Finanzberater: Der dubiose Guru von Kulmbach

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Der fränkische Finanzberater Bernd Förtsch gehört zu denjenigen, die selbst dann noch Geld verdienen, wenn die Kurse mal wieder in den Keller rauschen. Eine der Einnahmequellen ist eine Börsenhotline, auf der er simpelste Weisheiten verbreitet - eine Art Horoskop für gestresste Kleinanleger.

Binsenweisheiten für 1,86 Euro pro Minute: Anlageberater Förtsch

Binsenweisheiten für 1,86 Euro pro Minute: Anlageberater Förtsch

Hamburg - "Natürlich ist das kein guter Morgen, aber ich sehe, da kommt ein wenig Hoffnung durch." Die Sätze kommen schnell gesprochen, im Stakkato, wie von einem, der nicht viel Zeit hat oder die seiner Zuhörer nicht verschwenden will. "Ich würde eher von einem Kollaps sprechen, weniger von einem Crash." Weiter, schnell die Fakten präsentieren: "Es wird wieder aufwärts gehen, vielleicht nicht heute, aber in ein bis zwei Wochen" - das ist Salbe auf den Wunden der Anlegerseele.

Beruhigung war dringend nötig an diesem 26. Juni. In der Nacht hatte der Telekommunikationskonzern WorldCom Bilanzmanipulationen im Wert von rund 3,85 Milliarden Dollar eingestanden und damit die Kurse an der Wall Street zum Absturz gebracht. Zur Eröffnung des Handels in Frankfurt gab es dann auch für den Dax kein Halten mehr. In Panik verschacherten viele Anleger, was sie im Angebot hatten.

Nur ganz wenige Leute bewiesen an diesem denkwürdigen Mittwoch Nervenkraft. Der Kulmbacher Bernd Förtsch war einer von ihnen. Auch eine volatile Börse dürfe einen nicht aus der Ruhe bringen, sagt der Anlageprofi mit demonstrativer Gelassenheit: "Gerade in solchen Zeiten ergeben sich exorbitante Chancen." Jetzt sei es nötig, erklärt er weiter, mit kühlem Kopf zu analysieren, welche Werte Potential hätten.

Die Ergebnisse seiner Analyse verkauft Förtsch seinen Zuhörern auf einer Hotline, für ganze 1,86 Euro pro Minute. Genau 12 Minuten und 44 Sekunden verliest er an diesem Mittwoch seine Börsenweisheiten - jeder Anrufer, der bis zum Ende aushält, wird ihm dafür 23,14 Euro überweisen.

In der Branche gehört der Franke zu schillerndsten Erscheinungen - er ist einer jener zweifelhaften Gurus, die im Zuge des Börsenrauschs am Neuen Markt Millionen verdient haben. Förtsch fungiert als Berater mehrerer Fonds, mit denen er in seinen Blütezeiten Milliarden bewegte. Als Chef der Börsenmedien AG gibt er gleichzeitig das Anlegermagazin "Der Aktionär" sowie einige Börsenbriefe ("Neuer Markt Inside", "Biotech-Report") heraus. Zudem ist Förtsch an der Firma Finance Communications beteiligt, die mehrere Börsen-Hotlines betreibt.

Fast wie einer von der Telefonseelsorge

Mit seinem Service wolle er, Förtsch, den ratlosen Kleinanlegern selbst zu den Zeiten eine Anlaufstelle bieten, in denen sich der Berater in der Kreissparkasse längst hinter das Dauerbesetztzeichen seines Telefons zurückgezogen hat, formuliert er sein Selbstverständnis und klingt fast wie einer von der Telefonseelsorge. Er ordne das für den Laien unverständliche Auf und Ab einzelner Kurse in einen größeren Zusammenhang ein, gebe Tipps zum Kauf und Verkauf von Aktien und zeige auf, welche Strategie die besten Gewinnchancen verspreche.

Die Masche funktioniert. Selbst in Zeiten, in denen es weniger darum geht, welche Werte man kaufen soll, als vielmehr um die Frage, wie man möglichst mit heiler Haut aus der Sache herauskommt, ist die Zahl der Anrufer nicht geringer geworden, wenn man Förtsch glaubt. Über deren Anzahl schweigt er sich allerdings aus.

Das Geschäft mit der Hotline an sich dürfte also schon recht einträglich sein. Denn die Investitionen halten sich in Grenzen. Für die technische Ausrüstung zum Beispiel genügt ein handelsübliches Tonband, hinzu kommen die Gebühren für die 0190-er-Nummer. Den größten Posten dürfte die Werbung ausmachen, etwa auf den Videotext-Seiten von n-tv, auf denen Förtsch und seine Konkurrenten mit großen Ziffern auf königsblauem Grund die Nummern ihrer Hotlines verbreiten - etwa nach dem Motto "Börsensturz, was ist jetzt zu tun".

Viel größer noch ist das Geschäft, das viele seiner Kritiker dahinter vermuten. Hartnäckig hält sich der Verdacht, dass Förtsch seine Hotlines ein ums andere Mal benutzt hat, um Kurse zu nach oben zu treiben. Zu seinen einstigen Kurslieblingen zählte zum Beispiel der spätere Pleitewert Infomatec, der Biotechnik-Aktie Morphosys prophezeite er in der Sendung "3Sat-Börse" in breitestem Fränkisch das Kursziel "Dausend Euro". Bei Spöttern brachte ihm das den Spitznamen "Mr.-Dausend-Prozent" ein. Dass die Aktie eine Zeit lang alle Anstalten machte, diese ehrgeizige Marke zu erreichen, hatte nach Einschätzung vieler Experten nur damit zu tun, dass Förtsch gleichzeitig als Journalist und Fondsmanager die Trommel für diese Werte rührte.

ComRoad war Förtschs "Aktie des Jahrtausends"

Auch die im Nemax 50 notierte Skandalfirma ComRoad , deren Umsätze sich zum großen Teil als Luftnummern erwiesen haben, gehörte zu den Lieblingsaktien von Bernd Förtsch. Im "Aktionär" und zahlreichen Publikationen, Hotlines und Fax-Abrufen empfahl er die Aktie immer wieder zum Kauf. "Der Aktionär" hatte ComRoad Mitte Dezember 1999 gar zu den "besten Aktien für das nächste Jahrtausend" gewählt.

Juristen streiten, ob das Kaufen, Hochjubeln und Abstoßen von Aktien, das so genannte Skalping, strafbar ist. Das Nachsehen haben dabei jene Anleger, die Empfehlungen folgen, wenn die Tippgeber bereits verkaufen. "Strafrechtlich relevant ist das nur, wenn der Tipp mit falschen Tatsachenbehauptungen unterfüttert wird", sagt Harald Petersen von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre. Zwei Verfahren verliefen bereits mit ähnlichen Begründungen im Sande: Bei Förtsch stellten die Staatsanwälte die Ermittlungen ein. Gegen seinen ebenso schillernden Counterpart, Egbert Prior, der bei "3Sat-Börse" Aktien in den Himmel lobte, die er zuvor selbst gekauft hatte, wurde Anklage erhoben, aber kein Verfahren eröffnet.

Jene, die frühzeitig auf Kleinstwerte wie Infomatec, Gigabell, oder eben Informatec setzten und dann rechtzeitig ausstiegen, ficht das nicht an. Sie richten ihren Blick gen Kulmbach, wenn sie wieder ein paar Märker übrig haben. Geheilt sein dürften diejenigen, die den Absprung verpasst haben und nun auf einem Haufen fast wertloser Papiere sitzen.

Für ihre 23,14 Euro erfahren die aufgeregten Anrufer an diesem Mittwoch weniger Brisantes, sondern eher Binsenweisheiten: etwa dass "Börsen dazu neigen, langsam zu steigen", oder dass "der zu erwartende Anstieg des Dollar auch die Energiepreise mitziehen wird." (Gut, dass Förtsch darauf aufmerksam macht, dass der Energiepreis so eng mit der Entwicklung des Dollar zusammenhängt).

Zwischendurch wird Förtsch auch ein wenig konkreter. WorldCom-Chef Bernie Ebbers und seine Wirtschaftsprüfer hätten mit ihren kriminellen Methoden dem Image der Unternehmen erheblichen Schaden zugefügt. Das werde sich auch auf die Märkte auswirken. Ein Konkurs von WorldCom selbst werde sich dagegen kaum auf den Markt auswirken, denn der Wert selbst sei ohnehin nur noch ein Pennystock gewesen. Dann noch ein paar Tipps, schnell, denn die Zeit der Anrufer ist kostbar. Am Neuen Markt sei erst einmal auf längere Sicht nichts mehr zu holen, warnt der Experte. "Ich rate Ihnen zu Substanzwerten, wie DaimlerChrysler oder Allianz. Risikobewusste sollten Papiere der Deutschen Telekom in ihr Portfolio aufnehmen. Die ist im Moment billig."

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