SPIEGEL ONLINE: Herr May, mit Schaeffler attackiert eine familiengeführte Firma einen Großkonzern - das kam in letzter Zeit häufig vor: Porsche
kontrolliert VW
, die Familie Haniel hat sich bei Metro
groß eingekauft. Sind Familienunternehmen die Heuschrecken von morgen?
May: Solche Deals werden immer häufiger, in zehn Jahren werden sie Alltag sein. Deutsche Familienunternehmer sind selbstbewusster geworden: Ihre Kriegskassen sind voll, weil sie in den vergangenen Jahren sehr gut verdient haben, das Geld aber oft im Unternehmen bleibt, anstatt ausgeschüttet zu werden. Trotzdem ist die Bezeichnung Heuschrecke hier fehl am Platz. Familienunternehmen sind bestenfalls freundliche Heuschrecken. Ihre Perspektive ist langfristig und sie handeln werteorientierter als Private-Equity-Firmen, die ihre Errungenschaften oft aggressiv auf kurzfristige Erfolge trimmen.

May: Ich kann an dem Vorgehen nichts Besonderes finden. Ich glaube, bei Conti ärgert man sich mehr, dass ein vermeintlich kleines Familienunternehmen die Chuzpe hat, einen Dax-Riesen anzugreifen. Und dass man davon lange nichts bemerkt hat. Die Arbeit des Vorstandes wird sich radikal ändern, wenn er einem dominierenden Eigentümer verpflichtet ist statt vielen kleinen Aktionären. Insgesamt ist solche Empörung typisch - man erlebt sie oft bei Vorständen solcher Publikumsgesellschaften.
SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?
May: Viel zu lange hatten die Vorstände solcher Unternehmen - die Schrempps und Co. - die Macht inne. Diese Manager tun sich unglaublich schwer damit anzuerkennen, dass die Welt sich geändert hat: dass Eigentümer das Ruder in die Hand nehmen und Gefolgschaft verlangen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Wennemer argumentiert, der Deal wäre nur für Schaeffler von Vorteil - Conti hätte nichts davon.
May: Grundsätzlich tut ein Großeigentümer einem Konzern gut. Es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen, die zeigen: Firmen, die von Eigentümerfamilien geführt werden, entwickeln sich langfristig an der Börse besser als Publikumsgesellschaften. Und Schaeffler hat 2001 den Konkurrenten Kugelfischer übernommen - der hat sich seitdem prächtig entwickelt. Gleiches erwarte ich für den Fall, dass der Conti-Deal tatsächlich klappt.
SPIEGEL ONLINE: Die Vorstellungen, was eine prächtige Entwicklung ist, sind verschieden. Arbeitnehmervertreter befürchten, dass Schaeffler Conti zerschlagen und Tausende Jobs streichen wird. Ist das eine realistische Einschätzung?
May: Ich halte das für Panikmache. Aus Sicht der Belegschaft ist es doch sehr viel erfreulicher, wenn ein deutsches Familienunternehmen einsteigt, als wenn ein ausländischer Staatsfonds oder eine Private-Equity-Gesellschaft sich bei Conti einkaufen. Familienunternehmer fühlen sich den Mitarbeitern gewöhnlich viel stärker verpflichtet als ein Manager mit zweistelligem Millionengehalt. Sie haben eine ganz andere Vorstellung von Unternehmenskultur, viele lassen sich von eindeutigen, nicht selten auch religiösen Werten leiten. Oft gibt es einen Kodex, in dem das Verhältnis zu den Mitarbeitern, den Kunden und der Region genau beschrieben ist. Ein Firmenpatriarch ist jemand zum Anfassen und oft Garant für einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr romantisch. Allerdings haben Familienunternehmen auch den Ruf, recht unprofessionell und undurchsichtig in ihren Entscheidungsstrukturen zu sein. Kann ein Unternehmen wie Schaeffler das Management eines Dax-Riesen überhaupt stemmen?
May: Sicher. Natürlich gibt es Familienunternehmen, die schlecht gemanagt sind. Aber die werden verschwinden. Insgesamt sind die Familienunternehmen in den vergangenen Jahren sehr viel professioneller geworden, nicht zuletzt dank einer jungen Generation von Managern, die nachgerückt ist. Das Modell der Eigentümer-geführten Firma ist das erfolgreichste, das wir haben, und es wird sich immer mehr durchsetzen. Die Zeit der Familienunternehmen wird kommen.
SPIEGEL ONLINE: Bleibt die mangelnde Transparenz - viele Familienunternehmen wirken nach außen fast wie Sekten. Müssen sie nicht zwangsläufig durchsichtiger werden, um Schmiergeldskandale oder Schnüffelaffären wie bei der Telekom zu vermeiden?
May: Es gibt einen Corporate-Governance-Kodex für Familienunternehmen, der auch fast überall eingehalten wird. Aber was zählt, ist nicht die Transparenz nach außen: Viel wichtiger ist, dass die Werte und Strategien für die Mitarbeiter durchschaubar sind. Wenn Dinge passieren, die nicht richtig sind, gehören sie natürlich aufgedeckt. Aber ich glaube, dass solche Ereignisse in Eigentümer-geführten Firmen seltener passieren als in Publikumsgesellschaften. Ein Firmenpatriarch agiert in der Regel mit mehr Bodenhaftung als ein hochdotierter Vorstandschef, weil er die ständige Rückkopplung an die Belegschaft hat und ein Schaden ihn unmittelbar trifft.
SPIEGEL ONLINE: Die Zeit scheint insofern günstig, als dass die 30 Dax-Unternehmen derzeit massiv an Börsenwert verlieren und somit wahre Schnäppchen sind. Vor allem Daimler
gilt als gefährdet - gibt es ein Familienunternehmen, das sich an den Autobauer herantrauen kann?
May: Mir fallen einige ein, aber ich will nicht über Namen spekulieren. Grundsätzlich würde ich Daimler wünschen, dass sich ein deutscher Großaktionär einkauft. Denn angesichts des aktuellen Werts wird früher oder später irgendjemand einsteigen, und auch hier gilt: besser ein Familienunternehmen als ein ausländischer Investor.
SPIEGEL ONLINE: Welche Dax-Riesen müssen sich noch fürchten?
May: Grundsätzlich kann es jeden Konzern treffen. In schlechten Börsenphasen werden Unternehmen preiswerter - und wenn noch Managementfehler hinzukommen, rauscht der Aktienkurs in den Keller. Und wie gesagt: Wenn dann ein Familienunternehmen zugreift, ist das ein Glück.
SPIEGEL ONLINE: Die deutschen Familienpatriarchen geben sich bewusst öffentlichkeitsscheu. Wenn sie derart an Bedeutung in der Wirtschaft gewinnen - ist es da nicht an der Zeit, offener zu kommunizieren?
May: Wenn wir vom Werteverständnis der Patriarchen und ihrer Vorstellung von Unternehmenskultur sprechen, und nicht von der konkreten Unternehmensstrategie, haben Sie recht. Da müssen Familienunternehmer ihre Überzeugungen und ihre Vorstellung von Unternehmertum sehr viel klarer darlegen. Nur so können Sie zeigen, dass ein guter Kapitalismus möglich ist, und dass sie genau dafür stehen.
Das Interview führte Anne Seith.
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