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EU-Agrarhilfen: Experten rügen Subventionswahn

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Zuckerkonzerne, Rinderzüchter ohne Rinder und ein Brillen-Millionär - die Offenlegung der Agrarsubventionen zeigt, dass EU-Gelder nicht bei denen ankommen, die sie wirklich brauchen. Angesichts der Auswüchse bei den Beihilfen fordern Experten die Reform der Milliardenhilfen.

Hamburg - 34,4 Millionen Euro bekommt Südzucker, 10,2 Millionen Euro gibt es für Schleswig-Holstein, über acht Millionen kriegt der Kartoffelstärkeproduzent Emsland und selbst für den inzwischen abgewickelten Agrar-Marketingverein CMA gab es im vergangenen Jahr noch fast sechs Millionen Euro - das alles zeigen die am Dienstag nach langem Streit veröffentlichten Zahlen über die Empfänger von Agrarbeihilfen in der Europäischen Union.

Traktor auf einem Feld: Subventions-optimierte Betriebe schöpfen gezielt Geld ab Zur Großansicht
AP

Traktor auf einem Feld: Subventions-optimierte Betriebe schöpfen gezielt Geld ab

Doch das ist nur die Spitze des Eisberges: Wer sich durch die Datenbank der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) kämpft, dem wird klar, wie viele Absurditäten sich in dem Subventionssystem für Bauern finden. Da gibt es zum Beispiel das Gut Klein Wanzleben, das im vergangenen Jahr insgesamt mehr als 2,6 Millionen Euro aus dem Topf der EU bekommen hat. Allerdings nicht für die Schweine, die dort gemästet werden, sondern für die Rinder, die dort schon lange nicht mehr weiden. Denn in den neunziger Jahren wurde zu viel Rindfleisch produziert, deshalb einigte sich die EU im Jahr 2001 darauf, den Bauern Entschädigung zu zahlen, die sich von ihren Rindern trennten - und sie zahlt bis heute.

Geld für den Biohof des Brillen-Krösus

Oder es gibt Günther Fielmann, dem die gleichnamige Optikerkette gehört und der unter anderem auf seinem Hof in Lütjensee Biolandwirtschaft betreibt. Dafür bekam er im vergangenen Jahr 489.192 Euro von der EU. Auch der Hof von Carl-Albrecht Bartmer, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), wurde im vergangenen Jahr mit 365.984,83 Euro gefördert. Bartmer ging nach der Wende nach Ostdeutschland, hat das Gut Löbnitz übernommen und betreibt dort in großem Stil durchrationalisierte, industrielle Landwirtschaft: Mit wenigen Menschen viel Ertrag auf viel Fläche erwirtschaften. Und die LSG Zollzweckgemeinschaft, eine Tochterfirma der Lufthansa, erhielt immerhin noch 106.276 Euro. Dafür, dass der Airline-Caterer auf den Flügen über die EU-Grenzen hinaus Zucker, Kaffeesahne und Brötchen serviert - also Agrarprodukte exportiert.

Die Beispiele zeigen: Die Milliarden, die die EU jedes Jahr unter dem Stichwort Agrarsubventionen verteilt, erreichen längst nicht nur jene, die sie wirklich brauchen. "Die rund sechs Milliarden Euro, die in Deutschland ausgegeben werden, gehen schon lange nicht mehr nur an landwirtschaftliche Betriebe, sondern auch an die Lebensmittelindustrie, Futtermittelhersteller und Exporteure von Agrarprodukten", sagt Martin Hofstetter, Agrarexperte von Greenpeace. "Das Problem ist, dass das Geld weder nach Bedürftigkeit verteilt, noch nach bestimmten Kriterien wie Umwelt- und Tierschutz oder Arbeitsplatzerhalt vergeben wird." Stattdessen gebe es inzwischen "subventions-optimierte" Betriebe, die gezielt Geld abschöpften.

Dass der gesamte Agrarsektor überhaupt so hoch subventioniert wird, ist historisch bedingt: Um eine Eigenversorgung mit Lebensmitteln zu gewährleisten und die Produktion anzukurbeln, wurden die Preise von Lebensmitteln seit den sechziger Jahren künstlich hochgehalten - auch, weil damals noch ein großer Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig war. Zwar änderte sich im Laufe der Jahrzehnte die Art der Unterstützung - statt produktbezogener Prämien gibt es inzwischen direkte Zahlungen an die Bauern. Doch mit 40 Milliarden Euro haben die Agrarsubventionen immer noch den höchsten Anteil im Haushalt der EU.

Subventionen zerstören Landwirtschaft in Afrika

"Alle reichen Industrienationen verfolgen eine Politik der Subventionierung der Erzeugerpreise - auch wenn das nicht sinnvoll ist", sagt Harald von Witzke, Agrarökonom an der Humboldt-Universität Berlin. Das Ziel, die Nahrungsmittelversorgung zu sichern, sei nachvollziehbar, könne inzwischen aber auch anders erreicht werden: "So ist zum Beispiel eine Vorratshaltung deutlich billiger als die andauernde Produktion."

Doch nicht allein deshalb sind die Milliardenzahlungen in der Kritik. Die hochsubventionierte, europäische Landwirtschaft führt auch dazu, dass gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern landwirtschaftliche Strukturen zerstört werden. "Durch die Subventionen können europäische Produzenten ihre Produkte zu Dumpingpreisen auf dem Weltmarkt anbieten - was dazu führt, dass heimische Lebensmittel etwa in afrikanischen Ländern nicht mehr wettbewerbsfähig sind", sagt Marita Wiggerthale von der Entwicklungsorganisation Oxfam. Beispielsweise sei Milchpulver aus der EU in Afrika oftmals sogar billiger als einheimische Frischmilch. "Große Molkereien wie etwa Campina erhalten Subventionen, während afrikanische Kleinbauern mit den Dumpingpreisen nicht mithalten können."

"Generell zerstört die hohe Subventionierung in Entwicklungsländern langfristig die dortige Landwirtschaft", sagt auch Agrarökonom von Witzke. Er fordert deshalb eine völlige Liberalisierung der Agrarmärkte - ohne Subventionierung und ohne Grenzen für bestimmte Produkte. Denn obwohl die Europäer den Export ihrer eigenen Agrarprodukte großzügig unterstützen, sind sie umso strenger, wenn es darum geht, die Erzeugnisse anderer Länder in die EU zu lassen. "Es gibt bei uns zum Beispiel keine neuseeländische Butter oder brasilianischen Zucker - obwohl das günstiger wäre", sagt Agrar-Experte Hofstetter.

Die Top-10-Empfänger in Deutschland
Name, Ort Subventionen*
1 Südzucker AG, Mannheim (Baden-Württemberg) 34.365.579,87
2 Land Schleswig-Holstein, Kiel 10.277.767,82
3 Emsland Stärke, Emlichheim (Niedersachsen) 8.124.878,77
4 August Töpfer, Hamburg 7.393.378,99
5 CMA, Bonn 5.828.023,93
6 Doux Geflügel, Grimmen (Meck.-Pom.) 4.691.352,57
7 LVLF, Brandenburg 4.416.449,07
8 AVEBE Kartoffelstärkefabrik, Dallmin (Brandenburg) 4.279.487,81
9 Osterhuber Agrar, Wilhelmsburg (Meck.-Pom.) 4.038.552,87
10 Gausepohl Fleisch, Dissen (Niedersachsen) 3.632.751,66
*in Euro, Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung

Kein Wunder also, dass sich die Agrarlobby über Jahre so vehement gegen eine Veröffentlichung der Subventionsempfänger gewehrt hat - denn sie profitiert von der undurchschaubaren und komplizierten Machart der Hilfen. Doch das System bröckelt - auch wenn die Bayern sich noch sperren und damit noch immer nicht alle Zahlen über die Nutznießer bekannt sind. Lange werden sie damit nicht mehr durchkommen, denn die EU will ein Vertragsverletzungsverfahren einleiten.

Spätestens danach wird sich die Veröffentlichung nicht mehr verhindern lassen - und damit auch die lang überfällige Diskussion um Sinn und Unsinn der Subventionen.

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Forum - Wie sinnvoll sind Agrarsubventionen?
insgesamt 425 Beiträge
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1.
bianna, 16.06.2009
Zitat von sysopNach langem Hin- und Her veröffentlicht die Bundesregierung die offizielle Liste der Empfänger von Agrarsubventionen. Am meisten Geld erhalten danach ausgerechnet Nahrungsmittelkonzerne wie Südzucker oder Campina. Machen solche Subventionen noch Sinn?
Was sagen Südzucker und Campina dazu ? ... Oder ist das Problem weniger das Unternehmen, das die legalen Möglichkeiten ausschöpft, sich am Tropf des Staates/der EU zu Laben, als vielmehr die fragliche Gesetzeslage, die solche Labungen von Unternehmen, die ursprünglich gar nicht für die Päppelung durch diesen Tropf gedacht waren, zuläßt ? Eines ist jedenfalls sicher: die Veröffentlichung der Subventionsempfänger wird so einige "Überraschungen" für den einen oder anderen Interessierten bereithalten. Z.B. dass das Land Schleswig-Holstein mit 10 Mio. Euro der zweitgrößte Agrarsubventionsempfänger ist, wie die FTD mitteilte. http://www.ftd.de/politik/deutschland/:Komplizierte-Liste-Deutschland-versteckt-Agrarsubventionen/527493.html
2. Saemtliche Subventionen ...
kollateralschaden 16.06.2009
... gehoeren in D, aber nicht nur da, auf den Pruefstand. Wenn der "Eliten"-Filosof Sloterdijk in seinen Hasstiraden gegen den Staat das auch meint, bin ich bereit, ihm ein bisschen zuzustimmen. Was die Agrarsubventionen angeht: Die kann man fast schon wie die Credit Default Swaps "financial weapons of mass destruction" nennen, denn in unserem tollen Welthandel koennen die armen Laender mit den zB hoch subventionierten EU-Huehnern, die bei ihnen auf den Markt fliegen, natuerlich nicht mithalten und geraten weiter ins Abseits. Ach, und die deutschen Steuerzahler unterstuetzen uebrigens ueber ihre EU-Nettozahlerposition den englischen Adel, dem ja die grossen Laendereien in UK gehoeren, das nur am Rande ;-)
3. vielleicht waren sie mal sinnvoll...
gallstone, 16.06.2009
aber im großen und ganzen fördern sie nur die überproduktion. mal davon abgesehen, dass der staat tabakanbau subventioniert und gleichzeitig aktiv gegen das rauchen vorgeht. (schizo?) würden alle subventionen abgeschafft, entsteht mit großer wahrscheinlichkeit ein reeller preis für die produkte. aber so zahlt der verbrauchen drauf in form von steuern die dafür verschwendet werden (selbst wenn die proukte teuere werden, entfallen würde dann wenigstens der bürokratische aufwand) subventionen v.a. im agrarsektor gehören abgeschafft. grüße.
4. Umverteilung
Baikal 16.06.2009
Zitat von kollateralschaden... gehoeren in D, aber nicht nur da, auf den Pruefstand. Wenn der "Eliten"-Filosof Sloterdijk in seinen Hasstiraden gegen den Staat das auch meint, bin ich bereit, ihm ein bisschen zuzustimmen. Was die Agrarsubventionen angeht: Die kann man fast schon wie die Credit Default Swaps "financial weapons of mass destruction" nennen, denn in unserem tollen Welthandel koennen die armen Laender mit den zB hoch subventionierten EU-Huehnern, die bei ihnen auf den Markt fliegen, natuerlich nicht mithalten und geraten weiter ins Abseits. Ach, und die deutschen Steuerzahler unterstuetzen uebrigens ueber ihre EU-Nettozahlerposition den englischen Adel, dem ja die grossen Laendereien in UK gehoeren, das nur am Rande ;-)
Aber die Hege und Pflege der Großen ist doch der Sinn der EU: was wundert Sie da denn?
5.
Wolfghar 16.06.2009
Zitat von BaikalAber die Hege und Pflege der Großen ist doch der Sinn der EU: was wundert Sie da denn?
Egal in welche Richtung man sieht, es scheint nichts mehr ohne Filz und Korruption zu geben.
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