Familienfirmen Triumph der freundlichen Heuschrecken

Deutsche Familienfirmen trumpfen auf: Wie Schaeffler bei Conti versuchen sie immer öfter, börsennotierte Konzerne zu schlucken. Solche Übernahmen nützen den Unternehmen und der Wirtschaft, sagt Berater Peter May im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Er glaubt, dass Eigentümer reinen Managern überlegen sind.


SPIEGEL ONLINE: Herr May, mit Schaeffler attackiert eine familiengeführte Firma einen Großkonzern - das kam in letzter Zeit häufig vor: Porsche Chart zeigen kontrolliert VW Chart zeigen, die Familie Haniel hat sich bei Metro Chart zeigen groß eingekauft. Sind Familienunternehmen die Heuschrecken von morgen?

May: Solche Deals werden immer häufiger, in zehn Jahren werden sie Alltag sein. Deutsche Familienunternehmer sind selbstbewusster geworden: Ihre Kriegskassen sind voll, weil sie in den vergangenen Jahren sehr gut verdient haben, das Geld aber oft im Unternehmen bleibt, anstatt ausgeschüttet zu werden. Trotzdem ist die Bezeichnung Heuschrecke hier fehl am Platz. Familienunternehmen sind bestenfalls freundliche Heuschrecken. Ihre Perspektive ist langfristig und sie handeln werteorientierter als Private-Equity-Firmen, die ihre Errungenschaften oft aggressiv auf kurzfristige Erfolge trimmen.

Zur Person
Intes


Peter May ist Gründer des Beratungsunternehmens Intes, das sich auf Familienunternehmen spezialisiert hat. Der 50-Jährige ist zudem Professor am IMD-Institut in Lausanne. Er hat in Köln, München und Stuttgart Jura studiert und in Wirtschaftswissenschaften über die Börseneinführung von Familienunternehmen promoviert. May ist verheiratet und hat vier Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Conti-Chef Manfred Wennemer wirft den Herzogenaurachern im SPIEGEL-Interview vor, rabiater vorzugehen als viele Hedgefonds. Schaeffler hat sich über Finanztricks eine Mehrheit an Continental Chart zeigen gesichert, ohne dies zu publizieren.

May: Ich kann an dem Vorgehen nichts Besonderes finden. Ich glaube, bei Conti ärgert man sich mehr, dass ein vermeintlich kleines Familienunternehmen die Chuzpe hat, einen Dax-Riesen anzugreifen. Und dass man davon lange nichts bemerkt hat. Die Arbeit des Vorstandes wird sich radikal ändern, wenn er einem dominierenden Eigentümer verpflichtet ist statt vielen kleinen Aktionären. Insgesamt ist solche Empörung typisch - man erlebt sie oft bei Vorständen solcher Publikumsgesellschaften.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

May: Viel zu lange hatten die Vorstände solcher Unternehmen - die Schrempps und Co. - die Macht inne. Diese Manager tun sich unglaublich schwer damit anzuerkennen, dass die Welt sich geändert hat: dass Eigentümer das Ruder in die Hand nehmen und Gefolgschaft verlangen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wennemer argumentiert, der Deal wäre nur für Schaeffler von Vorteil - Conti hätte nichts davon.

May: Grundsätzlich tut ein Großeigentümer einem Konzern gut. Es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen, die zeigen: Firmen, die von Eigentümerfamilien geführt werden, entwickeln sich langfristig an der Börse besser als Publikumsgesellschaften. Und Schaeffler hat 2001 den Konkurrenten Kugelfischer übernommen - der hat sich seitdem prächtig entwickelt. Gleiches erwarte ich für den Fall, dass der Conti-Deal tatsächlich klappt.

SPIEGEL ONLINE: Die Vorstellungen, was eine prächtige Entwicklung ist, sind verschieden. Arbeitnehmervertreter befürchten, dass Schaeffler Conti zerschlagen und Tausende Jobs streichen wird. Ist das eine realistische Einschätzung?

May: Ich halte das für Panikmache. Aus Sicht der Belegschaft ist es doch sehr viel erfreulicher, wenn ein deutsches Familienunternehmen einsteigt, als wenn ein ausländischer Staatsfonds oder eine Private-Equity-Gesellschaft sich bei Conti einkaufen. Familienunternehmer fühlen sich den Mitarbeitern gewöhnlich viel stärker verpflichtet als ein Manager mit zweistelligem Millionengehalt. Sie haben eine ganz andere Vorstellung von Unternehmenskultur, viele lassen sich von eindeutigen, nicht selten auch religiösen Werten leiten. Oft gibt es einen Kodex, in dem das Verhältnis zu den Mitarbeitern, den Kunden und der Region genau beschrieben ist. Ein Firmenpatriarch ist jemand zum Anfassen und oft Garant für einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr romantisch. Allerdings haben Familienunternehmen auch den Ruf, recht unprofessionell und undurchsichtig in ihren Entscheidungsstrukturen zu sein. Kann ein Unternehmen wie Schaeffler das Management eines Dax-Riesen überhaupt stemmen?

May: Sicher. Natürlich gibt es Familienunternehmen, die schlecht gemanagt sind. Aber die werden verschwinden. Insgesamt sind die Familienunternehmen in den vergangenen Jahren sehr viel professioneller geworden, nicht zuletzt dank einer jungen Generation von Managern, die nachgerückt ist. Das Modell der Eigentümer-geführten Firma ist das erfolgreichste, das wir haben, und es wird sich immer mehr durchsetzen. Die Zeit der Familienunternehmen wird kommen.

SPIEGEL ONLINE: Bleibt die mangelnde Transparenz - viele Familienunternehmen wirken nach außen fast wie Sekten. Müssen sie nicht zwangsläufig durchsichtiger werden, um Schmiergeldskandale oder Schnüffelaffären wie bei der Telekom zu vermeiden?

May: Es gibt einen Corporate-Governance-Kodex für Familienunternehmen, der auch fast überall eingehalten wird. Aber was zählt, ist nicht die Transparenz nach außen: Viel wichtiger ist, dass die Werte und Strategien für die Mitarbeiter durchschaubar sind. Wenn Dinge passieren, die nicht richtig sind, gehören sie natürlich aufgedeckt. Aber ich glaube, dass solche Ereignisse in Eigentümer-geführten Firmen seltener passieren als in Publikumsgesellschaften. Ein Firmenpatriarch agiert in der Regel mit mehr Bodenhaftung als ein hochdotierter Vorstandschef, weil er die ständige Rückkopplung an die Belegschaft hat und ein Schaden ihn unmittelbar trifft.

SPIEGEL ONLINE: Die Zeit scheint insofern günstig, als dass die 30 Dax-Unternehmen derzeit massiv an Börsenwert verlieren und somit wahre Schnäppchen sind. Vor allem Daimler Chart zeigen gilt als gefährdet - gibt es ein Familienunternehmen, das sich an den Autobauer herantrauen kann?

May: Mir fallen einige ein, aber ich will nicht über Namen spekulieren. Grundsätzlich würde ich Daimler wünschen, dass sich ein deutscher Großaktionär einkauft. Denn angesichts des aktuellen Werts wird früher oder später irgendjemand einsteigen, und auch hier gilt: besser ein Familienunternehmen als ein ausländischer Investor.

SPIEGEL ONLINE: Welche Dax-Riesen müssen sich noch fürchten?

May: Grundsätzlich kann es jeden Konzern treffen. In schlechten Börsenphasen werden Unternehmen preiswerter - und wenn noch Managementfehler hinzukommen, rauscht der Aktienkurs in den Keller. Und wie gesagt: Wenn dann ein Familienunternehmen zugreift, ist das ein Glück.

SPIEGEL ONLINE: Die deutschen Familienpatriarchen geben sich bewusst öffentlichkeitsscheu. Wenn sie derart an Bedeutung in der Wirtschaft gewinnen - ist es da nicht an der Zeit, offener zu kommunizieren?

May: Wenn wir vom Werteverständnis der Patriarchen und ihrer Vorstellung von Unternehmenskultur sprechen, und nicht von der konkreten Unternehmensstrategie, haben Sie recht. Da müssen Familienunternehmer ihre Überzeugungen und ihre Vorstellung von Unternehmertum sehr viel klarer darlegen. Nur so können Sie zeigen, dass ein guter Kapitalismus möglich ist, und dass sie genau dafür stehen.

Das Interview führte Anne Seith.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
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Hagbard 22.07.2008
1. .
Kein schlechter Artikel. In der Vergangenheit war die Stärke der Familienunternehmen ein Eigentümer, der bereit war, der Firma alles unterzuordnen. Angefangen bei der 70-Stunden-Woche bis hin zum Urlaubsverzicht und sehr hohen persönlichen Risiken. Die Stärke der großen Konzerne waren Manager, die mit betriebswirtschaftlichem Wissen in großer Breite und Tiefe aufwarten können. Die kommende Generation von Eigentümern wird beides vereinen: Ausbildung und die absolute Hingabe an die Firma. Das Ganze gepaart mit Durchsetzungswillen (und -vermögen). Ein paar der neuen Chefs gibt es schon. Aber die Welle kommt erst noch.
PML, 23.07.2008
2. Ein äußerst interessanter Artikel!
Firmen-Patriarch versus "Börsenproletariat"? Was ist "besser"?: Wenn ein Familien-Clan die Arbeitskraft seiner abhängig Beschäftigten ausbeutet? Oder wenn sich abhängig Beschäftigte, über eine widersprüchliche, doppelstrategische Zwitterrolle als "Arbeitnehmer" und Aktienhalter gegenseitig ausbeuten? Da ist in dem Artikel positiv wertend die Rede davon, Firmen-Patriarchen hätten häufig auch "religiöse Werte". Welche sind das denn genau? Ist es boshaft, wenn ich mutmaße, es sind solche, die bestehende Herrschaftsstrukturen manifestieren? Abstrakter gesehen geht es doch "nur" um die Frage: Kapital, ja - aber woher? Ich sehe das Problem börsenkapitalfinanzierter Unternehmen nicht im Umstand ihrer Finanzierungsart, sondern in (politisch offenbar gewollten) Schwächen im Recht der Kapitalgesellschaften. Hier bleiben zu viele einflussnehmende Größen zu wenig berücksichtigt oder gar unberücksichtigt: - die Rolle des Vorstands - die einseitige Rolle des Aufsichtsrats - der Faktor Umwelt - der Faktor Arbeitskraft ("Arbeitnehmer") - die Rolle des Verbrauchers, also des Abnehmers erstellter Waren und Dienstleistungen Ich denke, die Frage sollte sich weniger um Kapitalherkunft drehen als um Unternehmensgrößen. Das von Walter Eucken und Mitstreitern erarbeitete, von Erhard aufgrund Adenauers Widerstand nicht verwirklichte Modell der konsequenten wirtschaftlichen Machtbeschneidung dürfte viel intelligenter für eine funktionierende Volkswirtschaft sein: - kleine Unternehmen (in denen unmittelbarer Kontakt zwischen "Patriarch" und "Arbeitnehmer" gegeben ist. Die KÖNNEN sich nicht nur unmittelbar beschnüffeln, die MÜSSEN es auch! - Funktionierender Wettbewerb im Sinne der Verbraucher. - Hohe Anzahl Arbeitsplätze bei gleichzeitig hoher Anzahl Selbstständiger (Selbstverantwortlicher!)
jetzt red i 23.07.2008
3. Familien an die Macht?
Unternehmer opfern sich auf, Mangager haben das Know-how - das ist vielleicht etwas kurz gegriffen. Einen entscheidenden Unterschied gibt es aber (und wird es immer geben). Top-Manager mussten lernen, Karriere zu machen, sie haben das Druchboxen nach oben in der Hierachie gelernt. Dies hat Folgen für die Unternehmenskultur, gute und schlechte.
floman 23.07.2008
4. Familienunternehmen nach vorn!
viele der deutschen familiengeführten unternehmen sind deshalb so erfolgreich, weil sie sehr konservativ mit ihren mitteln umgehen und sich reiflich überlegen, welche investitionen sich wirklich lohnen. denn ein unternehmer, der entweder das unternehmen selber aufgebaut hat oder seit mehreren generationen in der familie das unternehmen führt, wird einen teufel tun und das unternehmen durch eine fehlentscheidung vor die hunde gehen zu lassen. dies ist der entscheidende unterschied zu den "heuschrecken", die aus kurzfristiger sicht vielleicht einen hohen profit erzielen, sich aber in keinster weise mit den zielen, leitlinien, ethischen entscheidungen und kaufmännischen zielen des gekauften unternehmens auseinandersetzen. ein familienunternehmen handelt i.d.r. nicht nach der maßgabe, ein unternehmen aufzukaufen, die profitablen teile zu verkaufen und die anderen zu schließen. ein familienunternehmen handelt i.d.r mit dem hintergrund, das eigentliche mutterunternehmen dadurch in den langfristigen zielen voranzubringen. deshalb ist ein aufkauf - hier von conti - durch ein familiengeführtes unternehmen kein nachteil, im gegenteil, conti kann hier echt von profitieren. my2cents
wolfi55 23.07.2008
5. Längerfristig orientiert allemal
Und das hat man in dem Interview nicht so heruasgearbeitet. Meist sind die Familienunternehmen viel längerfristig orientiert und das kommt eigentlich den Mitarbeitern zugute. Die müssten da viel mehr dafür sein. Aber mit dem Vorstand kann man bessere Deals machen als Gewerkschaft. Wolfgang
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