Film-Investments Wie Hollywood für die Wall Street zum Kassengift wurde

Lange war die Wall Street in Hollywood verliebt. Hedgefonds, Private-Equity-Firmen und Großbanken investierten Millionen in die Traumfabrik, in der Hoffnung auf hohe Rendite. Doch teure Flops und die Kreditkrise haben die Beziehung zerstört - aufgebrachte Investoren verlangen nun ihr Geld zurück.

Aus Los Angeles berichtet


Los Angeles - Die Investmentbanker von Merrill Lynch hatten große Hollywood-Hoffnungen. Eine halbe Milliarde Dollar investierten sie in United Artists (UA), das legendäre Filmstudio Charlie Chaplins, das 2006 von Tom Cruise wiederbelebt wurde. Mit dem Wall-Street-Geld sollte UA, als Tochter von Metro-Goldwyn-Mayer, eine ganze Reihe Filme finanzieren - und Merrill Lynch Chart zeigen hoffte auf viel Gewinn.

Hollywood strahlt über Los Angeles: Traumhochzeit zwischen Hochfinanz und Kinowelt bringt nicht den erhofften Profit
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Hollywood strahlt über Los Angeles: Traumhochzeit zwischen Hochfinanz und Kinowelt bringt nicht den erhofften Profit

Der erste Streifen dieser Co-Produktion von Hochfinanz und Hollywood war "Von Löwen und Lämmern", ein Politik-Drama über den Afghanistan-Krieg. Der wurde voriges Jahr mit großer Starbesetzung in die Kinos bebracht: Meryl Streep, Robert Redford und Cruise spielten die Hauptrollen, Redford führte Regie, Cruise und Redford agierten außerdem als Produzenten.

Geholfen hat es allerdings nichts: "Von Löwen und Lämmern" war der größte Flop in Cruises Karriere. Die Kritik mochte den Film nicht, das Publikum ebenso wenig: Er spielte nur einen Bruchteil seiner Kosten von 35 Millionen Dollar ein. Das Branchenblatt "Variety" schätzt, dass er UA - und damit auch Merrill Lynch - am Ende rund 25 Millionen Dollar kostete.

Kein Wunder, dass sich die Liebesgeschichte zwischen der Wall Street und Hollywood in letzter Zeit spürbar abgekühlt hat. Vor kurzem noch waren die Banker aus der Kapitale des Mammons vom Glamour der Traumfabrik betört, Hedgefonds und Private-Equity-Firmen rissen sich darum, bei den Studios finanziell den Fuß in die Tür zu kriegen.

Die Filmambitionen von Goldman Sachs

In enormen, doch meist diskret verhandelten Milliarden-Deals verbandelten sich Banken und Fonds mit den Produzenten, um Risiken und Profite des immer teureren Filmgeschäfts zu teilen. Die Aussichten waren gut: Die Wall Street half, ganze Film-Pakete zu schnüren, und hoffte, jahrelang abzukassieren. Unter anderem durch den Umsatz aus TV- und DVD-Verkäufen. Manche träumten von 18 Prozent Rendite oder mehr. Die Studios dagegen hofften, ihr unaufhaltsam wachsendes Risiko auf die Wall Street abwälzen zu können.

Mehr als 13 Milliarden Dollar investierten die Finanzfirmen bisher in rund 150 Filme. Allein Citigroup Chart zeigen verpflichtete sich, über die nächsten fünf Jahre 45 Filme für mehrere Hollywood-Studios zu finanzieren. Goldman Sachs Chart zeigen gab den Produzentenbrüdern Bob und Harvey Weinstein 285 Millionen Dollar, um 31 Filme "mit asiatischer Thematik" zu drehen.

Kinoschlager wie "Mission: Impossible II", "Flags of Our Fathers" und "Flightplan" entstanden mit Hedgefonds-Geldern. Selbst die älteste Stimme Hollywoods, der 1930 gegründete "Hollywood Reporter", verkaufte sich an ein New Yorker Konsortium, angeführt vom Private-Equity-Riesen Blackstone Chart zeigen.

Das schmutzige Geheimnis

Doch jetzt stecken die Zweckehen in der Krise. "Der Glanz ist verblasst", attestiert die "Los Angeles Times". Viele der gemeinsamen Filmprojekte entpuppten sich als Minusgeschäfte, vor allem für die Geldgeber aus New York. Auch der DVD-Boom verlangsamte sich, von neunstelligen Verlusten ist die Rede. Neue Deals bleiben seither aus - erst recht, seit die Kreditkrise die Wall Street beutelt und die Banken in die Rezession rutschen. Hollywood wird für die Investoren zum Kassengift, buchstäblich.

Offiziell halten sich die meisten Beteiligten bisher bedeckt; Zahlen werden nicht bekannt gegeben. Fest steht, dass die Wall Street in den vergangenen drei Jahren manche Kino-Niete mitfinanzierte. Darunter die Bibelkomödie "Evan Allmächtig", den Sex-Thriller "Basic Instinct 2", die Politik-Parabel "Das Spiel der Macht", Brian De Palmas Realkrimi "The Black Daliah" und Wolfgang Petersons Schiffsuntergangsdrama "Poseidon".

"Das schmutzige Geheimnis ist, dass einige dieser Filmpakete nicht ganz so gut gelaufen sind", sagte der Anwalt John Burke, ein Spezialist für Filmfinanzierung, dem "Hollywood Reporter". "Viele Investoren legen nun eine Pause ein." Die Subprime-Kreditkrise habe die "Nervosität bei den Banken" nur noch verstärkt und schrecke diese von neuen Hollywood-Engagements ab. Ein Kollege fügte anonym hinzu, die meisten der Milliardenprojekte hätten "negativ" abgeschlossen.

Aufgebrachte Investoren verlangen deshalb ihr Geld zurück. Die Finanzierung vieler Projekte ist deshalb nachträglich umstrukturiert worden - zu Gunsten der Wall Street. So übernahm Sony Chart zeigen, das "Das Spiel der Macht" produziert hatte, nach Branchenberichten bis zu 45 Millionen Dollar an zusätzlichen Marketingkosten, die ursprünglich von den Finanziers getragen werden sollten. Warner Brothers reduzierte seine Vertriebsgebühr von 15 Prozent des Einspielergebnisses auf 12,5 und schließlich auf 10,5 Prozent.

Schon lockt eine neue Braut

"Viele der Investoren, die sich in den letzten 24 Monaten in die Filmindustrie gewagt haben, sehen plötzlich die Realitäten", beschreibt Eileen Burke, Direktorin der Investmentfirma D.B. Zwirn & Co, in der "Los Angeles Times" die Ernüchterung der Wall-Street-Filmfans. "Sie werden entweder nicht weiter investieren oder auf einer besseren Interessenverteilung beharren."

Eine Scheidung von Wall Street und Hollywood wird es wohl trotzdem nicht geben. "Sie brauchen einander", sagt ein Investor aus Los Angeles. "Die Studios haben einen enormen Kapitalbedarf und die Hedgefonds haben enormes Kapital. Auf lange Sicht werden sie etwas ausbaldowern, das für alle funktioniert." Zum Beispiel: bessere Filme zu machen.

Doch Hollywood hat sein geldgieriges Auge längst auf eine andere Braut geworfen. Ende vorigen Jahres ging Warner Brothers (WB) ein Joint Venture mit Abu Dhabi ein, das nicht nur einen WB-Vergnügungspark samt Luxushotel in dem Emirat vorsieht, sondern auch die gemeinsame Finanzierung und Produktion von "Filmen mit Massenanreiz".



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