Essay Warum die New Economy gewinnen wird

In einem Essay für SPIEGEL ONLINE erklärt der Trendforscher Peter Wippermann die neuen Spielregeln der Internet-Mediengesellschaft. Seine These: Wer nicht angeschlossen ist, wird ausgeschlossen.

Von Peter Wippermann


Computernutzer: "Nichts ist, was nicht in den Medien ist"
DDP

Computernutzer: "Nichts ist, was nicht in den Medien ist"

Warum eröffnet Quelle bei eBay eine eigene Vertriebsschiene? Wieso haben deutsche Apotheker Angst vor der Online-Apotheke? Weshalb suchen monatlich 3,4 Millionen Deutsche bei Internet-Kontaktbörsen nach einem Partner? Ist die New Economy nicht von den Finanzfachleuten feierlich zu Grabe getragen worden? Ja. An der Börse. Hier wurden eine Billion Euro allein in Deutschland verspekuliert.

Die Analysten mussten ihre Fehleinschätzung inzwischen teuer mit Vertrauensentzug bezahlen. Ihre Glaubwürdigkeit rangiert jetzt zwischen denen von Werbern und Autohändlern, so eine Untersuchung des Marktforschungsinstituts Allensbach. Der technologische Wandel von der Industrie- zur Mediengesellschaft lässt sich aber dadurch nicht aufhalten.

Zehn Jahre nach der Erfindung des World Wide Web (WWW) haben die Basisinnovationen der New Economy unsere Alltagskultur verändert. Eine amerikanische Familie spart schon heute pro Jahr 4500 Dollar durch Online-Shopping. Andrew Growe, ehemaliger CEO von Intel Chart zeigen, stellte zum Jahrestag des WWW im April 2003 fest: "Alles, was wir über das Internet gesagt haben, ist eingetreten."

Grob nach unten verschätzt

Im amerikanischen Business-to-Business-Bereich der Wirtschaft wurde online doppelt so viel umgesetzt wie ursprünglich erwartet. 1999 schätzte man den Umsatz für 2003 auf 1,3 Billionen Dollar. Im April 2003 korrigierte das amerikanische Wirtschaftsblatt "BusinessWeek" die Zahl auf 2,4 Billionen US-Dollar. So wie sich früher die Aktivitäten einer Gesellschaft um Häfen, Eisenbahnlinien und Straßen entwickelt haben, so organisieren sich unsere Aktionen zunehmend um die Infrastruktur Internet:

  • Wir haben mehr Rechner in den Haushalten als jemals zuvor. 68 Prozent der deutschen Internetnutzer sehen das Netz der Netze als Shopping-Kanal an, so eine Studie von Fittkau & Maaß.
  • Die Rechnerkapazität und der Grad der Professionalisierung im Umgang mit Computern und Druckern steigt, vor allem in den Kinderzimmern.
  • Der praktische Nutzen ist wichtiger geworden als die technische Faszination der Angebote.
  • Das kabellose Internet (WLan), steht vor dem Eintritt in den Massenmarkt. Starbucks, T-Mobile und Hewlett-Packard haben bereits 2000 Coffee-Shops in San Francisco für das mobile Internet ausgerüstet. Hot-Spots werden auch in deutschen Großstädten populär.
  • Mobile Gaming wurde im Herbst von Nokia Chart zeigen eingeführt und vereint Online- und Mobilfunkangebot im ertragreichen Markt der Computerspiele.

    Ziehen wir einmal das Internet-
    Vorzeigeunternehmen, die Auktionsplattform eBay Chart zeigen zur Analyse heran: Pierre Omidyar hatte 1995 die Idee, die Prinzipien der Flohmärkte und Garagenverkäufe ins Internet zu übertragen. Selbstorganisation durch die Marktteilnehmer, freie Preisgestaltung durch den Wettbewerb von Angebot und Nachfrage und die Begrenzung des Handels durch ein Zeitlimit waren die Rahmenbedingungen. Die Konsumenten werden im Netz zu Händlern. Das Vertrauen in Lieferung und Zahlung sichert das Onlinehaus. Bezahlt wird eine Provision für die optimale Nähe zwischen Verkäufer und Käufer.

    Heute verkauft eBay unter anderem weltweit alle zwei Sekunden Textilien. Als Auktionsbörse für private Secondhand-Angebote geplant, war die Zahl der aktiven Nutzer (heute 47 Millionen User in 26 Ländern) so groß geworden, dass auch professionelle Händler begannen, zuerst ihre Restbestände, dann neue Waren bei eBay zu versteigern. Das Bemerkenswerte: eBay wurde nicht als Textilunternehmen gegründet und wird auch in keiner Statistik als Textilunternehmen geführt.

    Willkommen in der Mediengesellschaft

    Selbst als Online-Händler wird man eBay vergeblich in den Handelsstatistiken suchen. Das ist nach Aktenlage korrekt, denn eBay ist ein Auktionshaus. An der Veränderung des Verhältnisses von Produzenten zu Konsumenten ändert das nichts. Unter den neuen Medienbedingungen verschiebt sich die Macht vom Anbieter zum Käufer.

    Wir sind in der Mediengesellschaft angekommen. Wir sehen uns neuen Spielregeln gegenüber, die Gesetze der Industriegesellschaft verlieren zunehmend an Bedeutung. Das Programm der Mediengesellschaft wird die Selbstorganisation und totale Individualisierung der Konsumenten auf der einen Seite sowie eine globale Monopolisierung der Geschäftsmodelle auf der anderen Seite sein.

    Natürlich befinden wir uns noch in der Frühphase des Online-Handels. In Deutschland werden 2003 etwa elf Milliarden Euro als E-Commerce-Umsätze zu erwarten sein, das sind gerade mal 2,1 Prozent des Einzelhandelsumsatzes, prognostiziert der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels. Doch ein Drittel der Gesamtwirtschaft wurde bereits durch das Internet verändert. Zu den Innovatoren zählen die Branchen:
  • Finanzservices mit Online-Banking
  • Computer mit Software-Downloads
  • Musik mit Filesharing und MP3
  • Reisen mit Online-Buchungen
  • Handel mit Onlinetrading
  • Foto mit Uploads in Datenbanken und MMS
  • Der Fotomarkt macht die Radikalität der Veränderung deutlich. Die traditionelle Wertschöpfungskette der Fotobranche: Kamera, Film, Labor und Album, hat sich unter interaktiven Medienbedingungen neu organisiert. Computerproduzenten bauen digitale Fotoapparate für traditionelle Kamerahersteller und etablieren eigene Marktangebote. Druckerhersteller verdrängen Fotolabore. Globale Allianzen wie Kodak/AOL sowie Fujifilm/Wal-Mart bieten das Bearbeiten, Archivieren und Versenden von Fotos an, global natürlich. Welches Fotolabor war bisher auf dem Weltmarkt tätig? Keins.



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