Fabrikeinsturz in Bangladesh Unternehmen knausern mit Entschädigung

Im vergangenen Jahr stürzte in Bangladesh eine Textilfabrik ein, in der auch deutsche Handelshäuser produzieren ließen. Zehn Monate nach der Katastrophe warten Opfer des Unglücks noch immer auf angemessene Entschädigung.


Hamburg - Beim Einsturz der Fabrik Spectrum Sweaters kamen im April 2005 64 Menschen ums Leben, 70 wurden schwer verletzt. Nennenswerte Unterstützung  ausländischer Produzenten sei bisher nur von der spanischen  Textilkette Inditex (Zara) gekommen, die auch in der Fabrik  produzieren ließ. Das berichteten zwei junge Männer, die vergangene  Woche auf Einladung der "Kampagne für saubere Kleidung" in  Deutschland waren.

Einsturzopfer Nura Alam (l.)  und Jahangir Alam: Furcht vor dem Präzedenzfall
Inkota-Netzwerk

Einsturzopfer Nura Alam (l.)  und Jahangir Alam: Furcht vor dem Präzedenzfall

Nura Alam, 29, und Jahangir Alam, 24, saßen am 11. April kurz nach  Mitternacht an ihren Nähmaschinen im siebten Stock der Fabrik, als  der Boden unter ihnen wegsackte. Jahangir Alam wurde nach sechs, sein  Freund erst nach 16 Stunden aus den Trümmern gezogen. Beide sind arbeitsunfähig, Nura Alam verlor einen Arm.

Die Fabrik stand auf  sumpfigem Grund und war von ihrem Besitzer illegal von vier auf neun  Etagen aufgestockt worden. Inditex hat den beiden Arbeitern bisher  etwa 265 Euro an Entschädigung zukommen lassen. Zudem habe der  Konzern nach dem Einsturz 35.000 Euro für medizinische Soforthilfe bereitgestellt, sagt Kampagnen-Sprecherin Evelyn Bahn. Trotz dieser  Hilfe mussten beide Textilarbeiter ihre kleine Parzelle Land und ihr  Vieh verpfänden - arbeiten können sie nicht mehr und die  Medikamentenkosten treiben sie in die Schuldenfalle.

Von der BSCI, einer Initiative der europäischen Außenhandelsvereinigung zur Einhaltung von Sozialstandards, ist  bislang, trotz monatelanger Ankündigung, noch kein Geld gekommen. Auch KarstadtQuelle ließ für seine Versandtochter Neckermann bei  Spectrum Sweaters produzieren. "Wir sind bereit und willens, in einen  Fonds einzuzahlen", sagt Unternehmenssprecher Jörg Howe. Das ist allerdings noch immer nicht geschehen. Evelyn Bahn zweifelt an dem Willen der meisten Firmen, die von der billigen Arbeit bei Spectrum Sweaters profitierten: "Ein Entschädigungsfonds würde einen Präzedenzfall schaffen", sagt sie. "Und das fürchten alle."



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