Ex-Pleitier Jürgen Schneider Mehr Remmidemmi! Mehr Licht!

Vom Pleitier zum Prahlhans: Mit frisierten Immobiliendeals häufte Jürgen Schneider einen gigantischen Schuldenberg an - jetzt hält er wieder Hof in Leipzig. Der einstige Baulöwe bereichert die Geschäftswelt mit Tipps zur Wirtschaftskrise - und genießt seine Auftritte unverhohlen.

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Leipzig - Der Herr geht nicht einfach, er schreitet. Das schüttere Haupt hoch erhoben, stolziert er mit wehendem Mantel und kleinen Schritten durch die Leipziger Mädler-Passage. Ihm fremde Menschen greifen spontan zur Kamera, fotografieren durch die Fensterscheiben der Cafés, schütteln ihm ehrfurchtsvoll die Hand. Die Lokalzeitung schickt einen Fotografen.

Jürgen Schneider, 74, ist wieder in Leipzig. "Der Schneider", raunen Passanten.

Einst besaß der Hesse hier 59 Häuser in bester Lage. Außerdem eine Baufirma, ein Kiesunternehmen, einen Steinbruch und eine Sandgrube. Schneider galt als Retter der Stadt und großzügiger Mäzen - bis er seine Firmengruppe 1994 mit 2,7 Milliarden Euro Schulden in den Ruin getrieben hatte. Plötzlich war er der Spekulant, der Rekordpleitier, gesellschaftlich geächtet und finanziell mausetot.

Doch Zeiten ändern sich. Nachdem die Pleitiers des 21. Jahrhunderts bis zu hundert Milliarden Dollar verzockt haben, hält der einstige König des deutschen Immobilienwesens wieder Hof. "Peanuts" sei sein Fall doch im Vergleich zu dem, was sich die Banken heute erlaubt hätten, sagt er. Damit spielt er auf die Äußerung des damaligen Deutsche-Bank-Chefs Hilmar Kopper an. Der hatte die Verluste durch die Schneider-Pleite ebenfalls als "Peanuts" abgetan.

Es kribbelt wieder in den Fingern. Als Experte gab Schneider neulich Rettungspläne für die Mädler-Passage zum Besten. Die alte Prachtmeile war mal sein Vorzeigeobjekt. Heute stehen einige der noblen Ladenlokale leer. Dem örtlichen Boulevard hat der Kaufmann deshalb "bewährte Bauherren-Ratschläge" verraten: Die Banken sollten den Passagenbesitzern Zinsnachlässe gewähren, "schließlich sind die Banken ja schuld, haben mit ihren Spekulationen die Finanzkrise erst ausgelöst".

Mit Spekulationen und Krisen kennt sich Schneider aus. Er hat sein Königsteiner Schloss verloren, das selbstgemauerte Eigenheim im Taunus, den edlen Mercedes samt Fahrer und die Kiste mit den Toupets, die lange beim Konkursverwalter stand. Der Ex-Unternehmer lebt offiziell vom Nachlass der Eltern und Schwiegereltern.

So sitzt er nun in der Mädler-Passage mit Gattin Claudia vor der Mephisto-Bar und leidet körperlich, wenn er die leeren Geschäfte sieht. "Das ist eine echte Goldgrube, wenn es richtig betrieben wird", doziert Schneider über der Kaffeetasse. Ein Klavier müsse in die große Rotunde, Geiger, Remmidemmi. Und vor allem mehr Licht.

Es gibt öffentliche Jürgen-Schneider-Führungen

Die Menschen bleiben stehen. Ein Fernsehteam des WDR ist mit Schneider nach Leipzig gekommen, um eine Dokumentation zu drehen. Ein Mikrofon schwebt über dem Kopf des Ex-Baulöwen, die Kamera zoomt auf das Gesicht. Schneider sieht zufrieden aus. Er schaut auf die Leute, die ihm freundlich zulächeln. Er sagt: "Die Resozialisierung ist gelungen." Und wie.

Der wegen Betrug und Urkundenfälschung Verurteilte ist eine richtige Attraktion. Es gibt öffentliche Führungen in der Stadt: "auf den Spuren Jürgen Schneiders". Zwei Stunden dauert die Tour. Der Pleitier ist schon gefragt worden, ob er die Spaziergänge nicht selbst machen wolle. Und er hat darüber nachgedacht. Doch dann hätten die Leipziger Stadtväter unter Hinweis auf das Urteil und die Haftstrafe abgeraten - schließlich gibt es ja noch die Handwerker, die nach dem Konkurs auf ihren Rechnungen sitzengeblieben waren.

Schneider ist mit sich im Reinen. Auch wenn manche "bedauerlicherweise viel Geld verloren haben", behauptet er, sei nicht ein einziger Handwerker wegen des Zusammenbruchs seiner Firmengruppe in die Pleite getrieben worden: "Ich muss hier nicht mit eingezogenem Kopf sitzen."

Das sehen nicht alle so. Marlies Kaiser zum Beispiel, Prokuristin der Mädler-KG, sagt, einigen steige "die blanke Wut hoch", wenn sie den Namen des Pleitiers nur hörten. Bis 1994 sei Schneider Gesellschafter gewesen, habe "dubiose Mieter" angeschleppt und die Immobilie mit 65 Millionen Mark belastet: "Damit hatten wir ewig zu kämpfen, die Summe ist nie in die Passage investiert worden." Aber sicher, entgegnet Schneider. "Vielleicht sogar noch mehr."

Mephisto mit dem Gesicht Schneiders

Fassadenkosmetik habe Schneider betrieben, sagt Kaiser, etwa die Innenwände gelb gestrichen: "Das mussten wir später wieder mühsam entfernen, weil es dem Denkmalschutz nicht entsprach." "Unsinn", poltert der Gescholtene zurück, "viel Liebe" habe er in das Haus gesteckt. Fest steht: Richtig saniert wurde das Gebäude erst nach Schneiders Crash, von seinen Geldgebern, vor allem der Commerzbank. "Hier hat niemand Lust, Ratschläge von Herrn Schneider anzunehmen", sagt Kaiser.

Die Welt der Marlies Kaiser und die Welt des Jürgen Schneider passen nicht zueinander. "Ich habe zwar eine Milliardenpleite hingelegt, aber die Häuser, die sind aus Stein. Die verschwinden nicht einfach." Schneider beginnt nach diesem Satz förmlich zu schweben. Da ist es auch egal, dass nicht ein einziges Leipziger Projekt von ihm selbst fertiggebaut wurde.

Im berühmten Auerbachs Keller, dessen Eingang in der Passage liegt, hängt hinten rechts ein Gemälde des Tübke-Schülers Volker Pohlenz. Es zeigt eine Szene aus Goethes "Faust". In der kaiserlichen Pfalz schlüpft Mephisto in die Rolle des Narren und verspricht dem Kaiser Rettung aus finanzieller Not: "Was könnte da zum Unheil sich vereinen. Zur Finsternis, wo solche Sterne scheinen?" Pohlenz hat Mephisto das Gesicht Jürgen Schneiders gegeben.



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