Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Euro-Krise: Gelddrucken gegen die Panik

Ein Kommentar von

Soll die Europäische Zentralbank unbegrenzt Staatsanleihen aufkaufen, um die Probleme im Euro-Raum zu beenden? Nein, sagen die Deutschen. Doch der Rest der Welt ist anderer Meinung. Dort will man nur noch die Krise bekämpfen - um fast jeden Preis.

Schuldenkrise: Wie robust sind die EU-Staaten? Fotos
manager magazin

Der Bundesbank-Präsident sagt, "die Vereinnahmung der Geldpolitik für finanzpolitischen Zwecke" müsse endlich "zum Ende kommen".

Die Kanzlerin sagt, die Politik solle bloß nicht glauben, dass "die EZB das Problem der Euro-Schwäche lösen" könne.

Der französische Finanzminister sagt, die Pariser Regierung wolle "alle europäischen Institutionen, einschließlich der EZB, einsetzen, um die bestmöglichen Antworten auf die Krise zu geben".

Die Bürger sagen: "Der schlimmste Teil der Krise steht uns noch bevor."

Jens Weidmann, Angela Merkel, François Baroin, der ARD-Deutschland-Trend - vier Stimmen aus der vergangenen Woche. Vier Stimmen, die zeigen, dass die Schuldenkrise sich längst um das Kernstück des europäischen Integration dreht: den Euro und die Europäische Zentralbank ( EZB). Nirgends ist die Vereinigung Europas weiter fortgeschritten als bei der Währung. Und über mehr als ein Jahrzehnt hat das Arrangement gut funktioniert - niedrige Inflation, große Einmütigkeit im EZB-Rat, keine nennenswerten politischen Übergriffe auf die Zentralbank.

Doch seit Ausbruch der Krise ist es damit vorbei, wie bereits die Rücktritte der beiden deutschen Notenbanker Axel Weber und Jürgen Stark gezeigt haben. Und Jens Weidmann, seit Mai Bundesbank-Chef, setzt diesen Kurs fort, inzwischen auch mit offener Unterstützung der Kanzlerin.

Zustimmung in Deutschland, Unverständnis im Ausland

So populär dieser Kurs in Deutschland ist, so verständnislos wird er im Ausland beobachtet: Nicht nur im übrigen Europa, auch in den USA und wichtigen Schwellenländern hält sich das Verständnis für die Deutschen in Grenzen.

Ich bin deshalb davon überzeugt, dass sich die deutsche Linie nicht wird durchhalten lassen. Auch wenn sie langfristig richtig sein mag: Ohne Sparen, ohne Strukturreformen und eine unabhängige Zentralbank wird sich ökonomische Stabilität auf Dauer nicht wieder herstellen lassen. Aber im Angesicht der akuten Krise haben sich die Prioritäten verschoben.

Es geht darum, die aktuellen Probleme einzudämmen, um fast jeden Preis. Die Weltgemeinschaft steht bereit, Europa zu helfen. Der Internationale Währungsfonds ( IWF) soll womöglich neue Instrumente auflegen, gespeist mit Geldern aus Ländern wie China und Russland. Wir beschäftigen uns im aktuellen manager-magazin-Heft in einem umfangreichen Report mit dem immer größeren Einfluss des IWF in Europa.

Man muss sich das vorstellen: Deutlich ärmere Länder wollen dem immer noch ziemlich reichen Euro-Land finanziell unter die Arme greifen. Sie ziehen das überhaupt in Erwägung, weil sie Angst haben vor einer Explosion der Währungsunion und den Rückwirkungen auf ihre eigenen Gesellschaften. Doch Europa wird einen Preis für die beim G-20-Gipfel in Cannes in Aussicht gestellten Hilfen zahlen müssen. Und der besteht nicht nur darin, dass hochverschuldete Staaten wie Italien unter IWF-Aufsicht eisern sparen müssen, sondern auch dass die EZB in größerem Stil als bisher eingreift.

In Zeiten panischer Märkte müssen Notenbanken Staatsanleihen aufkaufen

Denn die neue globale geldpolitische Doktrin lautet: In Zeiten panischer Finanzmärkte müssen Notenbanken alle Orthodoxien über den Haufen werfen und im Zweifel Staatsanleihen aufkaufen. Die US-Verschuldung wird derzeit zu mehr als der Hälfte von den Notenbanken der USA und Chinas aufgekauft, hat der IWF ausgerechnet. Auch in Großbritannien und Japan helfen die jeweiligen Notenbanken aktiv bei der Staatsfinanzierung.

Es wird schwer zu vermitteln sein, warum sich die EZB zurückhalten sollte, während die Schwellenländer in Europa mit Hunderten Milliarden Euro ins Risiko gehen.

Die Bundesbank hätte das nie gemacht - das ist derzeit ein beliebtes Argument in Deutschland. Der erste Sündenfall, der EZB-Beistand für Griechenland im vorigen Jahr, sei schon der Urfehler gewesen, geschuldet der angeblichen Regierungsnähe des damaligen EZB-Chefs Jean-Claude Trichet, der von Merkel und Nicolas Sarkozy einbestellt worden war. Hans Tietmeyer oder Karl Otto Pöhl hätten die beiden abblitzen lassen, so das häufig gehörte Argument. Um jeden Preis hätten sie die Integrität der Notenbank gewahrt. Allerdings: Damals lautete die Alternative nie Intervenieren oder Weltwirtschaftskrise. Die Alternative damals bestand lediglich darin, etwas Inflation mehr oder etwas weniger Inflation zuzulassen.

Der Vergleich mit der Bundesbank greift zu kurz

Der Bundesbank-Vergleich unterschlägt zwei Fakten: Zum einen agierte die bundesdeutsche Notenbank zu D-Mark-Zeiten in einem restriktiven Finanzmarkt-Umfeld. Die Regulierungen war strikt, die Geldversorgung knapp. Auf keinen Fall - und vollkommen richtigerweise - wollte die Bundesbank in eine Situation kommen wie die derzeitige: eine derart hohe Verschuldung der Privaten und des Staates, dass es kaum einen anderen Ausweg zu geben scheint, als die Notenpresse anzuwerfen.

Zum anderen war die Bundesbank die Geldbehörde eines Staates, der über großvolumige Transfermechanismen für einen Ausgleich zwischen wirtschaftlich starken und schwachen Regionen sorgt. Die EZB agiert in einem anderen Setting: Schwache europäische Institutionen und Ausgleichsmechanismen bürden ihr einen Großteil der Anpassungsleistung auf.

Nun aber steckt ein institutionell unterentwickeltes Euro-Land, auf dem historisch hohe gesamtwirtschaftliche Schulden lasten, in einer existentiellen Krise. Dass es so weit kommen konnte, ist das Resultat schlimmer Fehler, auch der Notenbanker selbst, die zu lange die geldpolitischen und regulatorischen Zügel haben schleifen lassen.

Diese Rückschau mag für die längerfristigen Weichenstellungen hilfreich sein - zur Beantwortung der Frage, was sich ändern muss, damit eine solche Krise nicht noch einmal in diesem Jahrhundert passiert. Doch in der prekären Gegenwart kommt man damit nicht weit. Angesichts der akuten Probleme und des Drucks von außen dürfte sich die "Vereinnahmung der Geldpolitik" kaum aufhalten lassen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 181 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Naivität der Retter
Ron777 22.11.2011
Welche Naivität zu glauben, dass die maßlose Ausweitung der Geldmenge keine Auswirkung auf den Geldwert, sprich die Inflation, haben wird. Für eine DM konnte man vor Einführung des Euros mehrere tausend ital. Lira bekommen - das hatte seine Ursachen und war im finanzpolitischem Handeln der Italiener begründet, die nun zur Blaupause für ein gesamteuropäisches Vorgehen werden soll. Auch die Annahme, die global agierenden Finanzanleger würden schon schwindsüchtige gemeinsame Anleihen erwerben, ist völlig absurd und von der Wirklichkeit längst der Lüge überführt. Die gemeinsamen EFSF-Anleihen - eigentlich ein Testballon für Eurobonds - sind trotz angeblichem AAA-Rating und erhöhten Zinsen so gut wie unverkäuflich - Der Rettungsschirm hat bereits Auktionen ganz abgesagt bzw. seine eigenen Papiere aufgekauft. Das ist finanzpolitisches Absurdistan! Wir brauchen eine schnellstmögliche Rückbesinnung auf die Einzelstaaten. Ja, wir müssen vorübergehend dafür sogar etwas die Druckerpressen anschmeißen und in Maßen Inflation riskieren, denn mittlerweile stehen wir vor einem unkontrollierbaren Finanzcrash. Doch das ist nicht der Lösungsweg, sondern nur ein künstliches Zeitfenster für die Rückabwicklung der gescheiterten Chaoswährung. Bei einer solchen Geldmengenausweitung muss Deutschland zudem dringlichst darauf achten, dass nicht nur Krisenländer bedient werden, sondern dass das zusätzliche Geld - den Anteilen an der EZB entsprechend - an alle Nationen ausgeschüttet wird. Ansonsten verlieren die Deutschen weitere Billionen.
2. Commerzbank schon wieder pleite?
genesis266 22.11.2011
Gelddrucken kommt wahrscheinlich zu spät! Als Folge der Euro-Schuldenkrise gibts eine riesige Kapitallücke bei der Commerzbank. Kursabsturz an der Börse. Die Bank wird wohl nicht mehr in der Lage sein, entsprechend Kapital einzusammeln. Folge: Verstaatlichung. Sicher bald auch ein Thema bei Spiegel. Aktueller Artikel zum Thema hier: http://www.mmnews.de/index.php/wirtschaft/8920-commerbank-wieder-pleite
3. st mir schon klar...
rafkuß 22.11.2011
Zitat von sysopSoll die Europäische Zentralbank unbegrenzt Staatsanleihen aufkaufen, um die Probleme im Euro-Raum zu beenden? Nein, sagen die Deutschen. Doch der Rest der Welt ist anderer Meinung. Dort will man nur noch die Krise bekämpfen - um fast jeden Preis. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,799189,00.html
4. Hoffentlich
idealist100 22.11.2011
Zitat von sysopSoll die Europäische Zentralbank unbegrenzt Staatsanleihen aufkaufen, um die Probleme im Euro-Raum zu beenden? Nein, sagen die Deutschen. Doch der Rest der Welt ist anderer Meinung. Dort will man nur noch die Krise bekämpfen - um fast jeden Preis. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,799189,00.html
Hoffentlich bald raus aus dem EURO und die EZB nach Paris verlegen dort kann sie dann soviel Euronen drucken wie sie will. 1 Million Euronen = 1.-DM
5. Keine Erpressung
Firewing6 22.11.2011
Wenn die Regierung umfällt und die Grundsätze des deutschen Beitritts zum Euro verlässt, hat sie in meinen Augen jegliche Legitimation verloren. Halten sie den Kurs Frau Merkel, mag der Sturm auch noch so brausen. Keine Kapitulation vor Kapital und Managern!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zum Autor
Henrik Müller ist stellvertretender Chefredakteur vom manager magazin.

Fotostrecke
Grafiken: Die wichtigsten Fakten zur Euro-Krise

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: