Film-Investments Finanzhaie greifen nach der Traumfabrik

Der Oscar-Glanz täuscht, die Rezession hat der US-Filmindustrie schwer zugesetzt. Jetzt wittert eine neue Investorengeneration ihre Chance: Finanzhaie drängen in den Markt - und versuchen, die Bedürfnisse Hollywoods mit den Tricks der Wall Street zu verknüpfen.

Aus Los Angeles berichtet

AFP

Greg Bernstein hat sein Büro in Beverly Hills mit Dutzenden Filmplakaten geschmückt: "Gods and Monsters", "A Time to Kill", "Love & Sex". Unabhängige Produktionen meist, die manchmal aber sogar Oscars einbrachten, etwa "Monster" mit Charlize Theron. Ohne Bernstein wären sie nie zustande gekommen. Trotzdem findet sich sein Name weder auf den Postern noch in den Abspännen der Filme.

Bernstein wirkt lieber hinter den Kulissen. Der Entertainment-Anwalt steuert seine Klienten - Produzenten, Regisseure, Schauspieler, Autoren - durch das Finanzlabyrinth Hollywoods. Als Brancheninsider hilft er, Deals einzutüten, Budgets aufzustellen, Dreharbeiten überhaupt zu ermöglichen.

Früher nannten sie ihn "Obi-Wan", nach Obi-Wan Kenobi, dem Jedi-Ritter aus den "Star Wars"-Filmen, der noch als Geist heimlich für das Gute kämpft. "Doch das waren einfachere Zeiten", klagt Bernstein. "Heute ist es sehr, sehr schwer geworden, Filme zu finanzieren."

Das sagt nicht nur Bernstein, der das Geschäft seit Jahrzehnten kennt. Ganz Hollywood redet darüber, gerade jetzt, in den Tagen des Oscar-Hypes, der am Sonntag im Gute-Laune-Zwang auf dem roten Teppich kulminieren wird: Die Tage des großen Geldes sind vorbei, das Füllhorn ist versiegt.

Die Finanzkrise hat die Studiokonzerne schwer getroffen. Hedgefonds, Banken und andere institutionelle Investoren, die die Finanzlücke zuletzt gefüllt hatten, sind knauserig geworden oder ziehen sich ganz zurück. Raubkopien im Internet lassen die Umsätze schrumpfen.

"Soft money ist das Zauberwort"

Doch wie immer in solchen Fällen besteht das Vakuum nicht lange - Hollywood ist schließlich eine Industrie wie alle anderen. Und so wie findige, gut betuchte Spekulanten in der Immobilienkrise ihre Chance sahen und sich die Bauruinen des Booms schnappten, erlebt auch die sprichwörtliche Traumfabrik einen Ansturm neuer Finanzjongleure.

"Wir müssen unterschiedliche Formen der Filmfinanzierung zusammenschustern, um ein Ganzes zu bekommen", sagt die unabhängige Produzentin Stacey Parks.

"Soft money ist das Zauberwort", sagt Bernstein. Eigentlich ist das ein Begriff aus der Politik: Er bezeichnet Wahlspenden, die mittels Gesetzeslücken aufgebläht werden. In Hollywood dagegen beschreibt soft money die Finanzierung von Independent-Filmen jenseits des Studiosystems, eine Finanzierung aus unkonventionellen Quellen, durch zelluloidfreudige Multimillionäre etwa, die Insider wie Bernstein ins Spiel bringt.

Die "New York Times" nennt diese Finanziers schon die new players Hollywoods, die neuen Akteure. Mit kühl kalkuliertem Eigeneinsatz und cleverer Berechnung von Steuervorteilen und Subventionen helfen sie Filmprojekten auf die Beine und lassen sich ihre Kapitalbeteiligung später zurückzahlen - mit sattem Renditeaufschlag, versteht sich.

"Neue, risikominimierte Investment-Alternative"

Die Investoren sind Wall-Street-Alumni, Privatanleger, oft sind es völlige Filmnovizen, für die traditionelle Investitionen ihren Reiz - und Wert - verloren haben. Joseph Ricketts, der Gründer des Broker-Giganten TD America, ist einer von ihnen; auch Steven Rales, Chef des Technologiekonzerns Dahaner, finanziert neuerdings Filme.

Die neue Investorengeneration kommt von überall her und umfasst alle Altersklassen. Der texanische Öl-Milliardär Tim Headington, 60, etwa startete Ende vorigen Jahres mit den Filmveteranen Peter Schlessel und Graham King die Finanzierungs-, Produktions- und Vertriebsgesellschaft FilmDistrict. Der Immobilienerbe Michael Benaroya, 29, tat sich mit dem Produzenten Robert Ogden Barnum zusammen und gründete Benaroya Pictures. Für ihren Film "Margin Call" gewannen sie Stars wie Kevin Spacey und Demi Moore. 2010 sei sein "bisher größtes Jahr gewesen", sagt Benaroya stolz.

Der gebürtige Russe Yuri Rutman, 39, kam als Kind aus Israel in die USA. "Ich wollte schon immer Filme machen", sagt er SPIEGEL ONLINE. Er ging in Chicago auf die Filmschule, landete dann aber an der Wall Street und verdiente mit Immobilien und Devisen ein kleines Vermögen. Schließlich gründete er Noci Pictures Entertainment, eine Privatkapitalfirma für Filme. Motto: "Eine Brücke schlagen zwischen Private Equity und Filminvestment."

"Die meisten Leute in Hollywood haben keine Ahnung von der Finanzierung und dem Verleih von Filmen", sagt Rutman. Er versucht, die Bedürfnisse Hollywoods mit den Tricks der Wall Street zu verknüpfen, indem er für seine Investoren Finanzpakete schnürt, denen sie nicht widerstehen können. Sein Lockruf: "Filme sind eine neue, risikominimierte Investment-Alternative zu Immobilien und Hedgefonds."

"Wir beseitigen den Zwischenhändler"

Rutmans Kunden sind Stiftungen, Privatfonds oder Milliardäre aus der ganzen Welt. Wie ein klassischer Investmentfonds sammelt er deren Einlagen - und steckt sie in Filmproduktionen. Das Risiko federt er durch staatliche Fördergelder oder die Steuerabschläge ab, mit denen diverse US-Bundesstaaten Filmproduktionen anlocken. Außerdem übernimmt er den Verleih selbst, statt ihn den Studios zu überlassen. "Die großen Studios sind nicht mehr effektiv", sagt er. "Wir beseitigen den Zwischenhändler."

Zurzeit ist Rutman dabei, einen privaten Fonds von 300 Millionen Dollar zu sammeln. Damit will er in den nächsten fünf Jahren "30 bis 50 Filme" finanzieren, produzieren und verleihen.

"Anders als Milch, die du nach begrenzter Zeit abstoßen musst, haben Filme eine enorm lange Haltbarkeit", sagt Rutman. "Die Leute wollen immer Filme sehen." Und anders als das Casino des Aktienmarkts könnten Filme selbst dann lukrativ sein, wenn sie an der US-Kinokasse floppen. "Ein schlechter Film hat immer noch einen Markt - in der dritten Welt."

"Irgendjemand gewinnt halt immer im Lotto"

Auch Greg Bernstein umgarnt seine Klienten, sträubt sich aber, klare Erfolgsrezepte auszusprechen. Es gebe zahllose, oft winzige Faktoren, die einen Film zum Erfolg oder Misserfolg machen könnten, sagt er: Timing, Besetzung, Drehbuch, Genre, oft sogar das Wetter oder kulturelle Gepflogenheiten.

Sensationen wie das unabhängig finanzierte Kriegsdrama "Tödliches Kommando - The Hurt Locker", das voriges Jahr den Oscar als bester Film gewonnen hat, seien eher die Ausnahme, warnt Bernstein: "Irgendjemand gewinnt halt immer im Lotto, doch die anderen verlieren."

Bis zu fünf Jahre kann eine Filmfinanzierung dauern - in dieser Zeit kommen und gehen Rezessionen. Wegen der Haushaltskrise der US-Staaten könnten bald viele Kommunen ihre Firmförderung zurückfahren. Vor allem Staaten mit republikanischen Gouverneuren nehmen entsprechende Gesetze schon unter die Lupe.

Kein Problem für Hollywoods Filmemacher - sie drehen ganz einfach im Ausland. "Unknown", der neue Thriller mit Liam Neeson, der vorige Woche die Nummer eins in den US-Kinos war, spielt zum Beispiel komplett in Berlin, obwohl die Handlung das überhaupt nicht erfordert. Als Co-Produzent ist in den Credits auch der Deutsche Filmförderfonds gelistet - dank einer großzügigen Spende von vier Millionen Dollar.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Tristan Steiner 25.02.2011
1. Und dann?
Worauf wird das hinauslaufen? Einsparungen am Personal. Einsparungen am Drehbuch. Einsparungen an den Darstellern. Was wird übrig bleiben? Zu 100% am Computer erzeugte Filme. Mit nicht-vorhandenem Skript. Wobei: Die meisten Hollywood Filme sind eh schon so grottenschlecht - viel schlechter kanns nicht werden.
My2Cents 25.02.2011
2. Kleininvestoren
Eigentlich schade, dass man sich nicht auch als Privatinvestor an einem Hollywood-Film beteiligen kann; also eine art "geschlossener Film-Fond". Mit einem kleinen Beitrag würde ich mich sonst auch mal an sowas beteiligen...
Berta, 25.02.2011
3. Finanzhaie
Zitat von sysopDer Oscar-Glanz täuscht, die Rezession hat der US-Filmindustrie schwer zugesetzt. Jetzt wittert eine neue Investoren-Generation ihre Chance: Finanzhaie drängen in den Markt - und versuchen, die Bedürfnisse Hollywoods mit den Tricks der Wall Street zu verknüpfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,747645,00.html
Heuschrecken kaufen sich jetzt die ganze Welt. Die müssen doch irgendwo Geld drucken.
herrdrei@hotmail.com 25.02.2011
4. In Filme investieren
Zitat von My2CentsEigentlich schade, dass man sich nicht auch als Privatinvestor an einem Hollywood-Film beteiligen kann; also eine art "geschlossener Film-Fond". Mit einem kleinen Beitrag würde ich mich sonst auch mal an sowas beteiligen...
Na klar geht sowas. Z.B. bei klickstarter.com, beispielsweise bei dem projekt errors of the human body. von solchen möglichkeiten mal abgesehen, gibt es in deutschland wohl kaum einen produzenten, der nicht einen investor mit handkuss empfangen würde.. beste grüße mike d.
mitbestimmender wähler 25.02.2011
5. Neuer Hype
Ja klar. Nach dem Sonnen-Windkraft Hype wird was neues gesucht um zu vermarkten und mit Zockermethoden an den Kleinanleger zu bringen. Nun ob die künstlerisch Filmschaffenden da mitziehen, wohl kaum
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