Kampf gegen die Krise Draghis billionenschwere Verzweiflungstat

Bis zu eine Billion Euro will EZB-Chef Mario Draghi ausgeben, um den Banken Kredite abzukaufen. So soll die Wirtschaft wieder in Schwung kommen. Doch der Plan ist eher ein Akt der Verzweiflung.

EZB-Chef Draghi: Die Kritiker im Nacken
DPA

EZB-Chef Draghi: Die Kritiker im Nacken

Von


Hamburg - Wer bei einem Heimspiel besonders defensiv auftritt, dem fehlt meist der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Das gilt für Fußballmannschaften - und auch für den Präsidenten der Europäischen Zentralbank.

Nicht dass Mario Draghi plötzlich von Selbstzweifeln befallen wäre. Aber offenbar scheint auch der Italiener nicht mehr so ganz so überzeugt davon, die tiefe Krise der Eurozone mit den Mitteln der Geldpolitik lösen zu können.

Dabei schaute an diesem Donnerstag doch die gesamte Finanzwelt nach Neapel, wo der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) diesmal ausnahmsweise tagte. Investoren, Wissenschaftler und Politiker warteten darauf, welche Zauberwaffe Draghi diesmal präsentieren würde im Kampf gegen die Dauerkrise - und reagierten am Ende doch alle enttäuscht.

Mitte Oktober, so kündigte Draghi an, wolle die EZB damit beginnen, den Banken der Eurozone Kredite abzukaufen - zunächst in Form von Pfandbriefen, die zum Beispiel mit Immobilien besichert sind, danach auch in Form von verbrieften Unternehmens- oder Verbraucherkrediten, sogenannten Asset Backed Securities (ABS). Mindestens zwei Jahre soll das Programm laufen. Bis zu einer Billion Euro könne die EZB dafür aufwenden, sagte Draghi, ob es wirklich so viel werde, sei aber offen.

Überhaupt scheute Draghi deutliche Worte, die vor allem die Investoren an den Finanzmärkten so gerne gehört hätten. Die Details des Aufkaufprogramms gab die EZB vorsorglich erst nach der Pressekonferenz bekannt. So kann man sich Antworten auf unangenehme Reporterfragen ersparen.

Warum macht die EZB so etwas überhaupt?

Mit dem Plan reagiert Draghi auf die schwache Wirtschaftslage in der Eurozone. Länder wie Italien, Spanien oder Griechenland kommen - wenn überhaupt - nur sehr langsam aus der Krise. Die dortigen Banken vergeben seit Jahren immer weniger Kredite. Und selbst in großen Ländern wie Frankreich und Deutschland stagnierte die Wirtschaftsleistung zuletzt. Ausdruck findet das auch in der Inflationsstatistik: Die Verbraucherpreise in der Eurozone steigen kaum noch - im September lag die jährliche Teuerungsrate gerade mal noch bei 0,3 Prozent.

Um die Wirtschaft in Schwung zu halten, sollen die Preise nach Vorstellungen der EZB aber eher um knapp zwei Prozent pro Jahr steigen. Deshalb versuchen Draghi und seine Kollegen seit Monaten, die Kreditvergabe der Banken zu steigern, um so Wirtschaftswachstum und Preisentwicklung anzutreiben.

Was hat die EZB bisher getan?

  • Seit Ende 2012 hat die EZB bereits Schritt für Schritt den Leitzins gesenkt, also jenen Zinssatz, zu dem die Banken sich bei ihr Geld kurzfristig leihen können. Zuletzt ging es immer schneller nach unten, seit Anfang September liegt der Satz bei 0,05 Prozent. Die Banken bekommen das Geld also quasi umsonst. Ein nennenswerter Effekt lässt jedoch noch auf sich warten.
  • Auch langfristig leiht die EZB den Banken Geld zu Minizinsen. Zuletzt startete sie ein Programm über bis zu 400 Milliarden Euro. Die Finanzinstitute können sich das Geld für bis zu vier Jahre bei der EZB leihen. In der ersten Runde war die Resonanz allerdings äußerst bescheiden: Gerade mal 82,6 Milliarden Euro wollten die Banken tatsächlich haben.

Wie soll der neue Plan aussehen?

Nun zündet die EZB also die nächste Stufen ihrer Krisenpolitik: Sie kauft den Banken verbriefte Unternehmenskredite ab. Der Gedanke dahinter klingt erst einmal einleuchtend: Viele Banken in Südeuropa sind von Finanz- und Eurokrise noch sehr geschwächt. Um mehr Kredite vergeben zu können, bräuchten sie mehr Eigenkapital, so verlangen es die Regeln der Aufseher. Wenn die Banken ihre alten Kreditpakete nun einfach an die EZB verkaufen können, entsteht für sie wieder Spielraum, um neue Darlehen an Unternehmen und Privathaushalte zu vergeben - und so die Wirtschaft in Schwung zu bringen.

Was ist das Problem am neuen Plan?

Doch der Plan hat leider einige Haken. Erstens lädt sich die EZB damit jene Kreditrisiken auf, die eigentlich die Banken tragen sollten. Das birgt zum einen die Gefahr, dass die Kredite platzen und die EZB auf den Verlusten sitzenbleibt. Zum anderen kann es aber auch auf Dauer dazu führen, dass die Banken zu leichtfertig Darlehen vergeben, wenn sie wissen, dass sie die Risiken daraus am Ende gar nicht oder nur zu einem Teil selbst tragen müssen. Kritiker wie Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo-Instituts, wettern deshalb bereits, die EZB werde zur "Bad Bank" Europas, wenn sie "Schrott" aufkaufe.

Nun könnte man argumentieren, dass sich das Risiko lohne, weil das Aufkaufprogramm ja die riesigen Problem der Eurozone löse. Doch selbst da gibt es erhebliche Zweifel. Werden die schwachen Banken wirklich plötzlich anfangen, mehr Kredite zu vergeben, wenn ihnen die EZB ein paar Lasten abnimmt? Oder fehlt es vielleicht auch an der Nachfrage nach Krediten seitens der darbenden Unternehmen? Experten wie der Grünen-Politiker Gerhard Schick sind skeptisch: Das Ankaufprogramm werde "keines der Probleme in Europa lösen", sagt er. "Denn es sind nicht Finanzierungsengpässe, die die Unternehmen bei Investitionsentscheidungen zögern lassen, sondern die schwache gesamtwirtschaftliche Nachfrage."

Und was hilft dann?

Leute wie Schick sehen die Notenbank schlichtweg überfordert mit dem Auftrag, die Eurozone allein zu retten. Sie fordern die Regierungen auf, mehr Geld für Investitionen bereitzustellen. Auch EZB-Chef Draghi scheint zu wissen, dass es ohne die Politik wohl nicht gehen wird. Und so klingt es fast schon verzweifelt, wenn er die Regierungen immer wieder aufruft, die Probleme der Eurozone endlich anzugehen. Ohne Namen zu nennen, mahnt Draghi Länder wie Griechenland oder Spanien, die erreichten Reformen nicht zurückzudrehen. Staaten wie Frankreich oder Italien endlich welche anzugehen. Und Deutschland, doch ein bisschen mehr Geld auszugeben, um die Nachfrage in ganz Europa zu stärken. Doch Gehör findet er damit eher selten.

Und so bleibt es den Investoren an den Finanzmärkten nur, auf den nächsten Schritt zu hoffen, den Draghi sich auch am Donnerstag offengehalten hat: Das wäre dann wohl ein Aufkaufprogramm für Staatsanleihen. Ob es mehr nützen würde als das jetzt verkündete Programm, ist offen. Ganz sicher würde es Draghi noch mehr Kritik einbringen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 259 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
syssifus 02.10.2014
1. Egal,
ich habe noch Milliarden und Billionen an Papiergeld von der letzten Hyperinflation zu Hause.Meine Oma hat mir das Altpapier als Spielgeld mal geschenkt und Gold bzw. Silber, als wirkliches Geld empfohlen.Edelmetalle steigen und fallen im Wert,aber nie ins Bodenlose,wie diverses Esperanto-Geld.
flieger56, 02.10.2014
2.
Wann merkt man endlich,daß der Euro Gift für Europa ist ? Gebt jedem Mitgliedsland seine eigene Währung zurück und es geht allen besser.Eine Währung die gerettet werden muß,ist keine Währung.Begreifen das die Euro-besoffenen Politiker und Banker nicht ? Alle Länder die nicht diese Einheitswährung in Europa haben,leben doch besser.Wie lange soll dieses Trauerspiel noch dauern ? Auch Frau Merkel sollte endlich begriffen haben: Stirbt der Euro,dann lebt Europa !
hausierer 02.10.2014
3. das Ende der Wachstumsgesellschaft
die Märkte sind völlig übersättigt und das was noch wachsen kann landet nicht beim " kleinen Mann " sondern wird von den weltweiten Finanzeliten abgeschöpft und einkassiert, die gebenf nichts ab obwohl sie fast an den Geldbergen ersticken auf denen sie sitzen...alles Geld was in Europa und den Usa gedruckt wird, landet immer bei den gleichen ( superreichen ) Leuten....
annetteseliger 02.10.2014
4. Die EU Wirtschaft läuft schlecht.....
und gegen Russland führen wir einen Wirtschaftskrieg aus geopolitischen Gründen. Die EZB beginnt jetzt Schrottpapiere der Banken zu kaufen und als nächster Schritt kommt dann wohl der direkte Staatsanleihen Ankauf, da keiner mehr die übrschuldeten Staaten Griechenland, Italien und Spanien finanzieren möchte. Russland ist lediglich mit 8% seines BIP verschuldet!!! Und da wollen wir total verschuldeten Europäer das Land in die Knie zwingen. Kooperation mit Russland ist gefragt. Die immensen Rohstoff Reserven sind extrem wichtig für unseren Wohlstand - daher - Sanktionen aufheben, Ukraine blockfrei und dann schnell wieder Annäherung an Russland.
t dog 02.10.2014
5. Kommunismus
Geld verschenken? Warum nicht die Banken verstaatlichen? Dann können die auch keinen weiteren Mist bauen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.