Fazit zum G-20-Gipfel Hans-Werner Sinn


Kann sich das erzielte Ergebnis sehen lassen?

Ja, es ist wichtig, dass es eine einheitliche internationale Rechnungslegung und ein Kontrollgremium zur Überwachung der Systemrisiken geben wird. Wichtig ist ferner, dass Hedgefonds, Conduits und Rating-Agenturen reguliert werden.

In welchem Punkt hätten die Staatschefs besser anders entschieden?

Mir fehlt ein Bekenntnis zu einer höheren Mindesteigekapitalquote. Das wäre das A und O für ein gesünderes Bankensystem und verbesserte Anreizstrukturen, die mehr Nachhaltigkeit im Bankwesen hervorbringen. Es wäre aber auch eine Maßnahme zur Verringerung der Eigenkapitalrenditen der Banken bei gleichzeitiger Rücknahme der Investitionsrisiken.

Das Glücksrittertum wird durch die beschlossenen Maßnahmen nicht bekämpft. Die Gipfelteilnehmer scheinen nicht zu erkennen, dass die Verzerrungen der Entlohnungssysteme der Manager aus der Verzerrung der Entlohnungssysteme der Aktionäre resultieren, die selbst wiederum durch die Minimierung der Eigenkapitalquoten entsteht. Solange man dieses Thema nicht angeht, wird man keine dauerhafte Stabilisierung des Bankwesens erreichen. Wall Street und die City of London sind hier offenbar zu mächtig, um eine substantielle Änderung der Verhältnisse zu ermöglichen.

Bezüglich der Eliminierung der toxischen Assets vermisse ich eine klare Aussage darüber, wie das geschehen soll. Dass der Staat den Banken auf verstecktem Wege Geld schenkt wie in den USA hielte ich jedenfalls nicht für richtig. Wenn der Staat Geld gibt, muss er dafür auch Aktien erhalten.

Es fehlt das Bekenntnis zu einer international einheitlichen Regulierung der Banken und zur Schaffung einer internationalen Aufsicht. Solches wäre aber nötig, um den Laschheitswettbewerb der Regulierungssysteme zu verhindern.

Es fehlt eine Änderung der Entlohnungssysteme der Rating-Agenturen. Es kann nicht angehen, dass sich diese Agenturen weiterhin von den Firmen bezahlen lassen, deren Produkte sie bewerten sollen.

Wird der G-20-Gipfel helfen, die Krise zu überwinden, und wann rechnen sie mit einer Trendwende?

Die Erklärungen der G20 weisen in die richtige Richtung, ein schnelles Ende der Rezession werden sie aber nicht bewirken. In der Weltwirtschaft haben sich Ungleichgewichte aufgebaut, die nicht von heute auf morgen beseitigt sind. So haben etwa die US-Amerikaner in den vergangenen Jahren zu wenig gespart und zu viel konsumiert. Das Geld für ihren Kaufrausch haben ihnen ausländische Anleger bereitwillig gegeben. Das wird in Zukunft nicht mehr so sein. Die US-Amerikaner werden sparen lernen müssen. Und das bedeutet, dass andere Länder, allen voran China und Deutschland, sich nicht mehr auf die Versorgung der amerikanischen Konsumenten spezialisieren können. Die Weltwirtschaft wird sich neu ausbalancieren müssen.

Aber auch im Finanzsektor liegen noch große Probleme verborgen, gerade auch bei uns in Deutschland. Es besteht weiterhin die akute Gefahr, dass die Banken ihr Kreditvolumen reduzieren und so versuchen, sich gesund zu schrumpfen. Damit fehlt dann aber den Unternehmen das notwendige Geld für Investitionen. An dieses Problem muss die deutsche Politik dringend noch einmal ran.

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