Ethanolsprit aus Brasilien Blut im Tank

Die Industriestaaten kaufen im großen Stil Biosprit aus Brasilien. Der Treibstoff, hergestellt aus Zuckerrohr, gilt als äußerst preiswert. Doch die Produktion geht auf Kosten der Plantagenarbeiter. Der Menschenrechtsaktivist Pater Tiago spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Schattenseiten des Ethanol-Booms.


SPIEGEL ONLINE: Pater Tiago, die Bundesregierung hat mit Brasilien einen Energie-Vertrag geschlossen. Es geht darum zu klären, unter welchen Bedingungen brasilianisches Ethanol aus Zuckerrohr - der effizienteste Biosprit - aus deutschen Zapfsäulen fließen könnte. Ethanol kann helfen, Klimaziele zu erreichen. Doch es soll sozialverträglich und umweltfreundlich produziert werden. Ist das möglich?

Tiago: Rund eine Million Menschen arbeiten jetzt schon für Brasiliens Ethanol-Industrie, etwa 400.000 davon sind Zuckerrohrschneider. Mit dem Ökoboom werden es täglich mehr. Aber sehr viele von ihnen werden gehalten wie Sklaven. Die Arbeitsbedingungen sind grausam, die Löhne lächerlich, ihre Kinder hungern. Brasilien hat ja bereits erstklassige Arbeitsgesetze; Sklaverei ist natürlich verboten. Aber diese Gesetze werden nicht befolgt und auch kaum durchgesetzt. Und wenn die Deutschen auf sauberen Agrosprit warten wollen, werden sie ewig warten. Abkommen und Vorschriften helfen da wenig.

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SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Tiago: Die großen Plantagen gehören sehr alten, reichen und mächtigen Familien. Auf ihren Latifundien herrschen seit 500 Jahren die Gesetze der Feudalzeit. Capangas, die Milizen der Zuckerbarone, haben die Macht auf dem Land, und nicht Beamte in der fernen Hauptstadt Brasília.

SPIEGEL ONLINE: Wie leben und arbeiten Zuckerrohrschneider?

Tiago: Viele dieser Männer sind ehemalige Kleinbauern, die oft mit Gewalt von ihren Farmen vertrieben wurden. Die Zuckerbarone gewinnen doppelt: Sie bekommen das Land und gewinnen billige Arbeitskräfte. Denn die Männer landen in den Schlafstädten und Slums der Zuckerrohrschneider, weil es für sie keine andere Arbeit mehr gibt. Das Problem ist das Prinzip der Zuckerrohr-Monokultur auf dem Land - sie ist inhärent gewalttätig, sie verdrängt alles andere, in rasendem Tempo, weil die Nachfrage nach Ethanol international wächst. Sechs Tage pro Woche arbeiten die Männer im Akkord, in glühender Hitze, zwischen Staub und Asche, ohne Schatten und oft ohne ausreichend Trinkwasser. Die Arbeit ist extrem hart, und sie ist gefährlich. Viele werden krank, verletzen sich, manche sterben auf den Plantagen. Wenn sich die Deutschen Ethanol in den Tank kippen wollen, müssen sie wissen, dass sie auch Blut tanken.

SPIEGEL ONLINE: Jedes Jahr befreien brasilianische Ermittler Hunderte Sklaven von den Plantagen, die etwa mit Drohungen oder angeblichen Schulden zur Arbeit gezwungen werden. Es scheint doch, dass die Regierung in Brasília einiges für die Arbeiter tut.

Tiago: Ein paar hundert, ja - aber Hunderttausenden können die Ermittler nicht helfen. Es gibt viele Formen der Sklaverei, manche subtiler, manche direkter.

SPIEGEL ONLINE: Die Arbeiter kommen doch freiwillig, und sie werden bezahlt.

Tiago: Sie haben keine andere Wahl, und was sie verdienen, ist ein Hungerlohn, ungefähr 150 Euro im Monat - und das auch nur während der Erntezeit, also fünf bis sechs Monate pro Jahr. Solange die Männer jung sind, können manche im Akkord mehr schaffen, aber auf Dauer halten sie das nicht durch. Es gibt eine neue Studie, nach der die Zuckerrohrsklaven vor dem Verbot der Sklaverei 1888 im Schnitt besser ernährt wurden als ihre Nachfolger heute. Und wenn sie krank werden oder alt - alt heißt hier auf den Plantagen über 40 - was machen sie dann? Die Monokultur verbaut ihnen jeden Ausweg.

SPIEGEL ONLINE: Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva argumentiert, Brasiliens Ethanol-Industrie schaffe Arbeit für Arme und mache das Land konkurrenzfähiger.

Tiago: Sicher. Die USA pflanzen Mais, die Europäer Zuckerrüben, um Ethanol zu produzieren. Und die Bauern dort kommen gegen Brasilien natürlich nicht an. Die haben eben keine Sklaven. Brasilien produziert Agrosprit billiger als jedes andere Land weltweit, weil die Männer dafür leiden. Sie haben Arbeit, aber auch Hunger. Volle Tanks, leere Bäuche - das ist das Prinzip brasilianischen Agrosprits. In Brasilien gibt es zudem eine enorme Konzentration von Land und Geld in den Händen weniger - wer kann schon mit solchen Betrieben konkurrieren?

SPIEGEL ONLINE: Im flachen Süden Brasiliens können die Plantagenbesitzer immer häufiger moderne Erntemaschinen einsetzen, wenn auch nicht im hügeligen Norden. Lösen diese Maschinen das Problem zumindest teilweise?

Tiago: Jede Maschine kann auf ebenem Terrain 80 bis 100 Zuckerrohrschneider ersetzen. Die Männer werden also arbeitslos. Und zuvor hat ihnen die Monokultur jede andere Möglichkeit genommen, ihre Familien zu ernähren. Wo einst Farmen waren, sind ja jetzt grüne Wüsten. Die Erntemaschinen sind also keine Lösung, sie sind ein anderes Problem.

SPIEGEL ONLINE: Wie sähe denn eine Lösung aus?

Tiago: Anständige Löhne und dann eine echte Landreform. In Brasilien steht sie seit Jahrzehnten auf der politischen Agenda, sie war auch auf Präsident Lulas Agenda. Ungenutztes Land oder Staatsland sollte freigegeben werden für Kleinbauern. Aber der Ethanol-Boom führt dazu, dass Land immer wertvoller und teurer wird. Ich fürchte, aus der Landreform wird nichts.

Das Interview führte Clemens Höges

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