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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Deutschland zahlt - oder das System explodiert

Eine Kolumne von

Die Euroländer sind abhängiger voneinander, als bei Einführung der Währungsunion zugegeben wurde. Wollen wir sie erhalten, wird Deutschland dafür aufkommen müssen.

Sie kennen die Floskeln. Der Euro wird so stark sein wie die Mark. Eine Währungsunion kann ohne gegenseitige Hilfen bestehen. Ihr Bankguthaben ist sicher.

Die Realität einer Wirtschaft in einer Währungsunion ist eine andere. Man ist deutlich voneinander abhängiger, als man zugegeben hatte. Wenn irgendwo Ungleichgewichte auftreten, wie die massiven deutschen Handelsüberschüsse oder eine griechische Haushaltskrise, dann schießt das alles quer durch die Währungsunion und wieder zurück.

Entweder Spannung oder Fluss

Ungleichgewichte in der Ökonomie sind vergleichbar mit Energieübertragungen in der Physik. Aus der Physik kennen wir den Energieerhaltungssatz. Der sagt, dass die Energie in einem System gleich bleibt. Die Ökonomie ist kein physikalisches System, aber verhält sich bei Ungleichgewichten ähnlich. Wenn die Energie irgendwo zunimmt, dann nimmt sie anderswo ab. Es kommt entweder zu einer Spannung oder zu einem Fluss. Genau so ist es im Euroraum. Das System explodiert, oder Deutschland zahlt, so binär ist die Wahl. Es geht in der ganzen Euro-Diskussion jetzt nur noch darum, wie man Letzteres politisch verpackt, da man Ersteres vermeiden will.

Dazu gibt es nur eine begrenzte Zahl von Möglichkeiten. Da sind zum einen die verhassten Transferleistungen. Oder man vergemeinschaftet die privaten und öffentlichen Schulden durch eine Fiskalunion oder eine Bankenunion. Oder die Geldpolitik finanziert die Ungleichgewichte durch Anleihenkäufe. Das ist es dann aber auch schon. Man kann technisch noch etwas mehr tricksen, kombinieren und verschleiern, aber am Ende ist es irgendeine Kombination dieser Mechanismen.

Die beiden aussichtsreichsten sind kurzfristig die Geldpolitik und langfristig die Bankenunion. Nächste Woche wird die Europäische Zentralbank ihr Aufkaufprogramm für Anleihen über das bisherige Enddatum von September 2016 verlängern. Sie wird vielleicht auch noch die Zinsen weiter senken und in noch negativere Bereiche drücken.

Die Zentralbank hat letztlich keine Wahl, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren will. Sie hat ihr Inflationsziel als eine Rate von knapp unter zwei Prozent definiert wie so viele andere Zentralbanken in der Welt auch. Davon sind wir schon seit Jahren entfernt und werden auch in absehbarer Zeit nicht wieder zurückkehren.

Warum wurde diese Politik überhaupt nötig? Der Hauptgrund ist die Art und Weise, wie wir die Eurokrise bewältigt haben. Jedes Land sparte, erzielte Überschüsse, die Gesamtnachfrage in der Wirtschaft fiel und damit die Bereitschaft für Investitionen. Dadurch fiel die Inflation im ganzen Euroraum. Dann kamen der internationale Ölpreisschock und der Preisverfall anderer Rohstoffe, und die geringe Inflation verfestigte sich. Einige fürchteten sich sogar vor einer Deflation.

Um die Inflationsraten deutlich und nachhaltig zu steigern, muss die Geldpolitik jetzt mit brachialer Gewalt gegensteuern. Es ist der ökonomische Preis von Deutschlands Spardiktat.

Deutschland hatte enorme Vorteile von der Währungsunion

Die Bankenunion ist ebenfalls ein verdeckter Ausgleichsmechanismus. Die deutsche Kritik an der geplanten gemeinsamen Versicherung für Spareinlagen ist oberflächlich korrekt. Natürlich wird der überschüssige deutsche Sparer die defizitären südeuropäischen Banken und ihre Rettung mitfinanzieren. Aber Schuld sind die Ungleichgewichte und damit auch die deutsche Wirtschaftspolitik. In einer Währungsunion mit Ungleichgewichten kann es eine ökonomisch neutrale Einlagenversicherung nicht geben.

Die Frage ist also nicht, ob Deutschland zahlen wird. Deutschland wird zahlen. Die Frage ist, ob es das wert ist. Ich glaube ja. Aber hier kann man unterschiedlicher Meinung sein.

Deutschland hatte enorme Vorteile von der Währungsunion. Ohne sie wäre der deutsche Wechselkurs deutlich höher und die Warenausfuhren geringer. Ohne eine Währungsunion hätte Deutschland nie nahezu Vollbeschäftigung erreicht. Die Hartz-Reform hätte es möglicherweise gar nicht gegeben, denn die gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit wäre wahrscheinlich durch einen höheren Wechselkurs wieder ausgeglichen worden.

Die Italiener sind die großen Verlierer der Währungsunion, zum Teil natürlich selbst verschuldet. Die italienische Wirtschaftsleistung steht auf demselben Stand wie Anfang 2000. Da Italien nicht wächst, kommt es von seinen Schulden nicht herunter. Die ökonomische Realität ist jetzt die, dass Deutschland und Italien langfristig nur dann in einer Währungsunion zusammenhängen können, wenn zwei Dinge passieren: Italien reformiert seine Wirtschaft. Und die privaten und öffentlichen italienischen Schulden werden zumindest zum Teil vergemeinschaftet. Das eine will Italien, das andere will Deutschland nicht. Ich gehe mittlerweile davon aus, dass es nicht mehr lange dauert, bis Italien ein handfestes ökonomisches Interesse daran hat, den Euroraum zu verlassen.

Aus deutscher Sicht wäre die optimale Reaktion eine Politik des Abbaus der Haushaltsüberschüsse und der Förderung staatlicher und privater Investitionen. Damit würden die gesamten Überschüsse gesenkt. Man würde den Druck innerhalb des Euro-Systems reduzieren.

Dazu wird es nicht kommen, allein weil die schwarze Null einen schon fast symbolischen Wert hat und vor allem auch, weil die Schuldenbremse nur wenig Flexibilität zulässt. Der Euroraum behält also weiterhin seine Eigenschaft eines Dampfkessels. Auch diese Krise ist längst nicht ausgestanden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Eduschu 27.11.2015
Der schon wieder. Wenn er nur einige wenige Male recht behalten hätte mit seinen Vorhersagen, dann gäbe es den Euro schon längst nicht mehr.
2.
RioTokio 27.11.2015
Eine Horrorvorstellung in einer Fiskalunion mit Italien zu sein. Das wäre das Ende. Über Eurobonds wurde es versucht uns deren Schulden an den Hals zu hängen. Der Italiener Draghi druckt Billionen - ohne demokratische Legitimation - und beraub damit deutsche Sparer. Gerade wird versucht an die Milliardentöpfe der deutschen Einalgensicherungsfonds zu kommen. Deutsche Sparer haften dann für marode Südbanken. In Italien und Co gibt es teilweise überhaupt keine Einlagensicherung bis heute. Wenn Italien nicht glücklich ist in der Währungsunion soll es austreten und eifrig Lire drucken. Dannn sind wir auch den Ex Goldman Sachs Banker an der Spitze der EZB los.
3.
spon_3139848 27.11.2015
In Deutschland herrscht Vollbeschäftigung? Welches Jahr oder welches Deutschland ist gemeint, denn 2015 und dieses Deutschland kann nicht gemeint sein. Ungelogen herrschen über 10% Arbeitslosigkeit!
4. Deutschland hatte enorme Vorteile ! ? !
conny1969 27.11.2015
Ne Deutschland nicht, nur die großen Konzerne, die Bürger hatten keinen Vorteil vom Euro. Alle hatten Reallohnzuwächse nur wir dummen Deutschen nicht, wir hatten sogar ein Minus im Zeitraum von 10 Jahren als die Griechen ein Plus von über 40% hatten. Gewonnen haben die Arbeitnehmer in den südlichen Ländern bis das Kartenhaus zusammengefallen ist und jetzt sollen diejenigen die nichts vom Euro hatten für die ehemaligen Gewinner zahlen. Und ob wir zahlen wird sich noch zeigen, der Zahltag kann auch auf eine andere Art kommen.
5.
salkin 27.11.2015
Das Kaufprogramm der EZB ist zusammen mit den Krediten des ESM doch schon die Vergemeinschaftung der Schulden, quasi der Eurobonds. Warum auch hier wieder behauptet wird, dass die EZB mit einer Erweiterung des Kaufprogramms und Erhöhung des Negativzinses die Inflation ankurbeln kann lässt sich nach den Erfahrungen in Japan nicht nachvollziehen. QE dient ausschließlich dazu die ClubMed Staaten kapitalmarktfähig zu halten und der Vorbereitung des Eurobonds als alternativlos um bei Fälligkeit der Anleihen die Einlösung zu gewährleisten.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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