Ex-Barclays-Chef Diamond Seine Chance zur Rache naht

Vor seiner Aussage zittert die Londoner City: Bob Diamond, der zurückgetretene Chef der Barclays-Bank, erscheint am Nachmittag vor dem Unterhaus. Er könnte auspacken, wer noch alles bei den Zinsmanipulationen mitgemacht hat, die ihn das Amt kosteten.

Bob Diamond: Er hält sich für einen Sündenbock
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Bob Diamond: Er hält sich für einen Sündenbock


Er war der bestbezahlte und meistgehasste Banker Großbritanniens. Bob Diamond, bis gestern Chef der britischen Großbank Barclays, hatte auf der Insel einen ähnlich katastrophalen Ruf wie Josef Ackermann in Deutschland. Mit flotten Sprüchen hatte Diamond die Millionen-Boni seiner Händler verteidigt und Entschuldigungen für die Finanzkrise abgelehnt.

Sein Rücktritt am Dienstag wurde daher mit einiger Genugtuung aufgenommen. "Ein richtiger Schritt für das Land", sagte Finanzminister George Osborne erleichtert. Der Minister hatte in einer konzertierten Aktion mit den Bankenaufsehern von der Bank of England und der Financial Services Authority dem Rücktritt etwas nachgeholfen. Die "Financial Times" berichtete von nächtlichen Telefonaten mit dem Aufsichtsrat der Bank.

Diamond hat sich nur widerwillig dem Druck gebeugt. Er hält es für unfair, zum Sündenbock in einem Skandal gemacht zu werden, der nun die gesamte Londoner City zu erfassen droht.

Am Mittwochnachmittag erhält Diamond die Gelegenheit zur Rache. Vor dem Finanzausschuss des Unterhauses kann er seine Sicht der Dinge darlegen - und den Finger auf andere Banken, aber auch auf Politiker, Notenbanker und Finanzaufseher richten. Bereits am Dienstag gab er einen Vorgeschmack auf das, was zu erwarten ist. Die Bank veröffentlichte eine E-Mail, aus der hervorgeht, dass die Bank of England während der Finanzkrise 2008 Barclays nahegelegt hatte, die Zinsen zu manipulieren.

Es geht um den Londoner Interbankenzins Libor (London Interbank Offered Rate), also den Zins, zu dem Banken sich untereinander Geld leihen. Der Zins wird jeden Tag neu ermittelt: Vormittags teilen Händler von 18 Banken dem britischen Bankenverband mit, wie viel sie für Kredite mit unterschiedlicher Laufzeit zahlen müssen. Der Durchschnitt dieser Werte ist dann der Libor für den Tag. Am Libor orientieren sich Geldinstitute in der ganzen Welt - er legt den Zins für Immobilienkredite, Sparverträge und Anleihen fest. Das Volumen der Finanzprodukte, die von Libor abhängen, beträgt 280 Billionen Euro.

Die Spitze des Eisbergs

In den vergangenen Jahren sollen mehrere Banken falsche Angaben gegenüber dem Bankenverband gemacht haben. Sie sollen jahrelang niedrigere Zinssätze gemeldet haben, als sie eigentlich am Markt zahlen mussten. Damit wollten sie finanziell gesünder erscheinen, als sie es eigentlich waren - ein wichtiges Ziel in der Finanzkrise, als Banken sich untereinander kein Geld mehr leihen wollten. Obendrein gab es bei Barclays auch Trader, die ihre für den Libor zuständigen Kollegen um gezielte Manipulation der täglichen Meldungen baten. Aus den winzigen Zinsschwankungen, die dadurch entstanden, schlugen sie dann Millionenprofite.

Barclays hatte vergangene Woche als erste Bank einem Vergleich mit den Bankenaufsehern in den USA und Großbritannien zugestimmt. Die Bank wurde für ihre Manipulationen zu einer Geldstrafe von 290 Millionen Pfund verdonnert. Das gesamte Top-Management trat zurück. Doch ist dies nur die Spitze des Eisbergs: Beobachter gehen davon aus, dass die Praxis der Libor-Manipulation in der City weit verbreitet war.

Das "Wall Street Journal" hatte bereits im Mai 2008 auffällig niedrige Libor-Meldungen bei einer Reihe von Banken festgestellt, darunter Citigroup, JP Morgan, UBS und WestLB. Die Bankenaufseher reagierten damals jedoch nicht auf den Verdacht, obwohl er höchst plausibel belegt wurde.

Nun steht die Frage im Raum: Könnte es daran liegen, dass die Aufseher selbst ein Interesse an den niedrigen Zinsen hatten? Die Bank of England und die britische Regierung kämpften 2008 gegen den "Credit Crunch", das Versiegen der Kredite in der Finanzkrise. Zweifel an der Gesundheit ihrer Großbanken konnten sie nicht gebrauchen.

Die E-Mail, die Barclays am Dienstag veröffentlichte, lässt die Notenbank in einem schlechten Licht erscheinen. Die E-Mail von Bob Diamond, dem damaligen Chef der Investmentsparte BarCap, an den Barclays-Chef John Varley und BarCap-Präsident Jerry del Missier wurde am 30. Oktober 2008 um 14.19 Uhr abgeschickt. Unter dem Titel "Bank of England Anruf" berichtet Diamond, dass am 29. Oktober der stellvertretende Gouverneur der Notenbank, Paul Tucker, bei ihm angerufen habe.

"Mr. Tucker sagte, er habe Anrufe von führenden Regierungsvertretern erhalten, die fragten, warum Barclays immer am oberen Ende der Libor-Preisspanne liege", schrieb Diamond. Tucker habe gesagt, er sei sicher, dass Barclays keine Ratschläge brauche, aber die Zinsen müssten nicht immer so hoch erscheinen.

Der Hinweis wurde verstanden: Am Tag danach meldete Barclays einen deutlich niedrigeren Zins. Die offizielle Erklärung dafür lautet, dass weder Tucker noch Diamond eine Anweisung gegeben haben, sondern dass Missier die E-Mail falsch interpretiert hat. Er war es, der Mitarbeiter anhielt, einen falschen Zins zu melden. Die Bank of England bestreitet, jemals von Manipulationen gewusst, geschweige denn dazu aufgerufen zu haben.

Wenn Diamond am Nachmittag vor dem Unterhaus noch mehr solcher Beweise liefert, kann der Skandal weite Kreise ziehen. Außer den Aufsehern werden die anderen 17 Banken in dem Libor-Kreis nun ins Visier rücken - darunter auch die Deutsche Bank. Barclays hat bereits erklärt, man habe sich 2008 stets gewundert, warum die anderen so niedrige Zinsen meldeten.

Je mehr Institutionen involviert sind, desto mehr wird der Fokus von Barclays und Diamond wegrücken. Aus Sicht des parlamentarischen Untersuchungsausschusses, der nun mit der Aufklärung des Skandals beauftragt ist, könnte das einen Glücksfall bedeuten. Wenn erst die Schweigemauer im Bankensektor bricht, bestehen gute Chancen, alle Schuldigen zu identifizieren.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
syssifus 04.07.2012
1. Nicht ungefährlich,
Zitat von sysopAFPVor seiner Aussage zittert die Londoner City: Bob Diamond, der zurückgetretene Chef der Barclays-Bank, erscheint am Nachmittag vor dem Unterhaus. Er könnte auspacken, wer noch alles bei den Zinsmanipulationen mitgemacht hat, die ihn das Amt kosteten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,842550,00.html
die Wahrheit sagen zu wollen.Es sind schon Leute,wegen weniger, tödlich verunglückt.Wenn es um solche Summen und Tatbestände geht,zählt ein Menschenleben rein garnicht's.
siebke 04.07.2012
2. Schuldig ?
Ich denke in diesem Geschäft ist "Schuldig" nicht gleich schuldig...wie bei uns "Normalen". Die Messlatte hängt viel höher !
Absurdistan-Veteran 04.07.2012
3. WestLB?
Zitat von sysopAFPVor seiner Aussage zittert die Londoner City: Bob Diamond, der zurückgetretene Chef der Barclays-Bank, erscheint am Nachmittag vor dem Unterhaus. Er könnte auspacken, wer noch alles bei den Zinsmanipulationen mitgemacht hat, die ihn das Amt kosteten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,842550,00.html
Die WestLB involviert? Interesse der Aufseher an LIBOR-Manipulation auf dem Höhepunkt der Bankenkrise 2008? Der Spiegel sollte umgehend die Herren Steinbrück und Assmussen zu diesem Thema befragen.
jetzt:hördochauf 04.07.2012
4. mmh... über Jahre Zinsen manipuliert
... über Jahre Zinsen manipuliert. Da dürfte ja ein feines Schadenssümmchen zusammen gekommen sein. Wollte man das tatsächlich aufklären wäre die nächste Bankenrettung vorprogrammiert bzw. ist dann noch was zu retten? Auf jeden Fall sollten die Herrschaften nicht mehr allzu lange Frei durch die City flanieren...
uezegei 04.07.2012
5.
Zitat von syssifusdie Wahrheit sagen zu wollen.Es sind schon Leute,wegen weniger, tödlich verunglückt.Wenn es um solche Summen und Tatbestände geht,zählt ein Menschenleben rein garnicht's.
das ging mir auch sofort duch den Kopf, aber eventuell wird er ja auch nur einen Blackout haben ..
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