Exotische Fonds: Spielplätze für Anlage-Abenteuer

Von Malte Dreher

Kasachstan, Pakistan oder Vietnam: Deutsche Anleger pumpen Hunderte Millionen Euro an exotische Börsenplätze. Doch Investoren müssen sich auf Kuriositäten einstellen. Denn die Märkte sind oft illiquide - und bisweilen schließt die Börse schon zur Mittagszeit.

Bis zum 27. Oktober des vergangenen Jahres glich das Zertifikateangebot der Landesbank Berlin (LBB) der Auswahl einer Speisekarte in einer typischen Berliner Kneipe. Nüscht Aufregendes, aber von allem etwas. Einigermaßen einfallsreich zeigen sich die Produktentwickler nur bei der Namensfindung einzelner Zinszertifikate: Querbeet können Schneeglöckchen-, Krokus- oder Sonnenblumen-Anleihen gekauft werden. Garantiezertifikate kommen als Bergfest-, Sommerfest- oder Karneval-Anleihe daher – Hausmannskost mit Tröte.

Börse im pakistanischen Karatschi: Selbst konservative Anleger zeigen Interesse
AP

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Ende Oktober entdeckten die Berliner den vietnamesischen Opportunity Fund und mit ihm ihre wahre exotische Ader. Auf den Fonds der Londoner Gesellschaft Vina Capital legte die LBB ein Partizipationszertifikat auf. "Seitdem haben wir den Ruf als Pionier in der Branche", sagt LBB-Zertifikate-Experte Bernd Ehmke.

Das Vietnam Opportunity Zertifikat belegt seit Auflage durchweg einen Top-Platz in den gängigen Hitparaden der meistgehandelten Zertifikate, und zumindest für Erstzeichner hat sich ein Engagement gelohnt. Wer von Anfang an dabei ist, war am 27. April 24 Prozent im Plus. In der Spitze notierte das Zertifikat Ende Januar 75 Prozent über dem Auflagekurs. "Der vietnamesische Markt ist klar unterbewertet, aber sehr herausfordernd", sagt Don Lam, Manager des Vietnam Opportunity.

Mit anderen Worten: An der Zwergenbörse von Ho-Chi-Minh-Stadt, wo Kauf- und Verkaufsorder noch auf Zetteln notiert und unregelmäßig ausgeführt werden, lässt sich ebenso trefflich Geld verdienen wie verlieren. Wie nah Chance und Risiko für Anleger des Zertifikats beieinander liegen, zeigen der höchste Tagesgewinn von 8,7 Prozent und der höchste Tagesverlust von 11,3 Prozent.

Exotische Märkte: Die Tops und Flops im ersten Quartal

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Einen großen Anteil an diesen starken Ausschlägen - und an der Performance des Ho-Chi-Minh-Index von über 240 Prozent im Lauf der vergangenen 24 Monate - haben die deutschen Zertifikateanleger selbst. Schätzungsweise 250 Millionen Euro pumpten sie bisher über das LBB-Produkt und die unmittelbar darauf folgenden Zertifikate der Deutschen Bank und der DWS Go an den exotischen Handelsplatz. Viel Geld für wenige Aktien. Der vietnamesische Markt kommt lediglich auf einen Gesamtwert von knapp 14 Milliarden Euro und ist damit etwas kleiner als der deutsche M-Dax-Wert Beiersdorf. Erschwerend kommt hinzu, dass von den 107 gelisteten Unternehmen lediglich Aktien von 20 Unternehmen für Ausländer handelbar sind. Da können Kurse schnell durch die Decke oder in den Keller rauschen.

"Diese engen Märkte sind sehr liquiditätsgetrieben, so dass hohe Zu- oder Abflüsse zu extrem starken Kursschwankungen führen", sagt Claus Gruber, Sprecher von DWS Go. Diese Eigenart veranlasste die Zertifikatetochter der DWS zu einem Warnhinweis für Interessenten ihres Vietnam Total Return Index Zertifikats (DE 000 DWS 0GB 2). "Aufgrund des derzeitigen Liquiditätsengpasses im vietnamesischen Aktienmarkt kommt es zu Abweichungen zwischen dem Wert des Zertifikats und des zugrunde liegenden Index", so beginnt der Hinweis auf der DWS-Go-Seite. "Wir mussten die Zusammensetzung unseres Portfolios schon ändern, weil die ursprünglichen Aktien nicht handelbar waren", sagt Gruber.

Vor gleichen Problemen steht das niederländische Zertifikatehaus ABN Amro mit seinem Sofix-Zertifikat, das auf den bulgarischen Aktienindex setzt. EU-Beitrittsfantasien trieben zu Jahresbeginn die Kurse in die Höhe und Anleger in das Zertifikat. Über diesen Ansturm waren der Markt und der Emittent jedoch überrascht. Auch hier gibt es zu viele Anleger für zu wenige Aktien.

"Der bulgarische Markt ist sehr illiquide und hat nur sehr kurze Öffnungszeiten", erklärt Jürgen Koch, Zertifikateexperte bei ABN Amro. In Sofia wird nur bis mittags gehandelt. Um sich selbst abzusichern, erhöhte ABN Amro kurzfristig den Spread, die Spanne zwischen An- und Verkaufskurs, auf fünf Prozent; üblich sind etwa zwei Prozent.

Auch Berenberg-Fondsmanager Ralph Luther möchte öfter mehr kaufen, als er kann: Die Aktien für seinen Mitte März aufgelegten Ukraine-Fonds kauft Luther nicht über die Börse Kiew, das wäre viel zu riskant und zu kompliziert. Vielmehr bleibt er unter seinesgleichen und kauft Investmentkollegen in London Anteile ab. "Manchmal gibt es keine Verkäufer auf dem Markt, und ich bekomme die gewünschten Aktien nicht", so Luther.

Exoten-Fonds: Die Anbieter entdecken den wilden Osten

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Enge Märkte, ausverkaufte Aktien, ein Handelsschluss zur Mittagspause und politisch verursachte Kursstürze halten indes weder Anleger noch die Finanzhäuser davon ab, in ferne Regionen vorzustoßen. Die klassischen Bric-Länder Brasilien, Russland, Indien und China sind längst etabliert und scheinen langweilig. Jetzt zieht die Karawane weiter und tummelt sich auf den wahren Abenteuerspielplätzen der Weltbörsen. Fast wöchentlich werden neue Zertifikate oder Länderfonds auf den Markt gebracht. Entdeckt werden nicht nur die Next-11-Staaten, sondern auch das Baltikum, die Ukraine, Kasachstan und "Märkte, die bisher für Privatanleger nicht oder nur eingeschränkt zugänglich waren", so schreibt DWS Go im Prospekt des neuen Emerging Markets 3rd Wave Zertifikats.

Darunter fallen für die Portfoliomanager des aktiv verwalteten Zertifikats die Börsen von Panama und Peru, aber auch die Handelsplätze in Pakistan, nach Einwohnerzahl immerhin das sechstgrößte Land der Erde, in Katar und im Oman. Länder, die mit Tourismus und Tauchen, aber auch mit Entführungen und Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes in Verbindung gebracht werden, nicht aber mit Börsenhandel.

Hohes Risiko, hohe Rendite - und eigene Regeln

Das wird sich ändern, und daher ist die Bezeichnung "dritte Welle" vom Marketing des Zertifikatehauses clever gewählt. Sie soll die volkswirtschaftliche Entwicklung der weltweiten Schwellenländer widerspiegeln. Die erste Welle spülte das vor gut 50 Jahren zu den ärmsten Ländern der Welt zählende Südkorea auf den aktuell zwölften Platz der weltweit größten Industrienationen. Welle zwei ist noch in vollem Gange und lässt die vier großen Bric-Länder zu wahren Wachstumsstars werden. Jetzt soll die dritte Welle anlaufen.

Gemeinsam haben die exotischen Handelsplätze ein sehr solides Wachstum. Es betrug in den vergangenen fünf Jahren mindestens vier Prozent. Vietnam liegt mit durchschnittlichen acht Prozent jährlich fast gleichauf mit China. Weitere Gemeinsamkeiten: Die Bevölkerung ist jung, das Durchschnittseinkommen steigt, und idealerweise sitzen die Länder, wie etwa Kasachstan, auf einem Rohstoffschatz.

Konvergenzfantasien in der EU treiben zudem die Kurse der baltischen Aktienmärkte. Beitrittskandidat Kroatien steht in den Startlöchern, während der 3,4 Milliarden Euro leichte Aktienmarkt die Mitgliedschaft schon für bare Münze genommen hat und vorauseilte – unterstützt durch deutsches Kapital über die jeweiligen Zertifikate.

Für viele sind die etablierten Märkte ausgereizt

"Wir beobachten, dass solche exotischen Produkte nicht nur von spekulativen, sondern auch von konservativen Anlegern gekauft werden", sagt Christian Kratz. "Offenbar geraten die Exoten in den Blickpunkt der Investoren, wenn die etablierten Märkte weitgehend ausgereizt sind", so der Geschäftsführer der Düsseldorfer Vermögensverwaltung Rhein Asset Management.

Um die eher langfristig orientierte Klientel zu schützen, verlangt DWS Go für das 3rd-Wave-Zertifikat eine sogenannte Verwässerungsgebühr. Sie beträgt beim Kauf und Verkauf jeweils ein Prozent und fließt dem Portfolio zu, nicht der Gesellschaft.

So soll vermieden werden, dass Zocker heute ein- und morgen wieder aussteigen und das Fondsmanagement somit zu unnötig häufigen und kostspieligen Transaktionen zwingen. Ganz geheuer sind dem Emittenten die Märkte auch nicht: Übersteigen tägliche Käufe insgesamt eine Grenze von fünf Millionen Euro, werden darüberliegende Bestellungen auf den nächsten Handelstag verschoben. Ist die Nachfrage an fünf aufeinanderfolgenden Tagen so hoch, kann DWS Go das Zertifikat kündigen, zurückzahlen und sich aus den Märkten verabschieden.

Eine Disziplin, die auch Privatanleger an den Tag legen sollten, wenn sie in die exotischen Märkte investieren. Die dritte Welle mag sich aufbäumen und nach vorne schießen, doch es sind in der Regel diese Brecher, die nach dem Auslaufen den stärksten Sog nach hinten haben.

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