Zinsentscheid EZB Draghis Frischgeld-Kur

Vor zwei Jahren rettete EZB-Chef Mario Draghi die Euro-Zone mit ein paar einfachen Worten vor dem Zerfall. Nun hofft ganz Südeuropa, dass der Italiener sein Wunder wiederholen möge. Doch dieses Mal ist seine Mission weitaus schwieriger.

EZB-Chef Draghi: Überforderter Superheld
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EZB-Chef Draghi: Überforderter Superheld

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Hamburg - Als Mario Draghi Geschichte schrieb, stand die Eurozone kurz vor dem Kollaps. Damals, im Sommer 2012, drohte mit Spanien und Italien gleich zwei wichtigen Ländern der Währungsunion der finanzielle Kollaps. Die Investoren an den Finanzmärkten weigerten sich, diesen Staaten Geld zu vertretbaren Zinsen zu leihen. Draghi reichten damals wenige Worte, um eine Art Wunder zu vollbringen: Die Europäische Zentralbank (EZB) sei bereit, den Euro zu retten, sagte der EZB-Präsident im Juli 2012 - was immer dazu auch nötig sein werde. "Und glauben Sie mir, es wird genug sein."

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Heft 23/2014
Warum Deutschland jeden Sonntag einen Mord braucht

Draghi gilt heute als geldpolitischer Superheld - und seine Rede von damals als entscheidender Grund dafür, dass vom Ende des Euro niemand mehr spricht. Die Investoren überschütten Krisenländer wie Spanien oder Italien wieder mit Geld, Portugal und Irland haben den europäischen Rettungsschirm wieder verlassen. Und selbst Griechenland finanziert sich teilweise wieder am Finanzmarkt.

Nun soll Draghi sein Wunder wiederholen - zumindest wenn es nach den Südländern geht. Was die Staatsfinanzen betrifft, sind die ihre akuten Sorgen zwar mittlerweile los, doch nun drückt es bei den Unternehmen. Die bekommen seit Jahren immer weniger Geld von den Banken geliehen. Die Kreditvergabe schrumpft. Im April lag sie in der gesamten Eurozone 1,8 Prozent unter dem Vorjahreswert.

Wenn Unternehmen keine Kredite bekommen, können sie nicht investieren, und das ist katastrophal für die Erholung der Konjunktur, auf die nach teilweise jahrelanger Rezession alle Krisenstaaten setzen. Also muss Draghi wieder ran. Die EZB soll den Unternehmen in den Krisenländern helfen, günstiger an frisches Geld zu kommen und so die Wirtschaft ankurbeln. An diesem Donnerstag dürfte es dazu Neues aus dem geldpolitischen Waffenarsenal der Notenbank geben.

Experten erwarten, dass die EZB gleich an drei Stellen handelt:

  • Niedrigerer Leitzins: Der Zinssatz, zu dem sich die Banken der Euro-Zone über Nacht Geld bei der EZB leihen können, steht ohnehin auf einem historisch niedrigen Niveau von 0,25 Prozent. Nun könnte er weiter sinken, zum Beispiel auf 0,15 Prozent.
  • Strafzins auf Einlagen: Ein guten Teil des Geldes, das sich die Banken von der EZB leihen, geben sie gar nicht an die Wirtschaft weiter. Entweder investieren sie es beispielsweise in Staatsanleihen, oder sie parken es über Nacht bei der Notenbank. Den Zins, den sie dabei bekommen, hat die EZB bereits auf null gesenkt. Nun könnte sie ihn erstmals in ihrer Geschichte sogar in den Minusbereich drücken, etwa auf minus 0,1 Prozent. So sollen die Banken dazu gebracht werden, das Geld nicht mehr zu parken, sondern lieber als Kredit an Unternehmen zu vergeben.
  • Langfristige Geldspritzen: Um den Banken die Kreditvergabe schmackhafter zu machen, könnte die EZB ihnen nicht mehr nur tage- oder wochenweise billiges Geld zur Verfügung stellen, sondern langfristig, über mehrere Jahre. So ähnlich hat sie es vor gut zwei Jahren schon einmal gemacht. Diesmal könnte sie jedoch eine Bedingung einbauen: Das geliehene Geld muss als Kredit an Unternehmen weitergegeben werden. So soll sichergestellt werden, dass es nicht einfach in Spekulationsgeschäfte fließt.

Das Ansinnen der Notenbanker, die Kreditvergabe an Unternehmen zu verbessern, ist durchaus durch das Mandat der EZB gedeckt. Denn angesichts der wirtschaftlichen Flaute sinken in vielen Krisenländern bereits die Preise - es droht sogar eine gefährliche Deflation. Selbst in Deutschland lag die Teuerungsrate zuletzt bei gerade mal noch 0,9 Prozent. Erklärtes Ziel der EZB sind aber Werte knapp unter zwei Prozent. Es gibt also gute Gründe zu handeln.

"Wir haben ja schon eine Freibiersituation"

Die Frage ist nur, ob die diskutierten Instrumente tatsächlich helfen - oder ob es sich dabei nicht eher um einen Akt der Verzweiflung handelt.

Experten jedenfalls sind skeptisch. Selbst das mutmaßlich schärfste der drei Instrumente, der Strafzins auf Einlagen, ist für sie wenig erfolgversprechend. "Ein Negativzins wird das grundlegende Problem nicht lösen", sagt Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Banken könnten im Gegenzug einfach weniger flüssige Mittel vorhalten.

Ohnehin parken die Banken längst nicht mehr mehrere Hundert Milliarden Euro bei der EZB wie noch zum Höhepunkt der Krise. Zuletzt waren es gerade mal knapp 38 Milliarden Euro. "Der Effekt eines Negativzinses wäre zu vernachlässigen", sagt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger.

Auch mögliche langfristige Geldspritzen sind für die Forscher eher wenig hilfreich. Frisches Geld gebe es für die Banken ja bereits quasi zum Nulltarif. "Wir haben ja schon eine Freibiersituation", sagt Bofinger.

DIW-Präsident Fratzscher sieht das eigentliche Hindernis daher woanders. "Das Problem ist nicht, dass die Banken zu wenig Liquidität hätten", sagt er. "Das Problem ist, dass sie immer noch zu viele faule Kredite in ihren Bilanzen haben."

Tatsächlich kämpfen vor allem die Finanzinstitute in den Krisenländern noch mit gewaltigen Altlasten. In der Wirtschaftskrise konnten viele Unternehmen ihre Kredite nicht mehr bedienen. In Ländern wie Spanien kommen haufenweise geplatzte Immobiliendarlehen dazu. Mit solchen Problemen in der Bilanz wird man bei der weiteren Kreditvergabe eher vorsichtig - erst recht, wenn einem die Bankenaufsicht im Nacken sitzt.

Ausgerechnet die EZB, die ab November europaweit die Aufsicht über die Geldhäuser übernehmen soll, jagt die Institute nämlich derzeit durch eine Bilanzprüfung samt Stresstest. Wer da zu viele Risiken in der Bilanz hat, zum Beispiel in Form wackeliger Kredite für südeuropäische Unternehmen, bekommt Ärger. Der Wirtschaftsweise Bofinger hält viele Institute schlichtweg für überfordert. "Wenn jemand gerade aus der Reha kommt, macht man besser keinen Stresstest mit ihm."

Die Hoffnungen, die auf Mario Draghi ruhen, könnten dieses Mal also überzogen sein. Ein so kaputtes System wie die europäischen Banken auf die Schnelle wieder zum Leben zu erwecken: Das dürfte selbst von einem Superhelden zu viel verlangt sein.

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insgesamt 92 Beiträge
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diddi99 04.06.2014
1. kriminell!
Wir kriegen doch nur einen Haufen von Lügen serviert! Die Mini-Zinsen helfen doch nur den Zockern! Was macht z.B. der deutsche Anleger? Er kriegt keine Zinsen mehr für sein Erspartes, also füchtet er in riskante Aktiengeschäfte... Juhu, sagen die Bankster und Zocker, nutzen das Geld für Hochfrequenzhandel, mit dem sie die Kurse bewusst beeinflussen und aus den Kursschwankungen Sekundenbruchteile später selbst profitieren. Transaktionssteuer? Noch immer nicht. Gelddruckmaschine für Kriminelle. Mit niedrigen Zinsen wird auch nicht die Nachfrage belebt. Dafür aber die Investitionen. Produkte überfluten den Markt. Ergo: DEFLATION. Dennoch werden uns die Zinsen als Mittel gegen INFLATION verkauft. Was seit Jahren geschieht, ist nur noch kriminell. Für die Europäer interessiert sich keiner mehr. Es geht nur noch im Abzocke. Und zum Kuckuck noch mal: ich will meine D-Mark wieder! Das würde die Kriminellen wenigstens ein kleines bisschen bremsen - und ich würde für mein Erspartes mindestens viermal so viele Zinsen bekommen!
politik-nein-danke 04.06.2014
2. Kredite zu vergeben, bedeutet auch Kredite wieder zu bekommen
Das große Problem warum die Kredite nicht in die Realwirtschaftet fliessen ist doch, das die Realwirtschaft in allen Bereichen übersättigt ist. Insbesondere der Mittelstand steht massiv auf der Kippe und ist garnicht mehr in der Lage über Horizonte von 1-2 Jahren hinaus zu planen. Wenn man sich die Jahresabschlüsse von Mittelständlern anschaut, dann findet man da kaum mal welche die noch eine kontinuierliche Ertragslage haben. Die Banken wissen sehr genau, das die Unternehmen die noch solvent und bonitätsstark sind, bereits ihr Kredite haben....wenn es auch nur ansatzweise eine Warscheinlichkeit geben würde, mehr Geld als Kredit zu vergeben und auch sicher wieder zu bekommen, so würden die Banken das sicher machen.
hubertrudnick1 04.06.2014
3. Draghis Geld
Zitat von sysopREUTERSVor zwei Jahren rettete EZB-Chef Mario Draghi die Euro-Zone mit ein paar einfachen Worten vor dem Zerfall. Nun hofft ganz Südeuropa, dass der Italiener sein Wunder wiederholen möge. Doch dieses Mal ist seine Mission weitaus schwieriger. http://www.spiegel.de/wirtschaft/ezb-draghi-soll-suedeuropa-niedrigere-zinsen-bringen-a-973444.html
Meine Bemerkung hin zum Herrn Draghi scheint sich nur zu bestätigen, er ist anscheind ein Mann der Finanzmafia, sein billiges Geld ist nur für die Bankster gut, die Hilfe für die Wirtschaft erfogt nicht. Die Europäer müssen die Zeche dafür bezahlen, wie lange können wir uns so einen Mann noch leisten, warum zieht keiner die Reißleine?
bonner85 04.06.2014
4. Kann den Typen...
...mal bitte einer kündigen? Der war doch vorher bei Goldman-Sachs oder Lehmann-Brothers oder sowas... Also einer der vermutlich nicht besonders objektiv handelt. Das die Eparer Stück für Stück ihr Erspartes verlieren ist wohl eher zweitrangig bzw zwanzigrangig... Hauptsache die Kurse steigen, dank der Politik des billigen Geldes...
an-i 04.06.2014
5. ...erst wenn
das gesamte Sparguthaben auf Null ist, und der Schuldenberg durch die "idiotische" Hochrüstung auf "Augenhöhe" mit den USA ist, wird man weitersehen... schon mit dem jetzigen Militär Arsenal kann die Welt mehrmals in die Luft gejagt werden...was soll das Obama?
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