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21. März 2009, 15:41 Uhr

Fachkräfte

Ingenieur-Mangel in Deutschland eskaliert trotz Wirtschaftskrise

Deutschland gehen die Ingenieure aus: Nach SPIEGEL-Informationen bekommen Unternehmen trotz Rezession vermehrt Probleme, frei werdende Stellen zu füllen - schon jetzt sind 50.000 Jobs unbesetzt. Experten fordern mehr Investitionen in die Fachkräfteausbildung.

Hamburg/Berlin - Experten schlagen Alarm: Der Fachkräftemangel in Deutschland wird sich nach SPIEGEL-Informationen trotz Wirtschaftskrise weiter deutlich ausweiten. Zu diesem Ergebnis kommt der Chefberater für Innovation von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Joachim Milberg, in einem Positionspapier der Technikakademie Acatech.

Mess-Ingenieure in Magdeburg (Archivbild): Fachkräftemangel vernichtet Milliardenwerte
DPA

Mess-Ingenieure in Magdeburg (Archivbild): Fachkräftemangel vernichtet Milliardenwerte

Derzeit können 50.000 Stellen für Ingenieure nicht besetzt werden. Bis 2015 steige die Zahl der jährlich in den Ruhestand gehenden Ingenieure zudem von heute 37.000 auf dann 43.000. Dem stünden derzeit etwa 44.000 Absolventen der Ingenieurwissenschaften gegenüber.

Unternehmen und Staat sollten trotz Rezession in den Nachwuchs investieren, weil sich sonst "der Mangel an Fachkräften bei einem konjunkturellen Aufschwung umso dramatischer auswirken würde", heißt es in der Studie. Durch den Mangel an Fachkräften gehen der deutschen Wirtschaft schon jetzt jährlich rund 29 Milliarden Euro verloren.

Tatsächlich deutet sich im Kampf um die besten Talente schon jetzt eine Verschärfung an. Eine in der vergangenen Woche veröffentlichte internationale Studie des Online-Stellenportals StepStone ergab, dass 27 Prozent der Unternehmen ihren Wettbewerbern künftig gezielt Fachkräfte abwerben wollen. Vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei 21 Prozent. Rund 42 Prozent wollen zudem qualifizierte Leute einstellen, die in anderen Unternehmen freigestellt wurden.

Unternehmen wollen Personal halten

Auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) sieht trotz der schweren Wirtschaftskrise derzeit noch keine Anzeichen für massenhafte Entlassungen. BA-Vorstand Raimund Becker sagte der "Berliner Zeitung" am Samstag, solche Signale seien bislang nicht in größerem Umfang zu erkennen. "Eher ist das Gegenteil der Fall: Die Unternehmen versuchen, in der Krise ihr Personal festzuhalten", sagte Becker.

Die wenigsten Betriebe würden im Zuge der Kurzarbeit Arbeitsausfälle über längere Zeit anmelden, sagte Becker. Die Produktion müsse nicht flächendeckend stillgelegt werden - von Ausnahmen in der Autoindustrie abgesehen. Gäbe es mehr Zwangspausen über längere Zeit, wäre die Lage dramatischer.

Die BA geht dem Blatt zufolge davon aus, dass die Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt 2009 um 332.000 auf 3,6 Millionen steigen wird. "Dabei ist berücksichtigt, dass die Konjunkturprogramme der Regierung den befürchteten Konjunktureinbruch abfedern werden", sagte Becker und warnte vor Horrorszenarien für den Arbeitsmarkt. "Manche Vorhersagen von Ökonomen lassen zwar zuweilen den Eindruck entstehen, als ob am Arbeitsmarkt Chaos ausbricht", sagte er.

Das sei aber falsch. Dienstleister, Pflege- und Gesundheitsunternehmen brauchten weiter zusätzliche Arbeitskräfte. "Schwierigkeiten haben wir in allen Bereichen, die vom Export abhängen, also im verarbeitenden Gewerbe, insbesondere im Maschinenbau", sagte Becker.

Auftragseinbruch in der Metallbranche

Gerade die Metallindustrie ist vom Konjunktureinbruch schwer gezeichnet: In Deutschlands größtem Industriezweig ist die Nachfrage auch zu Jahresbeginn weiter massiv eingebrochen. Im Januar erhielten die Unternehmen rund 40 Prozent weniger Aufträge als ein Jahr zuvor, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur dpa. Gegenüber dem Dezember sei der saisonbereinigte Index um sieben Prozent gefallen und liege nun auf dem niedrigsten Stand seit 1999.

"Für die Unternehmen wird es zunehmend schwieriger, Beschäftigung zu halten", erklärte der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Martin Kannegiesser. "Wie weit dies gelingt, hängt entscheidend davon ab, dass sich die wirtschaftliche Lage in absehbarer Zeit wieder bessert. Der Einbruch bei den Aufträgen lässt allerdings keine rasche Trendwende erwarten."

suc/dpa

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