Fahrradhersteller in Thüringen Fabrikbesetzer weichen dem Insolvenzverwalter

Monatelang hielten Mitarbeiter ihre Fahrradfabrik in Thüringen besetzt, um sie vor der Pleite zu retten - vergeblich. Heute müssen sie die Räume verlassen, der Insolvenzverwalter übernimmt. Die Aktion, ein Fahrrad in eigener Regie zu produzieren, sehen sie dennoch als Erfolg.


Nordhausen - Die Besetzer des Fahrradwerkes im thüringischen Nordhausen sind heute endgültig dem Insolvenzverwalter gewichen. "Wegen der Eröffnung der Insolvenz haben wir das Werk dicht gemacht und keinen Zugriff mehr auf die Produktionsmittel", sagte der Vereinschef von "Bikes in Nordhausen", André Kegel.

Das aus Protest gegen die Schließung des Betriebes produzierte knallrote Strike-Bike sei bis zum letzten Tag stark nachgefragt worden. Es seien wie geplant aber nur 1800 Damen- und Herrenräder hergestellt und für 275 Euro pro Stück verkauft worden. "Das war noch mal ein voller Erfolg", betonte Kegel.

Der Insolvenzverwalter gehe weiter davon aus, dass das Unternehmen nicht zu retten sei, sagte Kegel. Die restlichen ehemaligen 122 Beschäftigten würden nun für acht Monate in eine Transfergesellschaft übernommen. Dort würden sie für in der Region ansässige Autozulieferer, eine Großbäckerei sowie einen Kartonagenhersteller umgeschult. Der Verein "Bikes in Nordhausen" bleibe dennoch wenigstens zwei Jahre bestehen, um die Gewährleistungspflicht für das Strike Bike zu erfüllen.

Die mehr als 100 Beschäftigten hatten im Juli das pleite gegangene Fahrradwerk der Firma Bike-Systems besetzt, um die Demontage der Anlagen zu verhindern. Mit der symbolischen Herstellung der Strike-Bikes wollten die Mitarbeiter beweisen, dass sich der Betrieb lohnen und die Pleite abgewendet werden könnte. Die US-Beteiligungsgesellschaft Lone Star hatte das Mutterunternehmen von Bike-Systems im Dezember 2005 übernommen und die Produktion in Nordhausen eingestellt. Davor wurden in Nordhausen täglich 2000 Fahrräder vor allem für Handelsketten und Kaufhäuser wie Aldi und KarstadtQuelle hergestellt.

Auf einer Betriebsversammlung am 10. Juli hatten die Mitarbeiter spontan beschlossen, das Werk zu besetzen. Dafür setzten sie die Betriebsversammlung bis zum ersten offiziellen Tag der Insolvenz fort und behielten so das Hausrecht. Mit dem heutigen Beginn der Insolvenz verlor der Betriebsrat das Hausrecht und die ehemaligen Mitarbeiter mussten das Werk verlassen.

kaz/AFP



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