Euro-Einführung Schnödes Tütchen

Euro-Gala in Frankfurt, gewichtige Reden der Prominenz. Während die Politiker die neue Währung preisen, sind die Bürger eher enttäuscht. Der lange angekündigte Starter-Kit ist nichts als ein schnödes Plastiktütchen mit ein paar Münzen.


Der Start des Euro in Deutschland um Mitternacht: 10,23 Euro gab es für 20 Mark
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Der Start des Euro in Deutschland um Mitternacht: 10,23 Euro gab es für 20 Mark

Frankfurt am Main - Der passionierte Münzsammler Karl-Heinz Porzezynska ist wegen der neuen Währung eine Stunde früher aufgestanden und zu seiner Citibank-Filiale nach Frankfurt gefahren. Mit den neuen Euro-Beuteln in der Hand, sagte er "die werden zu Hause gleich eingeschweißt für die Sammlung." Weniger begeistert war dagegen eine Rentnerin: "Ich will einfach nur überweisen und keine Euros kaufen. Das ist totaler Mist. In fast allen Ländern haben die Bürger entschieden, nur bei uns nicht."

Für wenig Begeisterung sorgte auch die Verpackung, eine simple Plastiktüte mit Bundesadler. "Die hohen Herren hätten sich schon ein wenig mehr Mühe geben können. Das sieht ja aus wie bei der Bundeswehr", sagt eine ältere Dame vor einer Commerzbank-Filiale in Hamburg, während sie ihr erstes Starter-Kit in die Handtasche packt.

Bei der Ausgabe der ersten Münzpäckchen gab es am Montag zwar reges Interesse, Gedränge und lange Schlangen blieben an den Schaltern allerdings meist aus. "Der Ansturm ist nur mäßig", hieß es am Vormittag bundesweit aus vielen Banken und Sparkassen. Allerdings meldete nach wenigen Stunden in Berlin die Sparkassen-Filiale Unter den Linden: "Ausverkauft".

Rund 1200 Gäste aus Politik, Sport und Show-Geschäft feierten in Köln eine rauschende "Euro-Nacht". Der ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen gab sich als Fan der neuen Währung zu erkennen: "Ich habe das Gefühl, bei einem historischen Moment dabei zu sein. Meinen Starter-Kit hebe ich für mein erstes Enkelkind auf, das noch nicht geboren ist", sagte Pleitgen. Bundesbankpräsident Ernst Welteke hatte es sich nicht nehmen lassen, persönlich in der Frankfurter Sparkasse einige Plastikbeutel mit dem Bundesadler an die begeisterten Kunden auszugeben.

Bundesbank-Direktoriumsmitglied Edgar Meister glaubt, dass der Euro schnell Sympathie gewinnt: "Er ist sehr griffig, er fühlt sich gut an, er sieht gut aus und ich glaube, dass das auch wie ein Funken auf die deutsche Bevölkerung überspringt", sagte er in einem Radiointerview.

Vom ein Cent- bis zum zwei Euro-Stück befinden sich von jeder der acht Euro-Münzen einige Exemplare in den Euro-Starter-Kits. Die meisten Deutschen können in wenigen Stunden bei den Banken einen der 53,5 Millionen Euro-Starter-Kits kaufen. Experten erwarten, dass sie innerhalb weniger Tage ausverkauft sein werden. Vom 1. Januar 2002 ist das Euro-Bargeld für 303 Millionen Europäer gesetzliches Zahlungsmittel. Dann spuckt jeder Geldautomat die neuen Euro-Scheine aus.

Mit der Ausgabe der Münzmischungen hat der größte Geldtausch der Geschichte begonnen. Seit 1999 existierte der Euro nur als virtuelle Währung an den Devisenmärkten sowie auf Kontoauszügen und in Unternehmensbilanzen. Insgesamt wurden für die mehr als 300 Millionen Bürger der Euro-Zone gut 185 Millionen Münzmischungen zum Kennenlernen angefertigt. Mit 53,5 Millionen sind in Deutschland, dem größten Land der Währungsunion, die meisten Starter-Kits produziert worden. Banken und Sparkassen rechnen mit großem Andrang beim Verkauf der Starter-Kits. Einige Institute haben deshalb Münztütchen nachproduziert und wollen notfalls lose Geldstücke per Hand abzählen und ausgeben.



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