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09. Mai 2012, 13:11 Uhr

S.P.O.N. - Die Spur des Geldes

Willkommen in Weimar

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Das Chaos bei der Regierungssuche in Athen zeigt: Griechenland steht heute dort, wo sich die Weimarer Republik 1930 befand. Die Sparpolitik und die Bindung an den Euro verhindern eine wirtschaftliche Erholung. Auf Dauer gefährden sie die Demokratie.

Die Deutschen haben aus dem Zusammenbruch ihrer Demokratie im Jahre 1933 alle nur denkbaren Konsequenzen gezogen - nur die eine nicht: Die am meisten unterschlagene Ursache der deutschen Katastrophe war das fatale Festhalten am Goldstandard. Die feste Bindung der Reichsmark und anderer Währungen an den Wert des Goldes verhinderte, dass die Notenbanken mit einer flexiblen Geldpolitik auf den Börsencrash von 1929 reagieren konnten. Was in den USA begann, wuchs sich zu einer Weltrezession aus.

Griechenland steckt heute in einer ähnlichen Klemme. Der Euro wirkt sich auf das Land ähnlich aus wie der Goldstandard auf Deutschland in den dreißiger Jahren. Der Euro verhindert, dass Griechenland durch eine Abwertung seiner Währung wieder wettbewerbsfähig werden kann. Die Sparpolitik führte damals wie heute zu einer wirtschaftlichen Depression. Vor allem sind die politischen Parallelen frappierend. Die demokratischen Volksparteien in Griechenland haben bei der Wahl am Wochenende keine Parlamentsmehrheit mehr bekommen - trotz der Tatsache, dass die größte Partei noch mal quasi als Geschenk ein Sechstel aller Sitze dazu erhält. Dafür sitzen jetzt Neonazis im Parlament.

Die Wahlen in Griechenland sind für uns in Deutschland weitaus wichtiger als der Machtwechsel in Paris. Sie zeigen uns nämlich, dass die Krisenpolitik von Angela Merkel und ihren europäischen Verbündeten an den politischen Realitäten zu scheitern droht. Entscheidend für dieses Scheitern sind nicht die Haushaltskürzungen an sich, sondern das endlose Sparen in einem System fester Wechselkurse. Damals im Goldstandard wie heute im Euro-System bedeutet diese Kombination, dass die Sparpolitik einen Mechanismus in Gang gesetzt hat, der Wachstum auf Dauer verhindert und die Schuldenkrise dadurch noch verstärkt.

Vor kurzem sprach ich mit einer Reihe griechischer Politiker und Journalisten und bemerkte eine überraschende Einstimmigkeit in der politischen Diagnose. Das Problem sind nicht die Einschnitte, sondern die Perspektivlosigkeit. Wenn man weiß, dass man nach drei Jahren des Sparens wieder eine solide Basis für zukünftiges Wachstum geschaffen hat, dann ist die Aktion unangenehm, aber psychologisch erträglich.

Griechenland indes steckt mittlerweile im fünften Jahr einer Depression, und die Wirtschaftsleistung fällt immer noch schneller als prognostiziert. Es ist nach fünf Jahren immer noch nicht klar, ob Griechenland im Euro bleiben kann. Selbst die griechischen Befürworter der Austeritätspolitik können nicht mit Sicherheit garantieren, dass es reichen wird. Zum Euro-Austritt kann es trotz des Sparens kommen.

Die giftige Dynamik der Schuldenkrise

Die giftige Dynamik einer Schuldenkrise besteht in der Kombination aus hohen Schulden, öffentlichem Sparen, Deflation und einem festen Wechselkurs. Man hört oft von Vertretern kleiner Länder, etwa Schweden oder Finnland, dass sie ihre Probleme durch eiserne Sparprogramme gelöst hätten. Vertreter dieser Staaten reagieren empört, wenn man ihnen sagt, dass ihre Erfahrungen für uns heute bedeutungslos sind. Beide Länder hatten nämlich das Glück, ihre Finanzkrise Anfang der neunziger Jahre zu durchleben - zu einem Zeitpunkt, als die Welt um sie herum stabil war. Schweden und Finnland haben kräftig abgewertet und damit ihrer Industrie einen enormen Wachstumsimpuls gegeben.

In einem System fester Wechselkurse geht das nicht. Wenn es hier zu einer Schieflage kommt, muss die Anpassung über Löhne und Preise erfolgen. Und das ist in einer freien Marktwirtschaft oft nur begrenzt und unter großen gesellschaftlichen Verwerfungen möglich. Griechenland kann seine Währung nicht abwerten, es kann höchstens die Euro-Zone verlassen. Dieser Austritt mag am Ende möglich sein, ist aber in den Euro-Verträgen nicht vorgesehen und käme einem juristischen und möglicherweise ökonomischen Alptraum gleich.

Was heute der Euro für Griechenland, war für Weimar die starre Bindung der Reichsmark ans Gold. Wie der Wirtschaftshistoriker Charles Kindleberger bereits vor langer Zeit feststellte, sorgte der Goldstandard für die globale Verbreitung der Großen Depression. In den dreißiger Jahren erholten sich jene Volkswirtschaften am schnellsten, die sich frühzeitig vom Goldstandard verabschiedeten. Die Krise dauerte aus diesem Grund zum Beispiel in Frankreich länger als in Großbritannien.

Droht in Griechenland der Rückfall in eine Diktatur?

Die historischen Parallelen sind wichtig, um die Wirkungsmechanismen zu verstehen. Man sollte den Vergleich natürlich nicht überstrapazieren. Es droht in Griechenland keine Machtübernahme der Neonazis. Geschichte überträgt sich nicht eins zu eins. Worum es mir geht, ist die unausweichliche Katastrophe einer prozyklischen Wirtschaftspolitik in einem System fester Wechselkurse ohne Euro-Bonds und ohne automatische Transferleistungen.

Die griechische Katastrophe kann verschiedene Formen annehmen: Ein Austritt aus dem Euro oder aus der Europäischen Union wäre gar nicht mal die schlimmste Variante. Der Worst Case wäre im Falle Griechenlands der Rückfall in eine Diktatur. Die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios wächst mit dem Grad politischer Instabilität. Schon heute wirkt es so, als ließe sich Merkels Sparpolitik auf den Straßen von Athen allenfalls noch mit Waffengewalt durchsetzen.

Der us-amerikanische Finanzminister Andrew Mellon wollte während der Großen Depression "Arbeitsplätze liquidieren, Vorräte liquidieren, die Farmer liquidieren, Immobilien liquidieren, die Fäulnisse aus dem System waschen". Es ist der berühmteste Zitatbeleg für den größten Irrtum der Wirtschaftsgeschichte. In Deutschland sind die modernen Varianten dieses Irrglaubens immer noch salonfähig.

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