Absurde Fotos zur Euro-Krise: Hai frisst Mann mit Griechenland-Fahne

Von Friederike Ott

Nicht nur Griechenland wünscht sich ein Ende der Euro-Krise. Auch Fotografen sind es leid. Ständig müssen sie sich neue Motive einfallen lassen, um die Krise zu bebildern. Heraus kommen teils absurde Bilder - die dennoch veröffentlicht werden.

Fotografen und die Euro-Krise: Absurde Kunstmotive Fotos
Getty Images

Berlin - Vor zwei Jahren, als die Zukunft Griechenlands in der Euro-Zone zum ersten Mal so richtig auf der Kippe stand, zeigte Julian Stratenschulte, wie zerbrechlich der Euro ist. Er nahm einen Hammer und schlug damit auf eine griechische Euro-Münze. Er traf das Geldstück gleich beim ersten Mal mit voller Wucht - sofort sprang die silberne Eule aus der Einfassung. "Es ging leichter, als ich dachte", sagt er. Das Bild war in vielen Medien zu sehen.

Julian Stratenschulte ist Fotograf bei der Deutschen Presseagentur (dpa). Seit drei Jahren fotografiert er nun schon Euro-Münzen aus unterschiedlichen Perspektiven. Er versucht, die komplizierte Krise in Bilder zu fassen. Sein Problem: Die Krise nimmt kein Ende. Stratenschulte braucht viele Einfälle, denn die Medien brauchen ständig neue Bilder (Hier finden Sie die Bilder).

Er und seine Kollegen experimentieren mit Kinderspielzeug, etwa wenn ein Plastikhai ein Lego-Männchen mit griechischer Flagge auffrisst. Sie fotografieren Euro-Münzen im freien Fall oder nehmen beim Eisessen die bunten Schirmchen mit, um sie über den Geldstücken aufzuspannen - als Rettungsschirm. Ein Fotograf - so munkelt man in der Branche - soll bereits Geldstücke mit Benzin übergossen haben, um die Münzen zum Glühen zu bringen.

"Es ist schwer, immer einen neuen Zugang zu finden"

Stratenschulte ist es gewohnt, abstrakten Problemen immer wieder eine neue Optik zu geben. Als der Organspendeskandal an der Universität Göttingen hochkochte, fotografierte er das Schild am Krankenhaus, in Schräglage. Als es bei Opel ein Problem gab, fand er auf dem Bochumer Werksgelände eine Uhr und drückte um fünf vor zwölf auf den Auslöser, dahinter waren der triste, rotgeklinkerte Bau und der Opel-Schriftzug zu sehen. Als deutsche Steuersünder aufflogen, weil Ermittler Bankdaten aus der Schweiz gekauft hatten, überlegte sich Stratenschulte ein Motiv: Sein Bild einer CD, in der sich die Schweizer Flagge und der Schatten einer Hand spiegeln, war überall zu sehen.

Fotografen nennen diese Bilder Illustrationen. Sie sollen abstrakte Vorgänge visualisieren. Die meisten Krisen verschwinden nach einigen Wochen oder Monaten aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Bei der Euro-Krise ist das anders. Stratenschulte hat sich schon oft gewünscht, sie möge bald vorbei sein. "Es ist schwer, immer einen neuen Zugang zu finden", sagt er. "Ich bin froh, dass die Euro-Münzen in jedem Land ein anderes Motiv haben. Das macht es möglich, wenigstens ein bisschen zu variieren."

Der Fotograf hat viel ausprobiert, um die Krise der Gemeinschaftswährung abzubilden. Mit Lichteffekten könne man viel erreichen, sagt Stratenschulte. "Eine Euro-Münze, die halb im Schatten liegt, sieht gleich viel dramatischer aus." Als Spanien und Italien an den Märkten unter Druck gerieten, musste ebenfalls ein Foto her. Stratenschulte zündete Wunderkerzen an und legte sie hinter zwei aufgestellte Euro-Münzen. Der Kopf von König Juan Carlos und der goldene Schnitt von Leonardo da Vinci standen im Funkenmeer.

"Inzwischen sind die Zeitungen bei der Bildauswahl mutiger"

Nachrichtenagenturen versorgen die Medien mit Informationen und Bildern. Was davon veröffentlicht wird, entscheiden die Online-Seiten und Zeitungen. Einmal lichtete Stratenschulte Münzen ab, die er halb ins Wasser gestellt hatte. Europa steht das Wasser bis zum Hals - das war die Botschaft. Er selbst fand das ein bisschen plump - und wunderte sich, als einige Medien das Bild veröffentlichten. "Ich glaube, dass die Hemmschwelle gesunken ist", sagt der Fotograf. "Inzwischen sind die Zeitungen bei der Bildauswahl mutiger."

Stratenschulte war 16 als die D-Mark dem Euro wich. Von damals hat er noch ein Album, in dem er Euro-Münzen aus verschiedenen Ländern sammelte. Sogar Geldstücke aus San Marino und Monaco sind darunter. Heute ist er froh, dass er dieses Album hat.

Oliver Berg, der ebenfalls Fotograf bei der dpa ist, besitzt kein solches Sammelalbum. Als sich die Griechenland-Krise mal wieder zuspitzte, versuchte er, bei Banken an griechisches Kleingeld zu kommen. Doch die hatten nur Scheine. Berg klapperte in seiner Heimatstadt Köln alle griechischen Lebensmittelläden und Restaurants ab. Doch die hatten nur holländische und französische Münzen. Als er an einer Tankstelle sah, wie die Kassiererin das Kleingeld aus der Kasse in eine Tüte füllte, fragte er, ob er mal gucken dürfte, ob da nicht "eine Eule dabei sei". In der Tankstellenkasse waren sogar zwei.

"Das war ein ziemlich plattes Bild"

Seither bewahrt Berg die beiden griechischen Geldstücke wie einen Schatz in seiner Schreibtischschublade auf. Er würde nicht auf die Idee kommen, sie zu zerschlagen. Denn niemand weiß, wie lange das griechische Drama noch weitergeht. Nicht nur die beiden griechischen Münzen, auch spanische, italienische und eine irische Münze liegen inzwischen in Bergs Schublade. Wenn er in einem Geschäft eine frischgeprägte Münze bekommt, hebt er sie auf. Neue Geldstücke machen sich besser auf Fotos als zerkratzte. "Bei der Bank haben sie mir den Tipp gegeben, sie mit Zahnpasta zu polieren", sagt Berg.

Auch Berg probiert herum, wenn es um neue Krisenbilder geht. Als es mal wieder um Hilfe für klamme Euro-Staaten ging, saß er in seinem Büro und brauchte eine Idee. Dann sah er den orangefarbenen Erste-Hilfe-Kasten. Er stellte eine Euro-Münze hinter das Wort "Hilfe" und drückte ab. "Das war ein ziemlich plattes Bild", sagt er. Es klingt wie eine Entschuldigung. "Aber ich habe es danach auf mehreren Online-Seiten gesehen."

Ein anderes Mal brauchte Berg ein Bild für die Euro-Rettung. Als er bei einem Bekannten zu Besuch war, sah er, dass dessen Sohn ein Spielzeugschiff hatte, an dem ein kleiner Rettungsring befestigt war. Er legte den Ring um eine Euro-Münze und drückte ab.

Ebenso wie Stratenschulte hat übrigens auch Berg schon versucht, das silberne Innere aus einer Euro-Münze herauszutrennen. Statt eines Hammers nahm er eine Kneifzange - und kam zum selben Ergebnis wie sein Fotografenkollege: "Es ging erstaunlich leicht."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Fotografen hätten ein Motiv ausgewählt, bei dem ein Plastikkrokodil ein Playmobil-Männchen mit griechischer Flagge auffrisst. Tatsächlich sind auf dem Bild aber Lego-Figuren und ein Plastikhai zu sehen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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1. Medien
Neolog 05.09.2012
Wie wär's mal mit objektiver Berichterstattung? Dann kommen die Motive wieder von ganz alleine. Goldman Sachs, die die Krise wesentlich mitverursacht haben. Deren Banker, die jetzt in den EU Gremien sitzen und es wieder richten sollen *lol*. Die Deutsche Bank mit ihren zig-Millionen griechischen Staatsanleihen wegen denen wir überhaupt noch versuchen dort was zu "retten". Die griechischen Bürger, die auf die Barrikaden gehen weil sie von den Rettungsmilliarden nichts sehen sondern horrende Kürzungen hinnehmen müssen. Etc. etc. etc.
2. Foto 12
dolby18 05.09.2012
Ich glaube nicht, dass das Foto auf einen Lottogewinn hinweist, sondern einen ironischen Kommentar zur kommenden (Super)Inflation darstellt.
3. Euro -Münzen
viperhyper 05.09.2012
Naja finde Fotografisch und in der handwerklichen bearbeitung die Bilder alle unansehnlich. Toll finde ich aber teilweise die Bildideen selber, leider hat es wie gesagt keinen Style der mir gefällt.
4. Häh?
artusdanielhoerfeld 05.09.2012
Und wo ist das Bild mit dem Krokodil???
5.
hzd 05.09.2012
Zitat von artusdanielhoerfeldUnd wo ist das Bild mit dem Krokodil???
Genau, wir wollen das Krokodil sehen! Weiterhin möchte ich copyright auf folgende Idee anmelden: Der Euro-Rettungsschirm wird durch eine Münze unter einem Eisbecher-Schirmchen dargestellt.
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