EU-Szenario Invasion der Businessjets

Privatjets für die Massen: Wissenschaftler arbeiten im Auftrag der EU an einem Szenario zur Zukunft der Privatluftfahrt. Das Ziel der Vordenker: die Zahl der Premiumpassagiere bis 2020 zu verhundertfachen und die Straße zu entlasten. Umweltschützer sind entsetzt.

Von Nils-Viktor Sorge


Berlin - Bisher wissen vor allem Top-Manager, Schauspieler und Fußballprofis um die Annehmlichkeiten des exklusiven Reisens über den Wolken. In modernen Businessjets stört keine Rückenlehne die Beinfreiheit. Die Ledersitze lassen sich schwenken, seitwärts und längs verschieben - in manchen Fliegern läuft der Reisende gar über handgeknüpfte Teppiche.

Vor allem aber erspart sich der Premiumpassagier Stress und Zeit. Das Einchecken dauert allenfalls ein paar Minuten, er kann fliegen, wann er will, und die Reise geht so schnell wie mit keinem anderen Verkehrsmittel. Vorteile, die nach Ansicht eines internationalen Forscherteams künftig nicht mehr allein eine Klasse von VIPs vorbehalten sein sollen. Im Auftrag der Europäischen Kommission arbeiten die Luftfahrtexperten an einer Studie, die den Verkehr über den Wolken revolutionieren könnte.

Ein regelrechter Schwarm von bis zu 100.000 Kleinflugzeugen könnte bis 2030 über Europa summen, hoffen die Experten. Der Anteil der Geschäftsflieger am Gesamtverkehr schnellt in dem Szenario auf drei Prozent hoch. Zum Vergleich: Der Anteil der Bahn beträgt derzeit gerade einmal sechs Prozent. "Im Jahr 2020 wäre eine Nachfrage nach 44 Millionen Flügen im Jahr denkbar", sagt Isabelle Laplace von der französischen Beratungsfirma M3 Systems, die an der Studie beteiligt ist. Derzeit managen die europäischen Flugsicherungen etwa neun Millionen Flüge - inklusive der Linienflüge.

Den Luftfahrtexperten geht es freilich weniger um die Bequemlichkeit der Passagiere: Vielmehr sollen die überfüllten Straßen entlastet werden. Ein Gutteil aller Geschäftsfahrten, die Reisende heute noch mit dem Auto antreten, würde dem Szenario zufolge in die Luft verlagert werden. "So wie auf den Straßen heute mehr Pkw statt Busse unterwegs sind, werden künftig Privatflugzeuge, die nicht nach Fahrplan fliegen, den Luftraum dominieren", prophezeien die Forscher.

Außerdem geht es darum, die "ökonomischen Ungleichheiten zwischen den Regionen zu reduzieren, die aus der schlechten Erreichbarkeit mancher Gebiete resultieren", schreiben die Wissenschaftler in einem Zwischenbericht für das European Personal Air Transport System (Epats). Das Projekt wurde jetzt erstmals in Berlin vorgestellt und lehnt sich an ein ähnliches Forschungsvorhaben der Nasa an, das die US-Luft- und Raumfahrtbehörde vor zwei Jahren abschloss. 300.000 Euro lässt sich die Kommission die Forschung kosten.

Die EU soll's zahlen

Schon jetzt boomt die Branche der Privatflieger. Der Luft- und Raumfahrtzulieferer Honeywell erwartet für 2008 weltweit die Auslieferung von 1300 neuen Businessjets und Geschäftsflugzeugen - das wäre ein Rekord. 2006 waren es noch 861 Flugzeuge. Bis zum Jahre 2017 will Honeywell insgesamt 14.000 Jets im Wert von 233 Milliarden Dollar an den Mann bringen. Vor allem der europäische Markt legt deutlich zu.

Die Epats-Forscher träumen von mehr. Die Businessjets könnten künftig auch für weite Teile der Mittelschicht erschwinglich sein, sagen die Autoren der Studie voraus. Allerdings müssten Flughäfen und die Kapazitäten der Flugsicherung dafür beträchtlich erweitert werden. Flugtaxiunternehmen bräuchten zudem ein Geschäftsmodell, das auf Masse zielt.

Marktanteile Privatjethersteller

Marktanteile Privatjethersteller

Wie Windpocken verteilen sich rote Punkte auf einer weißen Europa-Karte in der Powerpoint-Präsentation von Maciej Maczka. Jeder Fleck steht für einen der 2570 Flugplätze auf dem Kontinent, wie der Wissenschaftler des Warschauer Instituts für Luftfahrt erklärt. Die Mehrzahl ist nicht in Betrieb oder wird kaum frequentiert. "Die meisten könnten wir aber nutzen", sagt Maczka und zeigt mit dem Laserpointer auf die Folie.

Für jeweils einen zweistelligen Millionenbetrag ließen sich die zum Teil noch recht rumpeligen Pisten modernisieren, sagen die Epats-Wissenschaftler. Das Geld soll nach ihrer Vorstellung überwiegend von der EU kommen. Auch auf die Mithilfe der "benachteiligten Regionen" setzen die selbst ernannten Luftverkehrsvordenker.

Vom hohen Ölpreis lassen sich die Forscher bei ihren Überlegungen wenig beeindrucken. Sie setzen auf neue Antriebe und Treibstoffe wie Biokerosin."Zu wenige Menschen sind sich bislang der Tatsache bewusst, dass moderne Flugzeuge weniger Sprit pro Person und Kilometer verbrauchen als das Auto", sagen sie. Sollte der Ölpreis allerdings noch einmal um 30 Prozent steigen, würden 2020 "nur" 191 Millionen statt der geplanten 319 Millionen Passagiere die neuen Möglichkeiten nutzen. Derzeit sind es jährlich rund 2,5 Millionen Fluggäste.

Drei-Klassen-System der Businessjets

Noch sind das alles Planspiele. Eine Sprecherin der EU-Kommission sagte gegenüber "manager-magazin.de", ihre Behörde habe sich die Forschungsergebnisse bisher nicht zu Eigen gemacht. Das Projekt solle helfen, Lösungen für den Verkehr der Zukunft zu finden. Weil die Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist, könne sie nicht sagen, ob die Kommission die Vorschläge der Luftfahrtexpterten befolge und sich für den massiven Ausbau des Flugverkehrs mit Businessjets einsetze.

Umweltschützer sind allerdings schon ausreichend entsetzt von den Visionen. "Der massive Ausbau der Regionalflughäfen ist ökologisch und ökonomisch fatal", sagt Daniel Kluge vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). "Das ist völlig falsch angelegtes Geld." Die erforderlichen Investitionen in die Infrastruktur werden seiner Ansicht nach nicht wieder eingespielt, für das Klima ergebe sich eine erhebliche Mehrbelastung, und die Bevölkerung im ländlichen Raum wäre deutlich mehr Lärm ausgesetzt. "Das ist ein völlig anachronistisches Projekt, weil die EU den Klimawandel eigentlich ernst nimmt."

Das niederländische Luftforschungslabor NLR sieht schon auf jeden Flughafen 24.000 neue Flüge zukommen. "Der Bevölkerung in den jeweiligen Gebieten müsste man die Lärmbelästigung damit erklären, dass die Wirtschaft bei ihnen gestärkt wird", sagt NLR-Forscher Frans van Schaik. Bedenken äußert auch der Flugsicherungsdachverband Eurocontrol. "Die Systemkapazität ist eine ernste Herausforderung. Ab einer Zahl von 14 Millionen Flügen im Jahr wird es kritisch", sagt Eurocontrol-Forscher Marc Brochard. Das neue Flugsicherungssystem Sesar müsse völlig überarbeitet werden.

Trotz aller Bedenken haben sich die Luftfahrtstrategen des Epats-Projekts schon genauere Gedanken darüber gemacht, welche Flugzeuge für welche Zielgruppe in Frage kämen. Die einfachen Propellermaschinen sollen dabei als eine Art Holzklasse der individuellen Geschäftsfliegerei fungieren. Sie sind auf dem Markt schon ab rund 280.000 Euro zu haben. Anbieter wie Cirrus, Piper oder Diamond haben solche Maschinen im Angebot. Die Verbrauchskosten ließen sich auf 1000 Kilometern pro Sitz auf 120 Euro in heutigen Preisen reduzieren, schätzen die Wissenschaftler.

Die neue Mittelklasse am Himmel sind in ihrem Szenario Turboprop-Maschinen, die mit 550 Sachen unterwegs sind - allerdings auch mehr als eine Million Euro kosten. Hersteller sind derzeit beispielsweise Pillatus, Piaggio und Beechcraft. Top-Manager werden den Wissenschaftlern zufolge in rund 750 Stundenkilometer schnellen Düsenjets durch den Himmel sausen.

Wie auf der Straße gilt eben auch am Himmel: Wer sich mehr leisten kann, ist schicker und schneller unterwegs.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.