Fernsehbericht: Mehdorn schickt Kritiker in die Wüste

Bahnchef Hartmut Mehdorn soll die Strafversetzung eines Kritikers veranlasst haben. Der Aufsichtsbeamte ermittelte im Fall Eschede.

Bahnchef Mehdorn: Kritiker in die Wüste geschickt?
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Bahnchef Mehdorn: Kritiker in die Wüste geschickt?

Berlin/Bonn - Nach einem Bericht des ARD-Magazins "Report" wurde der Beamte des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) wegen seiner Kritik an der Sicherheitspolitik der Bahn auf Betreiben von Bahnchef Hartmut Mehdorn strafversetzt. Sowohl die Bahn AG als auch das Eisenbahn-Bundesamt wiesen diese Darstellung am Montag entschieden zurück.

Nach Angaben von "Report" habe der EBA-Beamte Walter Kripgans, der einer der Chefermittler beim ICE-Unglück von Eschede sei, der Bahn systematische Verfehlungen im Sicherheitsbereich vorgeworfen. Kripgans habe in einem Vortrag vor der Landesfeuerwehrschule Hamburg von skandalösen Zuständen gesprochen: "Täglich wird gegen Sicherheitsbestimmungen und gegen die anerkannten Regeln der Technik verstoßen." Die Bahn verschleppe die Behebung von Mängeln, die zudem in der Öffentlichkeit vertuscht oder verharmlost würden.

Nach der Kritik des Beamten habe sich Mehdorn beim EBA beschwert und gefordert, Kripgans zur Rechenschaft zu ziehen. Wenige Tage später sei dieser dann von seinen Aufgaben entbunden und in die EBA-Zentrale Bonn versetzt worden. Über den Vorgang sei auch das Bundesverkehrsministerium informiert gewesen.

Die Deutsche Bahn wies die Vorwürfe zurück. Tatsache sei, dass sich Mehdorn in einem Schreiben an den EBA-Präsidenten Horst Stuchly gegen die falschen öffentlichen Beschuldigungen von Kripgans gewehrt habe. Die Vorwürfe in dem diffamierenden Vortrag seien völlig haltlos, sagte ein Sprecher. Das EBA sei aber eine unabhängige Behörde und dem Verkehrsministerium unterstellt. Die Bahn könne keinerlei Druck auf das EBA ausüben. Das Schreiben Mehdorns sei auch dem Verkehrsministerium zugegangen.

Auch der Sprecher des Eisenbahn-Bundesamtes, Mark Wille, wehrte sich gegen die Vorwürfe. Der Beamte habe in seinem Vortrag seine Privatmeinung und nicht die Auffassung des Amtes geäußert. Die Deutsche Bahn habe keinen Einfluss auf Personalentscheidungen des EBA. Die Versetzung des Beamten von Hamburg nach Bonn sei eine Entscheidung, die unabhängig von dem Schriftverkehr getroffen worden sei. Er sei "weder strafrechtlich noch disziplinarisch belangt worden."

Sicherheit "auf unvorstellbare Weise vernachlässigt"

Unterdessen wächst auch die Kritik der Hinterbliebenen und Überlebenden des Eschede-Unglücks an der Bahn und den Ermittlungsbehörden. Heinrich Löwen, Sprecher der "Selbsthilfe Eschede", in der 80 Prozent der Betroffenen organisiert sind, forderte am Montag die Deutsche Bahn AG auf, ihre "Hinhaltetaktik" bei der Regulierung der finanziellen Ansprüche aufzugeben. Details zu bisherigen Zahlungen der Bahn wollte Löwen nicht nennen.

Von der Lüneburger Staatsanwaltschaft verlangten die Vertreter der Eschede-Opfer eine rückhaltlose Aufklärung der Unfallursache. Der Einblick in die Ermittlungsakten habe bei der Selbsthilfegruppe "große Betroffenheit" ausgelöst, sagte Löwen. Die Sicherheit sei bei dem Unglücks-ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" "auf unvorstellbare Weise vernachlässigt" worden. Löwen forderte die Staatsanwaltschaft auf, alle Hierarchie-Ebenen der Bahn in die Ermittlungen einzubeziehen und das "Staatsunternehmen Bahn" nicht mit Samthandschuhen anzufassen.

An diesem Freitag beginnen in Eschede die Bauarbeiten für eine Gedenkstätte für die 101 Toten und über 100 Verletzten des Unglücks vom 3. Juni 1998. Zum Gedenken an die Toten sollen die ersten von 101 Kirschbäumen gepflanzt werden.

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