Euro-Probleme Der absurde Ansturm auf die Banken

Die Euro-Schwarzseher lagen vollkommen falsch. Nicht der Handel kam unter dem Ansturm der Kunden fast zum Erliegen. Es waren die Banken, über die am ersten Werktag der Euro-Epoche das Chaos hereinbrach.


Hundere drängeln sich in die Kreissparkasse Köln: Den Kunden wurde die Wartezeit mit Kaffee und Plätzchen versüßt
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Hundere drängeln sich in die Kreissparkasse Köln: Den Kunden wurde die Wartezeit mit Kaffee und Plätzchen versüßt

Frankfurt am Main - Es war ein Zeichen der Hilflosigkeit und Überforderung: Eine Filiale der Deutsche Bank 24 in Frankfurt verrammelte zeitweise einfach die Türen zur Haupthalle. Zu groß war der Ansturm der Kunden, die Mark gegen Euro wechseln wollten. In der Vorhalle ballte sich die Masse - und nur jeweils kleine Grüppchen von fünf Leuten wurden in die Haupthalle vorgelassen.

"Sicherheitsbedenken" seien der Grund für diese ungewöhnliche Zugangsbeschränkung, sagten Bankvertreter. Ähnliche improvisierte Notmaßnahmen trafen Banken und Sparkassen auch anderswo in Deutschland.

Schlange stehen bei 10 Grad Minus

Vielerorts arbeiteten Kassierer in hektischem Tempo, während sich 50, 60 Kunden vor den Bankschaltern aufreihten. "Die Leute kommen her, um ihre Geldbörsen auszuleeren. Sie legen sie auf den Tisch und sagen: 'Ich möchte Euros'", berichtet ein Volksbank-Mitarbeiter in Frankfurt. Einige Banker klagten sogar hinter vorgehaltener Hand über die Unvernunft der Kunden. Es mache einfach keinen Sinn, seine D-Mark sofort in Euro umtauschen zu wollen.

"Man hat noch bis Ende Februar Zeit, die Mark im Handel los zu werden. Warum also bei 10 Grad minus draußen vor der Bank stehen?", übertrieb ein genervter Sprecher der Commerzbank. Anstatt für den Geldtausch anzustehen, sollten Kunden die Mark ausgeben, empfahl auch ein Schild in der Citibank-Filiale.

Euros, Freibier, Warteschlangen

Ähnliche Szenen spielten sich in Bayern ab: Vor zahllosen Bankschaltern und in München, Nürnberg, Regensburg und anderen Städten bildeten sich lange Warteschlangen. "Man könnte glauben, wir würden die Euros verschenken", wunderte sich Frank Müller, Leiter einer Nürnberger Commerzbank-Filiale. Einige Bankfilialen mussten wegen Überfüllung zeitweise schließen.

Bei den Sparkassen wurden nach Angaben des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes deutschlandweit von Dienstag bis Mittwochmittag bereits rund vier Milliarden Euro an die Kunden ausgegeben. Auf zum Teil lange Wartezeiten hätten die Bürger aber geduldig und verständnisvoll reagiert.

Geld-Automaten ständig nachgefüllt

Auch an den Geldautomaten sei die Nachfrage unvermindert groß, sagte ein Verbandssprecher. Nicht groß genug offenbar: Um die Schlangen an den Schaltern zu verkürzen, sollten Kunden die Automaten verstärkt nutzen, empfahl der Sprecher. Auch andere Banken, so die Hypovereinsbank, berichteten, der Ansturm der tauschwilligen Kunden sei unerwartet stark ausgefallen.

In den Großstädten sei die Nachfrage nach den neuen Scheinen so groß, dass viele Geldautomaten bereits zum zweiten oder dritten Mal gefüllt werden mussten, teilten die Bankenverbände mit. Insgesamt wurden in Deutschland mehr als 55.000 Geldautomaten umgestellt. An den Geldautomaten der Postbank wurden am Mittwoch doppelt so viele Abhebungen gezählt wie sonst.

Leere Automaten

Eine größere Panne wurde von der Deutschen Bank in Neubrandenburg gemeldet: Dort waren die Geldautomaten außer Betrieb, weil leer. "Die Wach- und Schließgesellschaften, die die Großbanken versorgen, kommen nicht so schnell nach, wie es nötig wäre", sagte Filialleiter Oliver Meitsch.

Bei den großen Kaufhäusern und den kleinen Einzelhändlern gab es dagegen keine größeren Probleme. "Bei uns herrscht ganz normaler Betrieb wie jedes Jahr zu dieser Zeit", behauptete gar die Kaufhof-Verkäuferin Ermina Hunic. Die Kunden waren lediglich vorsichtiger beim Empfang des neuen Geldes: "Die Mark haben die Leute einfach in ihren Geldbeutel hineingeschmissen, beim Euro zählen die meisten schon genau nach, ob es auch wirklich stimmt", berichtete die Verkäuferin Katarina Ibisy.

Déjà-vu im Osten

Teilweise sorgten auch die Preisauszeichnungen für Verwirrung, weil die Kunden nicht immer eindeutig erkennen konnten, ob es sich noch um DM- oder bereits um Euro-Beträge handelt. Aus Mecklenburg-Vorpommern gab es aber Berichte über Software-Fehler bei einigen Registrierkassen. Ab Mittag ging bei einigen Händlern das Euro-Kleingeld aus. "Diese Engpässe waren zu erwarten", wiegelt ein Sprecher des dortigen Einzelhandelsverbandes ab. Teilweise seien die Kunden mit zu großen D-Mark-Scheinen zu den Händlern gekommen.

Für die Ostdeutschen zumindest war der erste Werktag des Euro-Bargelds mit Déjà-vu-Gefühlen verbunden. Viele erinnerten sich an die Währungsumstellung 1990. Eine Sprecherin der mecklenburgischen Ostsee-Sparkasse rückte den Chaos-Tag bei den deutschen Banken in seinen historischen Kontext: "Der Zulauf ist nicht so grandios wie damals."

Geldscheine im Automaten vergessen

Auch im Ausland waren die Banken die Hauptleidtragenden der Währungswechsels. Der geplante Bankenstreik in Frankreich am ersten Euro-Werktag, der die Währungspremiere hätte verzögern können, ist aber weitgehend fehlgeschlagen. Dem Streikaufruf der Gewerkschaften folgte nach Angaben der Kreditinstitute nur ein Bruchteil der mehr als 400.000 Bankangestellten. Stattdessen bildeten sich lange Schlangen von Kunden, die sich ihrer Franc entledigen wollten.

In den Niederlanden verloren diverse Kunden die Geduld, als sie in Bank-Filialen mit unterversorgten Geldautomaten kämpfen und Wartezeiten erdulden mussten. "Die Leute werden richtig wütend und gehen auf die Kassierer los - aber wir versuchen, höflich zu bleiben", sagte ein Mitarbeiter bei ABN Amro in Gelderlandplein.

In den Luxemburger Banken gab es eigens für die Euro-Einführung eingerichtete Schalter. In der Nacht zu Neujahr hätten zudem einige Geldautomaten versagt, berichtete ein Sprecher der Bankenvereinigung. Der Grund: Offenbar nicht mehr ganz nüchterne Kunden vergaßen, das Geld mitzunehmen - und blockierten so die Automaten.



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