Finale im Mannesmann-Prozess Der Pyrrhus-Freispruch und die zornige Richterin

Die Staatsanwälte im Mannesmann-Prozess haben sich blamiert - sämtliche Angeklagten wurden freigesprochen. Josef Ackermann aber kann nach dem Urteil nicht triumphieren: Neben einem Imageschaden bleibt der Befund, der Deutschbanker habe gegen das Aktienrecht verstoßen.

Von , Düsseldorf


Ex-Angeklagter Ackermann: Arrogante Gesten peinlichst vermieden
AP

Ex-Angeklagter Ackermann: Arrogante Gesten peinlichst vermieden

Düsseldorf - Um 11.35 Uhr an diesem Vormittag ist es beim Stab der Deutschen Bank vorbei mit allen Anflügen von Triumphgefühl. Drei Männer aus dem Kommunikationsteam der Bank haben sich hinten im Schwurgerichtssaal L111 unter die Zuhörer gemengt, sie tuscheln miteinander. Alle paar Minuten kommentieren sie den einen oder anderen Satz der Richterin Brigitte Koppenhöfer, die vorne sitzt und ihr Urteil begründet.

"Eine Ohrfeige für die Staatsanwälte" - so oder ähnlich klingen die Flüstersätze der Deutschbanker, bis um fünf nach halb zwölf. Das ist die Minute, in der die Vorsitzende den Satz vorträgt: "Die Gewährung der Anerkennungsprämie steht nicht im Einklang mit dem Aktiengesetz."

Die Stimmung im Saal L111 kippt. Spätestens jetzt ist klar: Josef Ackermann und die fünf anderen Angeklagten sind zwar freigesprochen nach 24 Wochen, 37 Verhandlungstagen, 55 Zeugenaussagen im Mannesmann-Prozess - doch es ist ein Freispruch mit Schönheitsfehlern. Einer der Deutschbanker sagt über Koppenhöfer: "Das hätte ich nicht erwartet, dass sie daran mit dieser Härte festhält."

Josef Ackermanns Nachdenkminuten

Die meisten Fotos, die an diesem 22. Juli 2004 vom Chef der drei Männer aufgenommen werden, zeigen ihn trotzdem mit einem Lächeln. Keine Skandalgesten wie beim Prozessauftakt im Januar, einfach ein Damit-kann-ich-gut-leben-Gesicht. "Ein Freispruch ist ein Freispruch", hat Josef Ackermann nach dem Urteil in die Mikrofone diktiert.

Er braucht sechs, sieben Minuten, bis er sich durchgerungen hat zu dieser Erkenntnis. Die Angeklagten Klaus Zwickel, Joachim Funk, Jürgen Ladberg - sie alle haben L111 schon verlassen. Ackermann lässt die TV-Reporter vor dem Saal warten, zögert. Wahrscheinlich wohl, dass er mit Klaus Volk und Eberhard Kempf, seinen Staranwälten, noch den Wortlaut des Statements durchdekliniert.

Richterin Koppenhöfer: "Nicht im Unternehmensinteresse"
DPA

Richterin Koppenhöfer: "Nicht im Unternehmensinteresse"

210 Minuten - so lange hatte Koppenhöfer ihr Urteil erläutert. Zwei Pausen hat sie dabei gemacht. Eine Ein-Liter-Karaffe mit Wasser steht neben ihr, als sie die Übernahmeschlacht um Mannesmann in den Wochen der Jahrtausendwende schildert, als sie vom Angriff des Mobilfunkers Vodafone spricht, von Verhandlungen in der Nacht und von den Prämien und Abfindungen für Klaus Esser und andere Top-Mannesmänner - alles summierte sich auf 111 Millionen Mark. 60 Millionen davon erhielt Esser.

Esser quasi "doppelt bezahlt"

Dreieinhalb Stunden also, in denen Koppenhöfer ausführte, warum die Angeklagten nach Ansicht des Gerichts nicht schuldig sind im Sinne des Untreueparagraphen 266 des Strafgesetzbuches - warum Ackermann, Zwickel und Funk aber Aktienrecht verletzten. Die Prämie von zehn Millionen Pfund etwa, die die Präsiden im Mannesmann-Aufsichtsrat für Esser beschlossen, war "nicht im Unternehmensinteresse", sagt die Vorsitzende. Esser habe ja schon seine regulären Abfindungen in Höhe von 30 Millionen Mark gehabt, die ihm laut Vertrag zustanden. Durch die Prämie sei er dann quasi "doppelt bezahlt worden".

Besonders gravierend sei der Fall Funk: Auch dem damaligen Chef des Aufsichtsrates wurde eine Prämie von zuletzt drei Millionen Euro gewährt - im ersten Anlauf stimmte Funk gar selbst noch dafür. Ackermann votierte mit Ja, Zwickel enthielt sich - und machte die Auszahlung damit erst möglich. Der Vorgang sei nicht nur aktienrechtswidrig, sondern gar eine "gravierende Pflichtverletzung". An einem Schuldspruch schrammten Ackermann und Zwickel in diesem Punkt nur vorbei, weil sie selbst sich im Recht wähnten - und damals durch den Aktienrechtler Gerd Krieger bestätigt wurden.

Koppenhöfer hatte ein "ganz persönliches" Fazit vor die Begründung des Urteils gesetzt. Mit Briefen habe sie gerechnet, als sie den Prozess begann, "mit Schmähbriefen sogar - mit Telefonterror jedoch nicht". Zu oft sei der Prozess auf Stammtischniveau diskutiert worden. Politiker hätten "ganz neue Straftatbestände erfunden wie Sauerei, Schweinerei, Perversion". Rechtsprofessoren hätten "so genannte Gutachten" verfasst, ohne Kenntnis der Akten. Auch an die Staatsanwälte richtet sich die Richterin: Sie hätten versucht, die Presse zu instrumentalisieren. Das habe sie doch überrascht.

"Man darf nicht alles unterstellen"

Oberstaatsanwalt Joachim Puls sitzt in einer der Pausen allein am Tisch, seine Kollegen sind beide nach draußen gegangen. Im weißen Hemd, schmächtig, vornüber gebeugt, hockt der Chef des Anklägertrios da, er trommelt mit den Fingern. Drei Jahre Ermittlungen, 460 Seiten Anklageschrift, ein neunstündiges Plädoyer - Puls, Lothar Schroeter, Dirk Negenborn und ihr Stab haben sich titanisch bemüht und doch nichts vollbracht. Ihre These von der Käuflichkeit Essers - für Koppenhöfer nur Spekulation. "Man muss Angeklagten nicht alles glauben", hatte sie in ihrem Vorwort gesagt, "aber man darf ihnen auch nicht alles unterstellen."

Der aktienrechtliche Befund Koppenhöfers wird wohl keine rechtlichen Folgen haben: Nur eine einzige Partei wäre berechtigt, Schadenersatz von Ackermann, Zwickel und Funk zu fordern: Vodafone. Der Ex-Chef des Konzerns, Sir Christopher Gent, hatte aber noch im März bei einem Auftritt als Zeuge für Essers "große unternehmerische Leistung" geschwärmt.

Rein theoretisch könnte die Bankenaufsicht nun prüfen, ob sie Ackermanns Lizenz aberkennt. Das gilt als wenig wahrscheinlich - und könnte ohnehin wohl nicht vor 2007 passieren, falls die Staatsanwaltschaft in Revision geht. Ob sie das tut oder nicht - darauf wollte sich eine Sprecherin kurz nach dem Urteil nicht festlegen: "Wir prüfen das."

"Die Rufschädigung, die eingetreten war"

Zwei Sätze treffen die Lage nach dem Ende des Mannesmann-Prozesses. Der eine stammt aus dem Schlusswort, das Joachim Funk vergangene Woche im L111 sprach. "Was bleibt", erkannte er, "ist die persönliche Beschädigung in der Öffentlichkeit." Das gilt vor allem für ihn, für Esser und Ackermann - mag Esser noch so oft frohlocken, nach dem Freispruch sei die Basis für die "Rufschädigung, die eingetreten war", nicht mehr gegeben.

Der zweite Satz stammt aus einem Interview, das Zwickels Anwalt Rainer Hamm kurz vor dem Urteilstag gab. Hamm sagte, das Strafrecht sei das falsche Instrument, um moralische Fragen wie die Höhe von Managerbezügen zu klären. Aber er weiß auch um den Ärger, den die Millionensummen bei vielen Menschen mit 2000-Euro-Gehalt wachriefen.

Hamm gestand ein: "Nur wenige Laien werden die Begründung eines Freispruchs verstehen."

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