Euronext und Banken-Pläne Börsen-Revolution bedroht Finanzplatz Frankfurt

Zwei Nachrichten wühlen die Finanzwelt auf: Die Deutsche Börse ist an der Fusion mit Euronext gescheitert - der Traum einer Europa-Börse geplatzt. Zugleich kündigen sieben Investmentbanken eine eigene Börse an. Ein Coup, der die etablierten Handelsplätze bedroht.

Von Tim Höfinghoff


Hamburg - Monatelang hatten es die Frankfurter versucht. Sie warben bei den Franzosen, lockten mit Zugeständnissen und machten Politikern Druck. Das Ziel von Deutsche-Börse Chart zeigen-Chef Reto Francioni: unbedingt einen Deal mit der Mehrländerbörse Euronext Chart zeigen einfädeln. Schließlich sollte es der New York Stock Exchange Chart zeigen (NYSE) nicht gelingen, mit ihrer Zehn-Milliarden-Dollar-Offerte bei der aus Paris geführten Euronext zum Zuge zu kommen.

Francioni: "Der Vorstand hat die Reißleine gezogen"
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Francioni: "Der Vorstand hat die Reißleine gezogen"

Die Mühe war umsonst. Heute musste Francioni verkünden: "Es hat keinen Sinn mehr, in Richtung Euronext zu arbeiten." Alle Versuche seien abgelehnt worden. "Der Vorstand hat die Reißleine gezogen." Die Aktie der Deutschen Börse ging in den Tiefflug und verlor mehr als sieben Prozent.

Im globalen Börsenpoker steht Francioni nun als Verlierer da. "Die Deutsche Börse ist weitgehend isoliert", sagt Analyst Konrad Becker vom Bankhaus Merck Finck. Die Euronext, die Börsen in Paris, Amsterdam, Brüssel, Lissabon und London betreibt, wird mit der NYSE eine Megabörse formen. Im Dezember sollen Euronext-Aktionäre darüber abstimmen.

Endgültig gescheitert ist damit die Idee einer mächtigen Börse in Europa, die mit der Wall Street mithalten kann. Auch die Bundesregierung hatte stets für eine europäische Gemeinschaftsbörse geworben. Heute beklagte das Bundesfinanzministerium die "verpasste Chance".

Die Branche ist mächtig unter Druck geraten, seit die Handelsplätze selbst an die Börse streben und sich zusammenschließen. Institutionelle Anleger dringen darauf, den Handel günstiger, schneller und effizienter zu machen. Wer in Zeiten der Konsolidierung keinen mächtigen Partner zur Seite hat, bekommt Probleme. Kein Wunder, dass sich die NYSE als Leitbörse aus New York mit der Euronext in Europa zusammenschließen will - der Wettbewerb wird immer härter. Auch die US-Technologiebörse Nasdaq hat sich schon einen 25-Prozent-Anteil an der London Stock Exchange Chart zeigen(LSE) gesichert. Und im Oktober kündigten die US-Warenterminbörsen CME und CBOT eine Fusion an.

Deutsche Börse auf Partnersuche

Auch die Deutschen wissen schon lange, dass sie handeln müssen: Francioni-Vorgänger Werner Seifert versuchte, mit den Franzosen ins Geschäft zu kommen. Er klopfte auch bei der LSE an. Doch die Deals kamen nie zustande. Seifert musste gehen. Auch mit kleineren Konkurrenten wie den Börsen in Zürich und Mailand klappte es nicht. Nun muss sich Francioni nach Kaufzielen in Osteuropa umsehen.

Noch im Mai hatte sich Francioni mit Euronext-Chef Jean-Francois Théodore in Paris getroffen. Die Deutsche Börse wollte sogar ihr Handelsystem Xetra aufgeben. Doch "Euronext hat sich gesträubt", sagt Andreas Pläsier, Analyst bei der MM Warbung Bank. Die Franzosen bevorzugten das Angebot von NYSE-Chef John Thain.

Francioni sagte heute, dass auch zu einem späteren Zeitpunkt die Deutsche Börse nicht mit einer NYSE-Euronext-Gesellschaft zusammenarbeiten will. In Richtung Euronext fügte er zwar hinzu, dass "die Tür nicht geschlossen ist". Zu einer Übereinkunft mit den Franzosen dürfte es aber kaum noch kommen.

Pläne für Sieben-Banken-Börse bewegen Finanzwelt

Ohnehin ist Francionis Entscheidung auch im Lichte einer ganz anderen Nachricht zu sehen, die heute die Finanzwelt bewegte - und die Deutsche Börse nicht minder betrifft. Sieben Investmentbanken haben heute vor Francionis Mitteilung angekündigt, eine eigene Handelsplattform zu gründen. Citigroup Chart zeigen, Credit Suisse Chart zeigen, Deutsche Bank Chart zeigen, Goldman Sachs Chart zeigen, Merrill Lynch Chart zeigen, Morgan Stanley Chart zeigenund UBS Chart zeigen streben die Gründung eines neuen Unternehmens an. Dort soll ein unabhängiges Managerteam eine eigene Aktienbörse entwickeln - eine Banken-Börse sozusagen.

Die Banken wollen Anteilseigner der neuen Börse werden und haben sich zur Finanzierung verpflichtet. Das Ziel der überraschenden Aktion: jene Kosten senken, die beim Kauf und Verkauf von Aktien anfallen. Jeder, der über die neue Plattform handeln möchte, solle das können, das ist die Devise.

Die Banken profitieren von einer EU-Entscheidung, die mehr Wettbewerb am Markt für Dienstleistungen von Wertpapierunternehmen zulässt. Im November 2007 soll die Richtlinie umgesetzt werden.

"Das ist eine Bedrohung"

Ist es nur Zufall, dass die beiden Börsen-Nachrichten so kurz hintereinander offiziell wurden? Erst die Ankündigung der Banken-Börse, dann die Absage aus Frankfurt - womöglich wollte Francioni angesichts des Plans der sieben Investmentbanken kein hohes Gebot mehr für den Rivalen Euronext abgeben.

Klar ist: Die geplante Banken-Börse ist eine Bedrohung für die etablierten Anbieter wie die Deutsche Börse und die Euronext, sagt Pläsier. Der Grund: Die Investmentbanken vereinen derzeit etwa 50 Prozent des europäischen Aktienhandels auf sich. Wenn sie nun nicht mehr herkömmliche Börsen dafür benutzen, sondern dieses Geschäft selbst erledigen, "tut das entsprechend weh". Analyst Konrad Becker von Merck Finck sagte zu manager-magazin.de: "Wenn dies keine reine Drohgebärde ist, dann wird eine der beiden Börsen, also Euronext oder die Deutsche Börse, mit Blick auf die Handelsvolumina im Grunde überflüssig."

Mancher Kritiker sieht die Deutsche Börse schon zur Regionalbörse verkommen. Dabei ist die Deutsche Börse hoch profitabel. "Sie ist immer noch die führende Terminbörse weltweit", sagt Analyst Pläsier. Aber der Trend ist klar: "Die Handelsgebühren sind rückläufig, und das drückt auf die Marge."

Anleger könnten davon profitieren. Die Experten prophezeien, dass der Aktienhandel auch für Privatanleger bald günstiger wird.



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