Euro-Krise: Der Weltuntergang fällt aus

Ein Kommentar von Wolfgang Kaden

Wird das Totenglöcklein für den Euro schon geläutet? Geradezu inflationär sind die Prognosen, die der Gemeinschaftswährung das baldige Ende voraussagen.  Sie liegen daneben. Es gibt keine Alternative, das europäische Geld wird Bestand haben.

EZB-Zentrale in Frankfurt: Der Euro ist ein vernünftiger Kompromiss Zur Großansicht
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EZB-Zentrale in Frankfurt: Der Euro ist ein vernünftiger Kompromiss

Es ist mal wieder Hochkonjunktur für die Propheten des Weltuntergangs. Geradezu lustvoll wird derzeit wahlweise der Ruin Deutschlands oder der Niedergang ganz Europas besungen; werden in den Medien das Ende des Euro, der Zusammenbruch der Banken, eine galoppierende Inflation, eine unvermeidliche Rezession oder eine schreckliche Massenarbeitslosigkeit beschworen.

O je. Geht's nicht auch ein bisschen leiser, weniger dramatisch? Glücklicherweise, das soll ruhig mal gesagt werden, lassen sich unsere Politiker, die grundsätzlich ja alles falsch machen, von diesem Stimmengewirr in den Medien, in der Wissenschaft und in der Finanzszene nicht anstecken. Selten erlebte man die Parteien so geschlossen. Keiner redet einem Ausstieg aus dem Euro das Wort, Differenzen gibt es nur über den richtigen Weg zur Stabilisierung der Euro-Zone.

Die Prognose sei gewagt: Dieses Mal wird die Politik recht behalten, werden all die Skeptiker widerlegt. Die Euro-Zone wird diese Krise überstehen, auch wenn es ein langer Marsch wird, mit manchen Rückschlägen.

Zunächst mal die vordergründigen Fakten. Der innere und äußere Wert der Gemeinschaftswährung, der schon Totgesagten, ist bemerkenswert fest. Die Preise sind zwar etwas schneller als im Vorjahr gestiegen, aber dies ist vor allem das Resultat der hohen Energiekosten, nicht der Geldpolitik. Der Wechselkurs gegenüber der Noch-Leitwährung Dollar ist ebenfalls stabil, er liegt sogar noch über der Kaufkraftparität.

Gibt es wirklich eine Alternative zur gemeinsamen europäischen Währung?

Auch die übrigen Daten liefern keinen Grund zur Panik. Der Dax hat sich, nach einem Rückgang bis auf fast 5000 Punkte, wieder bis über 6000 erholt. Die Konjunkturperspektiven haben sich eingetrübt, aber die Unternehmen sehen keine Gefahr für eine Rezession.

Ich will die Schwierigkeiten, in denen das Finanzsystem des Alten Kontinents steckt, nicht verniedlichen; die Warnung der Rating-Agentur Standard & Poor's, die gesamte Euro-Zone auf die Beobachtungsliste zu setzen, hat das noch einmal deutlich werden lassen. Sicherlich war es allzu optimistisch zu glauben, die gemeinsame Währung von 17 Nationen sei ein Selbstläufer.

Die Schwierigkeiten in einem Verbund von Ländern, die höchst unterschiedliche wirtschaftliche Kulturen und finanzpolitische Traditionen aufweisen, sind von den Gründungsvätern der Währungsunion und von der nachfolgenden Politikergeneration offenkundig unterschätzt worden. So sehr jedenfalls, dass Deutschland und Frankreich, die das gemeinsame Geld erfunden haben, die ersten waren, die gegen die vertraglich fixierten Haushaltsregeln verstießen.

Aber gibt es wirklich noch eine Alternative zu dieser gemeinsamen europäischen Währung? Ist denn das Zurück zur D-Mark oder die Aufspaltung der Union in einen Nord- und einen Süd-Verband ernsthaft eine realistische Option?

Wer sich in solchen Gedanken verliert, sollte wissen: Die Hoffnung auf eine "monetäre Idylle" (so der Würzburger Professor Peter Bofinger) wird nicht in Erfüllung gehen. Mal abgesehen von den verheerenden politischen Folgen für Europa in der globalen Welt - die Rolle rückwärts würde mit enormen Umstellungsschwierigkeiten und -kosten einhergehen; sie würde uns des Vorteils berauben, bei Reisen in weiten Teilen des Kontinents mit heimischem Geld bezahlen zu können. Und am Ende hätten wir eine nationale Währung, die uns neue, große Probleme bereiten würde.

Jedes System hat seine Tücken

Das ideale, problemfreie Währungssystem hat die Wirtschaftswissenschaft bis heute nicht erfunden - und es ist auch nicht zu erwarten, dass dies für die reale, hochkomplexe Weltwirtschaft jemals gelingen wird. Ob die Wechselkurse festgezurrt sind, wie bis 1973, oder ob sie frei schwanken, wie seither - jedes System hat seine Tücken.

Bei festen Kursen, die nur gelegentlich angepasst werden, müssen die Notenbanken gegebenenfalls gewaltige Mengen an Devisen aufkaufen. Freie Kurse hingegen führen schnell zu Übertreibungen, zu hoch oder zu niedrig, und zu starken Schwankungen.

Der Euro ist ein vernünftiger Kompromiss: quasi feste, unveränderliche Kurse für die 17 Mitglieder und frei schwankende Paritäten gegenüber dem Rest der Welt. Für die deutsche Volkswirtschaft bedeutet dieses System den gewaltigen Vorteil, dass 40 Prozent ihrer Ausfuhren frei von Währungsrisiken sind.

Sollte das alles aufgegeben werden, nur weil die Regierungen nicht in der Lage sind, ihre Einnahmen und Ausgaben auszugleichen? Übermäßige Staatsschulden sind wahrlich keine Erfindung des Euro-Raums. Die USA und Großbritannien, die sich derzeit als weise Ratgeber der Euro-Politiker aufspielen, sind weitaus höher verschuldet als die meisten Euro-Länder. Dass die Investoren ihnen weiter Kredite gewähren, hat vor allem einen Grund: Die Notenbanken dieser Staaten kaufen nahezu ungebremst die Staatsanleihen auf, drucken also de facto Geld.

Die Europäische Zentralbank nimmt zwar auch Anleihen aus dem Markt. Aber weil die Statuten ihr dies verbieten, in weitaus geringerem Ausmaß als die Federal Reserve oder die Bank of England. Ein Sündenfall, fraglos. Aber nicht vergleichbar mit den Praktiken der Briten oder Amerikaner, die den Geldgebern quasi garantieren, dass sie ihre Kredite zurückbekommen.

Die Euro-Staaten als Vorbild in solider Haushaltsführung

Schärfere Regeln und die bittere Erfahrung dieser Schuldenkrise könnten zukünftig sogar dafür sorgen, dass die Euro-Staaten Vorbild in solider Haushaltsführung werden. Anders als die Länder mit nationalen Währungen können und dürfen sie sich nicht einfach bei ihrer Notenbank bedienen; außerdem müssen sie zukünftig auch allesamt, wenn die jüngsten deutsch-französischen Beschlüsse akzeptiert werden, Schuldenbremsen in ihre Verfassungen einbauen und mit scharfen, automatischen Sanktionen bei Fehlverhalten rechnen.

Noch ist die Krise - mehr eine der Staatsverschuldung und der Bankenszene als des Euro - nicht überwunden. Einen Big Bang, mit dem alle Schwierigkeiten zu überwinden sind, wird es nicht geben. Der Weg zu einem schuldenfreien Wirtschaften wird sehr mühsam sein, auch und gerade für die Realwirtschaft, die sich auf weniger Nachfrage einstellen muss.

Natürlich gibt es viele Argumente, warum der Euro nicht funktionieren kann. Die gemeinsame Währung war und ist ein Wagnis. Aber es gibt keinen Grund für einen Defätismus, der ausschließt, dass die Völker und ihre Politiker aus den aktuellen Turbulenzen fähig sind zu lernen. Vor allem sind zwei Botschaften zu beherzigen: Zum einen, dass die Zeiten des hemmungslosen Schuldenmachens ein für allemal vorbei sind. Und zum anderen, dass sich - vor allem aufgrund unterschiedlicher Lohnentwicklung - die Kosten und die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Volkswirtschaften nicht zu weit auseinander entwickeln dürfen.

Es gibt gute Gründe, nicht auf die Untergangspropheten zu hören. Der englische Historiker Garton Ash, anders als die Regierenden in London ein Befürworter des Euro, hat recht, wenn er in einem SPIEGEL-Interview sagt: "Wir sollten einfach Churchills berühmten Satz über die Demokratie auf das heutige Europa übertragen und sagen: Wir haben das schlechteste aller Europas, abgesehen von allen anderen, die wir schon ausprobiert haben."

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1. Schief gewickelt
hardliner1 08.12.2011
Zitat von sysopWird das*Totenglöcklein für den Euro schon geläutet? Geradezu inflationär sind die Prognosen, die der Gemeinschaftswährung das baldige Ende voraussagen.* Sie liegen daneben. Es gibt keine Alternative, das europäische Geld wird Bestand haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,802205,00.html
Der Autor ist schief gewickelt. Nichts ist alternativlos. Und wer mit Bofingers Thesen argumentiert, der hat sehr schlechte Karten. Die OECD-Studie über Griechenland zeigt deutlich, dass nicht die Bofingers und Horns recht haben, sondern ein Hans-Werner Sinn, der die Rettungsversuche für Griechenland als sinn- und nutzlos bezeichnet hat. Griechenland muss raus aus dem Euro. Und nicht nur Griechenland, auch andere.
2. Weltuntergang?
hubertrudnick1 08.12.2011
Zitat von sysopWird das*Totenglöcklein für den Euro schon geläutet? Geradezu inflationär sind die Prognosen, die der Gemeinschaftswährung das baldige Ende voraussagen.* Sie liegen daneben. Es gibt keine Alternative, das europäische Geld wird Bestand haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,802205,00.html
Ist es nun so weit, oder macht spon einfach mal wieder nur Panik? Das es mit der Finanzwirtschaft und den viel zu hohen Staatsverschuldungen sehr schlecht steht, dass müsste ja allen ausreichend bekannt sein und das unsere Politiker nur Spiele betreiben, die kaum zu einer dauerhaften Lösung beitragen das ist uns auch bekannt, aber das nun die Welt untergeht, dass ist mir neu.
3. o^o
totalmayhem 08.12.2011
Das hat heute frueh noch gefehlt: Ein Dax-Juenger, der Probleme nicht verniedlichen will, aber Mitbuerger, die anderer Ansicht sind, was den Euro-Irrsinn betrifft, als Defaitisten beschimpft.
4. Logik
Nouvalys 08.12.2011
Zitat von sysopWird das*Totenglöcklein für den Euro schon geläutet? Geradezu inflationär sind die Prognosen, die der Gemeinschaftswährung das baldige Ende voraussagen.* Sie liegen daneben. Es gibt keine Alternative, das europäische Geld wird Bestand haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,802205,00.html
„Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Christian MorgensternSchlagworte: Konventionen, Naivität, Gutgläubigkeit
5. Titel
PK2011 08.12.2011
Zitat von sysopWird das*Totenglöcklein für den Euro schon geläutet? Geradezu inflationär sind die Prognosen, die der Gemeinschaftswährung das baldige Ende voraussagen.* Sie liegen daneben. Es gibt keine Alternative, das europäische Geld wird Bestand haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,802205,00.html
Der Artikel steht im Widerspruch zu den veröffentlichten Ergebnissen der Studie über die Reformfähigkeit Griechenlands. Voraussetzung einer EUR-Rettung wäre - wie im Beitrag richtig beschrieben - die Konsolidierung der einzelnen Staatsfinanzen. Das wird so wie bisher umgesetzt - durch eine eklatante Belastung der gesellschaftlichen Mitte - nicht funktionieren. Die Leute machen das nicht mit. In keinem europäischen Land. Insofern führt am Schuldenschnitt und der Einführung regionaler Währungen kein Weg vorbei.
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Zum Autor
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Wolfgang Kaden leitete ab 1979 das Ressort Wirtschaft des SPIEGEL und übernahm dort 1991 die Chefredaktion. Von 1994 bis Juni 2003 war er Chefredakteur des manager magazins.

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