltfreundlicher Energie katapultieren.

Der Windbranche ist das freilich noch nicht genug. "Der Nation fehlt es weiter an einem langfristige Signal, um erneuerbare Energie in größerem Maßstab zu produzieren", findet Denise Bode, die Vorsitzende der American Wind Energy Association (AWEA), in der rund 1900 US-Windenergiefirmen vertreten sind.

Und noch etwas droht demnächst zu fehlen - der Wind. Nach einer Studie der Iowa State University, die im August im Fachblatt "Journal of Geophysical Research" veröffentlicht werden soll, sind die Windstärken in den USA in den letzten 30 Jahren um bis zu 30 Prozent zurückgegangen. Das entspricht einer Abflauung von bis zu einem Prozent pro Jahr.

Unter den möglichen Ursachen: veränderte Landschaften - und der Klimawandel.

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Forum - Obamas Kampf fürs Klima: Kann der US-Präsident die Welt retten?
insgesamt 851 Beiträge
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1.
Edgar, 22.05.2009
Zitat von sysopDie Klimawende war eines der wichtigsten Wahlkampfversprechen Barack Obamas - aber sie droht zu scheitern. Die ehrgeizigen Ziele könnten in Verhandlungen mit Parlament und Industrie aufgerieben werden. Scheitern Barack Obamas wichtigste Wahlversprechen an der mühsamen Umsetzung in die Realität? Diskutieren Sie mit!
Seine Wahlversprechen scheitern sowieso. Kein Präsident, der maximal zwei Wahlperioden im Amt bleiben kann, ist imstande, Pläne bis ins Jahr 2050 zu machen. Wer so etwas verspricht, ist ein Scharlatan.
2.
Jochen Binikowski 22.05.2009
Auch Obama wird das Kernproblem nicht lösen können: Solange fossile Energien in der Herstellung billiger sind als die regenerativen Energien, werden diese auch bis zur letzten Tonne/Barrel verfeuert werden. Ändern könnte sich das nur: 1. Bei stark steigenden Weltmarktpreisen für fossile Energien. 2. Durch neue Technologien werden die alternativen Energien deutlich billiger, denn eine Subventionierung alternativer Energien im großen Stil ist nicht finanzierbar. Da helfen auch noch soviele Klimakonferenzen und Regierungsbeschlüsse nicht wirklich weiter.
3. Das CO2-Märchen ist zu beenden!
derweise 22.05.2009
Das CO2-Märchen ist zu beenden! CO2 hat in der Luft eine Konzentration von 0,04 %! Stickstoff dagegen gibt es mit 78 %!
4. Oabamen, des wird nix
moordruide 22.05.2009
Hilfe, noch einer wie Al Gore? ich wandere zum Mars aus, sofort. es ist zum gotts oabamen.
5. und ?
Frederik72 22.05.2009
Zitat von derweiseDas CO2-Märchen ist zu beenden! CO2 hat in der Luft eine Konzentration von 0,04 %! Stickstoff dagegen gibt es mit 78 %!
und was soll uns dieser Vergleich mit Stickstoff jetzt sagen ?
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