Euronext/NYSE-Fusion Deutsche Börse unter Zugzwang

Die Deutsche Börse ist der große Verlierer: Kreisen zufolge hat das Frankfurter Unternehmen bisher keinen Alternativplan zur Fusion mit der Vierländerbörse Euronext. Diese hat jedoch heute Morgen bekannt gegeben, sich nicht mit den Deutschen, sondern mit der New York Stock Exchange zusammenzutun.


Frankfurt – Das Schweigen ist auffällig: Auch Stunden nach der Bekanntgabe der Fusionspläne von Euronext und New York Stock Exchange hat die Deutsche Börse noch keinen Kommentar abgegeben. In Frankfurt scheint man bisher keinen Alternativplan für die Übernahme der Vierländerbörse Euronext zu haben, heißt es aus Insiderkreisen. Bis zuletzt hatte der deutsche Marktplatz gehofft, selbst Partner von Euronext zu werden – obwohl die Anteilseigner von Euronext auf der letzten Hauptversammlung bereits signalisiert hatten, dass sie vom Angebot der Deutschen nicht allzu viel hielten. Heute Nacht einigte sich die Vierländerbörse dann mit der New York Stock Exchange (NYSE) auf einen Zusammenschluss.

Ney York Stock Exchange: Größten Börsengänge fanden außerhalb der USA statt
DPA

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Noch gestern hatte eine Sitzung des Strategieausschusses des Aufsichtsrats der Deutschen Börse stattgefunden - allerdings offenbar in Unkenntnis der Einigung in New York, wie die Insider der Nachrichtenagentur Dow Jones berichteten. Die Führung der Börse soll aber angekündigt haben, sich jetzt um Alternativpläne kümmern zu wollen, so eine informierte Person weiter. Bislang habe die Führung nicht den Eindruck vermittelt, ein feindliches Angebot unterbreiten zu wollen. Diese Einschätzung teilte eine weitere mit den Vorgängen vertraute Person.

Die Person verwies aber darauf, dass sich die diesbezügliche Einstellung des Managements nach der Fusionsvereinbarung von NYSE und Euronext auch ändern könne. Allerdings habe bislang der Eindruck vorgeherrscht, dass ein feindliches Angebot niemandem gerecht werde, sagte ein weiterer Informant. Die Kapitalseite im Aufsichtsrat habe den Vorstand gestern zu weiteren Zugeständnissen gedrängt, um bei der Euronext doch noch zum Zuge zu kommen. Am Abend habe dann noch eine Vorstandssitzung stattgefunden. Mit der Vereinbarung von NYSE und Euronext seien weitere Zugeständnisse nun "vom Tisch".

Doch die Fusionspläne von NYSE und Euronext führten in Frankfurt nicht nur zu Entsetzen. In der Belegschaft machte sich der informierten Person zufolge nach der Vereinbarung sogar Erleichterung breit. So wäre eine Fusion mit der Vierländerbörse auf einen Verkauf von Clearstream hinausgelaufen. Der Abwickler sei aber ein Ertragsbringer und damit wichtiger Bestandteil des Geschäftsmodells. Die Zugeständnisse wären insgesamt zu Lasten des Finanzstandortes Frankfurt gegangen.

Größter Aktienmarktplatz der Welt

Durch den Zusammenschluss zwischen NYSE und Euronext entsteht der größte Handelsplatz für Wertpapiere weltweit mit einer Marktkapitalisierung von 15 Milliarden Euro, wie die Unternehmen in einer gemeinsamen Erklärung mitteilten. Zusammengenommen werden an den Börsenplätzen des künftigen Gemeinschaftsunternehmens jeden Monat Aktien im Wert von etwa 2,1 Billionen Dollar gehandelt. Die NYSE Group wird für den Zusammenschluss rund zehn Milliarden Dollar per Barausgleich und in Aktien zahlen.

Die neue Gruppe solle NYSE Euronext heißen und werde ihren Sitz in New York sowie internationale Hauptquartiere in Paris und Amsterdam. Chef des neuen transatlantischen Unternehmens mit dem Namen NYSE Euronext wird der bisherige Chef der New Yorker Börse, John Thain. Euronext-Chef Jean-Francois Théodore wird sein Stellvertreter.

Die Unternehmen erhoffen sich von der Fusion jährliche Einsparungen von 295 Millionen Euro auf Vorsteuerbasis. Für die NYSE ist die Fusion mit den Europäern aber vor allem aus anderen Gründen wichtig: Die meisten großen Börsengänge der vergangenen Jahre hätten außerhalb der USA stattgefunden, räumte NYSE-Chef ein. Ausländische Unternehmen scheuten wegen des Sarbanes-Oxley Acts - einem US-Gesetz zur Verbesserung der Unternehmensberichterstattung - eine Notierung in den USA. Mit der Fusion mit Euronext will Thain die New Yorker Börse wieder attraktiver für Börsengänge machen. Außerdem erhält die NYSE durch Euronext mit der Londoner Liffe die lang ersehnte starke Position im elektronischen Derivatehandel.

Euronext sucht unterdessen nicht nur in den USA nach neuen Partnern. Nur wenige Stunden nach Bekanntgabe des transatlantischen Deals erfolgte die Ankündigung, dass Vertreter der Vierländerbörse sich heute auch mit der Führung der Mailänder Borsa Italiana zu Gesprächen über eine mögliche Fusion treffen. Die Italiener hatten bereits zuvor Interesse an einem Zusammengehen mit Euronext signalisiert.

ase/AFP/AP/dpa-AFX/ddp/Dow Jones



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