Extreme Mieterhöhungen: "Noch schnell mitnehmen, was geht"

Von Tobias Lill

Extreme Mieterhöhungen: 15 ist das neue 20 Fotos
DPA

Gesetz mit Risiken und Nebenwirkungen: Eine Kappungsgrenze soll demnächst in vielen deutschen Großstädten Mieterhöhungen stärker als bisher begrenzen. Viele Wohnungseigentümer wollen dem zuvorkommen - und setzten jetzt noch schnell die Preise herauf.

München - Es war ein Schock für Wolfgang Donauer, 51, als er Ende 2012 ein Schreiben seines Vermieters aus dem Briefkasten zog. Um fast 160 Euro wollte der die Kaltmiete für Donauers 87 Quadratmeter große Wohnung erhöhen. "Das ist ein Plus von 20 Prozent", rechnet Donauer vor. Inklusive Nebenkosten soll die vierköpfige Familie künftig fast 1200 Euro monatlich für ihre Wohnung im Norden von München zahlen. Weil Donauer der Erhöhung nicht zustimmte, muss nun ein Gericht entscheiden.

Auch in Donauers Nachbarschaft machen sich viele Mieter Sorgen. Denn in gleich drei Häusern in der Elisabeth-Kohn-Straße hob der Eigentümer die Mieten jüngst jeweils um die maximal zulässigen 20 Prozent an. Etwa 120 Menschen sind betroffen. "Die meisten haben die Erhöhung bereits akzeptiert", berichtet Donauer. Der Grund: Die Mieten der Häuser liegen bislang noch unter dem hohen Niveau des Münchner Mietspiegels, weshalb ein Rechtsstreit aus Mietersicht wenig erfolgversprechend ist.

Nicht nur im Stadtteil Schwabing-West müssen derzeit viele alteingesessene Münchner zusehen, wie ihre Wohnkosten explodieren. Das berichten zumindest Mieterschützer. "Seit Ende 2012 verzeichnen wir einen sehr deutlichen Anstieg an Erhöhungen bei bestehenden Mietverhältnissen", sagt Anja Franz, Sprecherin des Münchner Mietervereins.

Im Dezember hatte Schwarz-Gelb im Bundestag eine Mietrechtsreform beschlossen. Seit Mai dieses Jahres können die Länder in Städten, in denen Wohnungen fehlen, eine Obergrenze für Mieterhöhungen bei bestehenden Verträgen von maximal 15 Prozent innerhalb von drei Jahren festlegen. Zuvor waren bundesweit generell 20 Prozent im gleichen Zeitraum erlaubt. Bayern hatte bereits frühzeitig angekündigt, in München die Grenze ab dem Frühjahr 2013 herabzusetzen. Das habe zahlreiche Wohnungsbesitzer veranlasst, dem Gesetzgeber mit einer saftigen Erhöhung zuvorkommen, heißt es beim Münchner Mieterverein. Laut Vereinssprecherin Franz hätten in den vergangenen Monaten "sehr viele Eigentümer die Miete deshalb gleich auf einen Schlag um das bisherige Maximum von 20 Prozent erhöht". Da sei versucht worden "noch schnell mitzunehmen, was geht".

Exorbitante Mietsteigerungen auch in Stuttgart und Augsburg

Auch in zahlreichen anderen Großstädten, insbesondere in Süddeutschland, hat die Angst mancher Vermieter vor einer kommenden Mietpreisregulierung offenbar zu einer Welle von drastischen Erhöhungen geführt. "Die Mieterhöhungen erfolgen seit Monaten immer häufiger und überwiegend unter voller Ausnutzung der Kappungsgrenze", sagt etwa Thomas Weiand, Vorsitzender des Augsburger Mietervereins. Viele Vermieter fürchteten auch in Augsburg die Absenkung auf 15 Prozent und hätten deshalb jüngst die Mieten noch um das maximal zulässige Fünftel erhöht.

Ähnlich äußert sich der Würzburger Mieterverein. Betroffen sind sogar kleine Städte wie das 23.000 Einwohner große Herzogenaurach. Dort erhöht die GBW-Gruppe die Mieten von mehr als 130 Wohnungen, bei denen gerade die Sozialbindung ausgelaufen ist, ab Juli um knapp 20 Prozent. Erst vor kurzem wurden die bislang zur Bayerischen Landesbank gehörenden 32.000 GBW-Wohnungen im Freistaat an einen privaten Immobilienkonzern verkauft. Mit der Übernahme durch die Patrizia AG habe die Mietsteigerung aber nichts zu tun, versichert eine GBW-Sprecherin.

In jedem Fall erfolgt die Erhöhung gerade noch rechtzeitig, um der Mietpreisbremse zu entgehen. Denn Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) hat bereits angekündigt, die gesenkte Kappungsgrenze solle "künftig in allen bayerischen Gemeinden mit Wohnungsmangel gelten".

Die Pläne der hessischen Landesregierung, zumindest in Ballungsräumen Mieterhöhungen in einem Zeitraum von drei Jahren auf 15 Prozent zu begrenzen, haben offenbar ebenfalls manche Immobilienfirmen alarmiert. "Die Vermieter wissen, dass da noch etwas kommt und reagieren nun noch schnell", so Rolf Janßen, Geschäftsführer des DMB Mieterschutzvereins Frankfurt.

Hausbesitzerverband empfiehlt Mieterhöhung "dringend zu prüfen"

Beim Verband Haus & Grund Deutschland, der die Interessen von etwa 900.000 Haus- und Wohnungseigentümern vertritt, führt man derweil keine Statistik darüber, ob und in welchem Ausmaß die Mitglieder ihre Mieten anheben. Wenn derzeit manche Wohnungsbesitzer in Großstädten tatsächlich die Mieten gleich um 20 Prozent erhöhten, sei dies jedoch wenig verwunderlich, sagt ein Verbandssprecher. Dies zeige nur ganz klar, "dass viele private Vermieter in der Vergangenheit oft nicht die Preise ausgeschöpft haben, die sie gemäß dem Mietspiegel hätten verlangen dürfen". Mitgliedern, in Regionen, in denen eine Absenkung der Kappungsgrenze drohe, empfiehlt der Verband, dringend, "möglichst rasch zu prüfen, ob sie ihre Miete erhöhen wollen".

In den meisten Bundesländern laufen die Vorbereitungen zur Einführung der Mietbremse bereits auf Hochtouren. Gültig ist die Grenze von 15 Prozent bislang aber neben München nur in Berlin. Für das hochpreisige Stuttgart will die baden-württembergische Landesregierung die Kappungsgrenze laut einem Sprecher des Finanzministeriums wohl erst 2014 absenken. Dennoch erhöhen dem Stuttgarter Mieterverein zufolge viele Wohnungseigentümer bereits heute die Mieten massiv auf Vorrat.

Etwa ein Drittel der Eigentümer heben die Mieten zu Unrecht an

Mit einer durchschnittlichen Kaltmiete von 7,61 Euro pro Quadratmeter liegt das Preisniveau in Stuttgart allerdings noch weit unter dem in München, wo dieser Wert gerade erst über zehn Euro geklettert ist. Fast ein Viertel ihres Einkommens geben Münchner Haushalte bereits heute allein für die Kaltmiete und Betriebskosten ihrer Wohnung aus. Im Jahr 2007 lag dieser Anteil noch bei einem Fünftel. Ein Umzug ist in der Regel keine Alternative.

Denn bei einer Neuvermietung mussten Interessenten im vergangenen Jahr im Durchschnitt 26 Prozent mehr als ortsüblich bezahlen.

In München wird die Mittelschicht zunehmend aus ganzen Stadtteilen wie dem Lehel oder dem Glockenbachviertel verdrängt. Der Schwabinger Wolfgang Donauer will derweil nicht weichen. Er hat sich mit anderen Bewohnern zu einer Mietergemeinschaft zusammengeschlossen. "Gemeinsam können wir uns besser wehren", ist er überzeugt.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 150 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Etwa ein Drittel der Eigentümer heben die Mieten zu Unrecht an
glitscher 20.06.2013
Wenn mir die Wohnung oder das Haus gehört, wie kann es dann Unrecht sein, wenn ICH entscheide, wieviel ich dafür verlange?! Was eine Unsinnige Aussage.... Wenn die Nachfrage da ist, und die Leute das Spielchen brav mitspielen, wieso nicht?! Das selbe passiert seit Jahren mit Benzin und keiner stört sich (dauerhaft) daran oder verzichtet auf Kurzstreckenfahrten, also bitte nicht so scheinheilig daherfaseln. Ihr wollt den Kapitalismus, hier ist er. Mit allem was dazugehört!
2. atemberaubend
lindejung 20.06.2013
Zitat von sysopGesetz mit Risiken und Nebenwirkungen: Eine Kappungsgrenze soll demnächst in vielen deutschen Großstädten die maximal möglichen Mieterhöhungen begrenzen. Viele Wohnungseigentümer wollen dem zuvorkommen - und setzten jetzt noch schnell die Preise herauf. Extreme Mieterhöhungen: Vermieter umgehen Kappungsgrenze - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/extreme-mieterhoehungen-vermieter-umgehen-kappungsgrenze-a-906772.html)
Es fehlen die Wohnungen, welche normalerweise die junge Generation bauen würde. Diese jedoch strampelt sich mit verschärftem Lohndumping ab und nimmt es schon als Erfolg, wenn es auf der sozialen Rutsche nicht weiter nach unten geht. Und die neoliberalen Handlanger im Bundestag, die die Amerikanisierung und Oligarchisierung der deutschen Gesellschaft verbrochen haben, spielen sich jetzt als Retter auf und verhetzen Mieter und Vermieter mit nutz- und sinnlosen Gesetzen, statt die Einkommensverhältnisse wieder zu demokratisieren. Auf der anderen Seite hat der Wähler des neoliberalen Kartells auch nichts besseres verdient.
3.
joey55 20.06.2013
Was für eine Überraschung. Ähnliche Effekte gibt es auch, wenn die MwSt. erhöht wird, dann wird auch noch vorher gekauft.
4. Logische Folge
Acer99 20.06.2013
einer verfehlten Politik. Und wenn ein Vermieter die Miete um 20% erhöhen und damit die akt. gültige Kappungsgrenze ausschöpfen kann, dann lag die bisherige Miete logischerweise bislang min. 20% unter der ortsüblichen Vergleichsgrenze. Gleichsam zum Handeln gezwungen werden die Vermieter, die bislang weniger als die übliche Miete verlangten, da sie andernfalls über Jahre hinweg durch die Begrenzung von 15% nicht mal mehr die ortsübliche Vergleichsmiete erreichen. Bei der Mietpreisbremse handelt es sich folglich um einen Mietpreisbeschleuniger. Aber sowas passiert, wenn Politiker sich einmischen und es "gut meinen".
5. Politik und Planwirtschaft in Aktion
Percy P.Percival 20.06.2013
Das ist das Resultat des Geredes über eine Mietpreisbremse: - vor Inkrafttreten werden die Mieten so weit wie möglich erhöht. - nach Inkrafttreten werden kaum noch neue Mietwohnungen gebaut. Jetzt müssen die Mieter die Suppe auslöffeln, die die Politik aus zu wenig Bauland, zu langen Genehmigungsverfahren, zu hohen Bauauflagen und der Mietpreisbremse zusammengerührt haben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles zum Thema Mieten
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 150 Kommentare
  • Zur Startseite