Experte Bofinger: Zock-Stopp für die Weltwirtschaft

4. Teil: Ab zum Finanz-TÜV! Die Notwendigkeit einer staatlichen europäischen Rating-Agentur

Ohne das massive Versagen der Rating-Agenturen wäre eine so katastrophale Entwicklung auf den Finanzmärkten kaum denkbar gewesen. Die von schlauen Ökonomen und Mathematikern zusammengebrauten und heute überwiegend als toxisch eingestuften Finanzprodukte konnten nur deshalb eine so große Verbreitung finden, weil die Rating-Agenturen dafür bereitwillig die besten Testate vergaben.

US-Börsenhändler: Zweifelhafte Kredit-Portfolios zu Höchstnoten gehandelt
AFP

US-Börsenhändler: Zweifelhafte Kredit-Portfolios zu Höchstnoten gehandelt

In der Folge wurden aus zweifelhaften Krediten zusammengesetzte Portfolios zum Teil mit der Bestnote AAA bewertet, die bis dahin nur für erstklassige Staatsanleihen vergeben worden war. Und die Banken mussten dafür kaum Eigenkapital als Risikopuffer vorhalten.

Diese wundersame Transformation war für die Rating-Agenturen ein Supergeschäft, und sie verdienten dabei gleich doppelt, da sie den Emittenten solcher Produkte helfend zur Seite standen, wenn es darum ging, den besten Mix bei der Strukturierung zu finden.

Den hohen Gewinnen der Rating-Agenturen standen keinerlei Risiken gegenüber, denn anders als beispielsweise Wirtschaftsprüfer unterliegen sie bei ihren Testaten keinerlei Haftung. Dies kommt dadurch zustande, dass sich diese Institute selbst als Finanzjournalisten sehen, die lediglich "Meinungen" zu Unternehmen abgeben, wobei sie sich durch das in den Vereinigten Staaten verfassungsrechtlich verbriefte Recht der Meinungsfreiheit geschützt sehen.

Massive Fehleinschätzungen

Bei den massiven Fehleinschätzungen der Agenturen sollte man eigentlich erwarten, dass in Zukunft auf eine solche Form des Journalismus verzichtet wird. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Im Regelwerk von Basel II spielen externe Ratings eine ganz zentrale Rolle. Es gibt heute in der Europäischen Union zwar Bestrebungen, eine stärkere staatliche Aufsicht über die Agenturen zu etablieren. Aber es stellt sich die grundsätzlichere Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, die Risiken von Finanzaktiva durch private Institutionen feststellen zu lassen, die umso höhere Gewinne erzielen, je mehr Testate sie vergeben.

Überzeugte Marktwirtschaftler würden dem entgegnen, dass sich die Agenturen in einem Wettbewerbsprozess behaupten müssen, bei dem man langfristig nur dann erfolgreich ist, wenn man sich eine Reputation als strenger Qualitätsprüfer erworben hat.

Dabei gilt es jedoch zu bedenken, dass es weltweit im Grunde nur drei große Rating-Agenturen gibt: Standard & Poor's, Moody's und Fitch Ratings. Die Erfahrung hat gezeigt, dass alle drei nach jeder massiven und stets kollektiven Fehleinschätzung (beispielsweise im Fall der Asienkrise im Jahr 1997 und beim Zusammenbruch des US-Energiekonzerns Enron im Jahr 2001) wie Stehaufmännchen ganz schnell wieder im Geschäft waren.

Von wem hätten Emittenten auch sonst die für den Absatz von Finanzprodukten unvermeidlichen Testate beziehen sollen? Auch heute sind sie die einzigen Mitschuldigen an der Finanzkrise, die völlig ungeschoren und nach wie vor erhobenen Hauptes ungehindert ihren Geschäften nachgehen können. Der Wettbewerb ist somit offensichtlich alles andere als ein wirksamer Mechanismus zur Sicherung der Rating-Qualität.

Der Vorteil staatlicher Rating-Agenturen

Wenn man in Zukunft an Ratings festhalten und gleichzeitig eine verlässlichere Risikobeurteilung erreichen will, ist es naheliegend, eine staatliche Rating-Agentur zu gründen, die bei ihren Testaten nicht mehr darauf Rücksicht nehmen muss, wie sich das auf ihren Gewinn auswirkt. Es mag sein, dass dann der eine oder andere Beamte bei der Beurteilung neuartiger Instrumente etwas zu zögerlich ist, aber für die Stabilität des Finanzsystems wäre mehr Bodenständigkeit keine so schlechte Sache.

Wenn sich der Staat der Aufgabe des Ratings annimmt, hat er auch den großen Vorteil, dass er sich bei der Bankenaufsicht wirklich auf die Testate verlassen kann und nicht noch einmal nachprüfen muss, was sich hinter einem AAA-Papier tatsächlich verbirgt. Um einer staatlichen Rating-Agentur die nötige Größe zu verschaffen, würde es sich anbieten, eine solche Institution durch die Mitgliedstaaten des Euro-Raums oder vielleicht auch der Europäischen Union ins Leben zu rufen.

In der Vergangenheit wurde der Nachteil von staatlich vergebenen Testaten darin gesehen, dass der Staat bei gravierenden Fehleinschätzungen für Bankenzusammenbrüche haftbar gemacht werden könnte. Da eine solche Situation nun aber in extremem Maße als Folge von privaten Ratings eingetreten ist, kann dies nicht mehr als ein stichhaltiges Argument für ein Beibehalten des Status quo angeführt werden.

TÜV für neue Finanzprodukte

Die Aufgabe einer staatlichen Rating-Agentur sollte jedoch nicht darin bestehen, die Risiken von Krediten und Wertpapieren zu beurteilen. Wiederum in Analogie zum Straßenverkehr könnte sie zudem die Funktion eines TÜV für neue Finanzprodukte übernehmen. So wie man durch staatliche Zulassungsvorschriften dafür sorgt, dass niemand mit einem selbstgebastelten Rennmobil zur Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer werden kann, so sollten auch für Produkte im Finanzverkehr bestimmte Sicherheitsnormen erfüllt sein.

Zu den Ursachen der Finanzkrise gehört, dass in den Boomjahren immer exotischere Produkte in Umlauf gebracht wurden. Sie waren häufig von so komplexer Natur, dass nur noch wenige Investoren wirklich verstanden, auf welches Geschäft sie sich dabei eingelassen hatten. Zudem wurden dafür in der Regel extrem umfangreiche, oft mehrere Hundert Seiten lange Vertragskonstruktionen gewählt, die viele Fallstricke enthielten und wohl nur in den seltensten Fällen gänzlich durchgesehen wurden.

Ein staatlicher Finanz-TÜV sollte zumindest für Produkte vorgeschrieben werden, die von Banken erworben werden. Dabei könnte zum einen auf eine Standardisierung von Vertragsbestimmungen gedrängt werden, die es im Krisenfall erleichtert, den Wert einer Forderung zu bestimmen. Zum anderen könnte darauf geachtet werden, dass Finanzprodukte nicht zu komplex strukturiert werden, was ebenfalls die Bewertungsprobleme vermindert, mit denen derzeit Banken wie Aufsichtsbehörden zu kämpfen haben.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Bofinger sollte mal der Bundesbankpräsident werden
Kaiserbubu 14.05.2009
Schade das er es nicht geworden ist. Dann wäre vielleicht vieles in Deutschland anders gelaufen. Fakt ist doch, dass die Brandstifter jetzt die Feuerwehr spielen und nach dem Prinzip "Alles bleibt anders" handeln. Das Zocken geht fröhlich weiter. Ackermann feiert sich für seinen Milliardengewinn ( obwohl er 4 Milliarden Verlußt hat und der Gewinn eine bilanztechnische Trickserei war). Und was machen die Medien? Was macht der Spiegel? Diese Betrügereien müssten jeden Tag auf die erste Seite, damit endlich die Verlogenheit der Eliten und der Politik ein Ende gemacht wird. Wo sind wir hingekommen? Statt dessen ergözen sich Spiegelredakteure an der angeblichen humorlosen Linken. Was für ein Trauerspiel. Es gibt so viele Ökonomen, die vernünftige Vorschläge machen. Aber es kommen immer wieder die zu Worte, die von der Wirtschaft finanzierte "Institute" haben. Und die Mdien plappern alles nach. was da kommt. Bitte aufwachen und endlich Haltung zeigen.
2. nette Theorie
seine_unermesslichkeit 14.05.2009
Alles gute Vorschläge von Bofinger. Sie haben nur den Nachteil, dass sie sich praktisch nicht verwirklichen lassen werden. In den entwickelten westlichen Demokratien sind die Interessen zwischen Bänkern, Politikern und den Vorständen der Industrie derart miteinandern verwoben und versippt, dass es keine grundlegenden Reformen geben wird. Niemand sägt sich den Ast ab, auf dem er sitzt!
3. Wenn es denn soooo einfach wäre
Dominik Menakker 14.05.2009
Der Artikel grenzt an Volksverdummung. Zwar alles schön eingängig geschrieben und hört sich alles auch so einfach an, aber Bofinger sagt nur die halbe Wahrheit. Thema Bankenschufa: Gerade die deutschen, und hier gerade die Landesbanken haben es doch vorgemacht, wie man die Bankenaufsicht aushebelt. Zweckgesellschaften gegründet, für deren Verbindlichkeiten gehaftet, die Haftung aber in den Büchern mit unter der Meldesumme bilanziert, und schon in die ganze Aufsicht im Eimer. Das ganze würde nur funktionieren, wenn es eine weltweite Meldepflicht gäbe, und man gleichzeitig jedem Bankmitabeiter noch einen staatlichen Meldekontrolleur in den Nacken setzen würde. Also mithin vollkommen unrealistisch. Aber er glaubt wohl, beim kleinen Volk mit dem Wort "Schufa", die ja jeder kennt punkten zu können. Eigentlich erbärmlich. Die EK Rendite der Deutschen Bank wurde an anderer Stelle bereits ausführlich diskutiert. Die von Bofinger als "solide" dargestellten 4 % wären absoluter Dummfug. Damit wären noch nicht einmal im Konsumerbereich die Kreditausfallrisiken abgedeckt. Wer so einen Stuss verbreitet zeigt eigentlich nur, dass er von der Materie keine Ahnung hat. Bofingers staatliche Rating Agenturen sind ebenfalls Unsinn. Einerseits ist mit 100 % -iger Sicherheit davon auszugehen, dass diese politischer Einflussnahme unterliegen ( was würde Wulff für ein Tänzchen aufführen, wenn VW abgewertet wird ), andererseits fehlt auf staatlicher Seite schlicht der Sachverstand. Viel wichtiger wäre es Rating Agenturen für grobe Fahrlässigkeit haftbar zu machen. Ein weiteres Beipiel für das "Klein-Erna" Denken von Bofinger ist seine Klage über 100-er Seiten lange Verträge. Diese basieren auf der simplen Tatsache, dass die amerikanische und britische Rechtsprechung viel stärker auf Fallrecht basiert, denn die deutsche. Da wo es in D reicht auf die Regeln des § xxx HGB oder sonst was hinzuweisen, muss sowas hier in den US explizit ausformuliert werden. Da wird dann ein einfacher Kreditvertrag über eine mittlere 6-stellige Summe für ein mittleres Unternehmen schon mal 50 Seiten und länger. Es ist einfach so. Sich darüber aufzuregen heißt nur, die Rechtsordnung anderer Länder nicht zu kennen oder nicht zu respektieren. Beides ist für einen "Experten" ein Armutszeugnis Last but not least seine Idee des Finanz TÜV's. Weiß er eigentlich, was er da geschrieben hat? Ich übersetze es mal in gemeines Deutsch: Beamten sind eh blöder als Banker, aber es geht nur noch durch, was auch der dumme Beamte versteht. Wenn das die Zukunft der Finanzwirtschaft sein soll, dann gute Nacht.
4. Spart die Titel ein
saddamatus 14.05.2009
Zitat von Dominik MenakkerDer Artikel grenzt an Volksverdummung. Zwar alles schön eingängig geschrieben und hört sich alles auch so einfach an, aber Bofinger sagt nur die halbe Wahrheit. Thema Bankenschufa: Gerade die deutschen, und hier gerade die Landesbanken haben es doch vorgemacht, wie man die Bankenaufsicht aushebelt. Zweckgesellschaften gegründet, für deren Verbindlichkeiten gehaftet, die Haftung aber in den Büchern mit unter der Meldesumme bilanziert, und schon in die ganze Aufsicht im Eimer. Das ganze würde nur funktionieren, wenn es eine weltweite Meldepflicht gäbe, und man gleichzeitig jedem Bankmitabeiter noch einen staatlichen Meldekontrolleur in den Nacken setzen würde. Also mithin vollkommen unrealistisch. Aber er glaubt wohl, beim kleinen Volk mit dem Wort "Schufa", die ja jeder kennt punkten zu können. Eigentlich erbärmlich. Die EK Rendite der Deutschen Bank wurde an anderer Stelle bereits ausführlich diskutiert. Die von Bofinger als "solide" dargestellten 4 % wären absoluter Dummfug. Damit wären noch nicht einmal im Konsumerbereich die Kreditausfallrisiken abgedeckt. Wer so einen Stuss verbreitet zeigt eigentlich nur, dass er von der Materie keine Ahnung hat. Bofingers staatliche Rating Agenturen sind ebenfalls Unsinn. Einerseits ist mit 100 % -iger Sicherheit davon auszugehen, dass diese politischer Einflussnahme unterliegen ( was würde Wulff für ein Tänzchen aufführen, wenn VW abgewertet wird ), andererseits fehlt auf staatlicher Seite schlicht der Sachverstand. Viel wichtiger wäre es Rating Agenturen für grobe Fahrlässigkeit haftbar zu machen. Ein weiteres Beipiel für das "Klein-Erna" Denken von Bofinger ist seine Klage über 100-er Seiten lange Verträge. Diese basieren auf der simplen Tatsache, dass die amerikanische und britische Rechtsprechung viel stärker auf Fallrecht basiert, denn die deutsche. Da wo es in D reicht auf die Regeln des § xxx HGB oder sonst was hinzuweisen, muss sowas hier in den US explizit ausformuliert werden. Da wird dann ein einfacher Kreditvertrag über eine mittlere 6-stellige Summe für ein mittleres Unternehmen schon mal 50 Seiten und länger. Es ist einfach so. Sich darüber aufzuregen heißt nur, die Rechtsordnung anderer Länder nicht zu kennen oder nicht zu respektieren. Beides ist für einen "Experten" ein Armutszeugnis Last but not least seine Idee des Finanz TÜV's. Weiß er eigentlich, was er da geschrieben hat? Ich übersetze es mal in gemeines Deutsch: Beamten sind eh blöder als Banker, aber es geht nur noch durch, was auch der dumme Beamte versteht. Wenn das die Zukunft der Finanzwirtschaft sein soll, dann gute Nacht.
Ihr pseudokompetenter Sermon erinnert mich an die letzten 15 Jahre. In diesem Zeitraum wurden alle Ansätze die sich mit den tatsächlichen Problemen befassen von Nichtsblickern als inkompetent niedergetreten, die dann sich dann anschliessend das Hirn von Vodooökönomen haben vollpupsen lassen, weil sie Argument nicht von nassforscher Propaganda unterscheiden können. Sie haben nur die Plattsprüche gut auswendig gelernt, die von den Profiteuren der Geldverbrenne ventiliert wurden um beim Abzocken nicht gestört zu werden. Wie wäre es denn mit konstruktiven Kommentaren? Bofinger ist immerhin einer der Wenigen, die gegen den Neolib-Gesinnungsterror der letzten Jahrzehnte gegen gehalten hat und dafür auch übelste Verunglimpfungen hinnehmen musste.
5. Als Kommunisten verschrieen
PML 14.05.2009
Zitat von saddamatusBofinger ist immerhin einer der Wenigen, die gegen den Neolib-Gesinnungsterror der letzten Jahrzehnte gegen gehalten hat und dafür auch übelste Verunglimpfungen hinnehmen musste.
ALLERDINGS! Und nicht nur er! Die Milton-Friedman-Heiopeis, in ihrer grenzdebilen Marktglückseligkeit, haben uns Ordoliberale als "Linke" verschrieen.
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