Finanzdebakel Notenbanken-Allianz kämpft verzweifelt um Vertrauen

Sechs Notenbanken haben in einer historischen Aktion die Zinsen gemeinsam gesenkt. Doch Ökonomen reagieren skeptisch. Der Beschluss sei vor allem symbolisch zu verstehen - an den eigentlichen Problemen auf den Märkten ändert er nichts.

Von , Frankfurt am Main


Die Symbolkraft ist kaum zu überbieten: In einem Überraschungscoup senkten die Europäische Zentralbank (EZB), die amerikanische Federal Reserve Bank sowie die Notenbanken Großbritanniens, der Schweiz, Schwedens und Kanadas am Mittwoch ihre Leitzinsen. Auch die chinesische Zentralbank nahm erstmals an einer international koordinierten Aktion teil.

EZB-Chef Trichet: Erste Zinssenkung seit mehr als fünf Jahren
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EZB-Chef Trichet: Erste Zinssenkung seit mehr als fünf Jahren

Für die EZB war es die erste Zinssenkung seit mehr als fünf Jahren - und die erste gemeinsame Aktion mit der US-Notenbank seit der Krise nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. "Es galt, entschlossen zu handeln angesichts der jüngsten Zuspitzung der Turbulenzen an den Finanzmärkten", erklärte Bundesbankchef Axel Weber.

Experten allerdings reagieren wenig begeistert. "Man kann davon jetzt keine riesigen Effekte erwarten, auch wenn das ein positives Signal ist", sagt etwa Axel Dreher, Wirtschaftsprofessor an der Universität Göttingen. Auch Rainer Sartoris, Analyst bei HSBC Trinkaus, glaubt nur an einen kurzfristigen "Aufwärtsimpuls" an den Märkten.

Mit der Senkung des Leitzinses - zu dem sich Banken ihr Geld bei der Zentralbank ausleihen - wollen die Währungshüter offensichtlich die kriselnde Wirtschaft ankurbeln, glauben Experten. "Die Notenbanken hatten offenbar Angst, dass eine Abwärtsspirale in Gang kommt", sagt HSBC-Experte Sartoris.

In den vergangenen Tagen sind weltweit die Börsenkurse auf Tiefststände gesackt. Nun geht es darum, noch schlimmere Auswirkungen der Bankenkrise auf die Realwirtschaft zu verhindern. Der Hintergedanke: Normalerweise reichen die Geldinstitute die verbesserten Zinskonditionen an die Kunden weiter, so wird Geld für Investitionen frei.

Doch das eigentliche Problem der Krise können die Notenbanken nicht lösen: Das Vertrauen ist weg. Die Finanzkonzerne leihen sich gegenseitig kein Geld mehr - so versiegt ein Fluss, der für das Tagesgeschäft der Geldinstitute überlebensnotwendig ist. "Es ist kein Vertrauen mehr da, in niemanden", zitiert das "Handelsblatt" einen Banker in Frankfurt, der nicht genannt werden will. "Wenn wir so weitermachen, dann schießen wir uns alle gegenseitig über den Haufen."

Richtig dramatisch wird es dann, wenn Unternehmen außerhalb des Finanzsektors keine Kredite mehr bekommen. In den USA ist es bereits so weit - ob Deutschland ebenfalls schon am Rande einer solchen Kreditklemme steht, darüber wird derzeit heftig gestritten.

Bislang versuchten die Notenbanken, den Geldkreislauf weltweit wieder in Gang zu setzen, indem sie selbst immer wieder Hunderte Milliarden in die Märkte pumpten. Doch die Institute geben das kurzfristig gewährte Geld nicht im großen Stil weiter. Statt dass sie selbst wieder Kredite vergeben und so auch Investitionen möglich machen, kommt es mitunter zu absurden Kreisläufen: "Die Banken sind dazu übergegangen, ihre Überschüsse lieber bei der Notenbank anzulegen als auf dem Markt, obwohl der Zins niedriger ist", sagt Gerd Häusler, der früher beim Internationalen Währungsfonds für den Kapitalmarkt zuständig war.

Mit der nun beschlossenen Senkung der Leitzinsen könnten die Notenbanken die Kapitaldecke der angeschlagenen Banken möglicherweise etwas stärken, sagt Stefan Kooths vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Wenn die Banken die Zinssenkung nicht ganz weitergeben, steigt ihr Zinsüberschuss." Doch selbst wenn dies ein Hintergedanke der Notenbanker ist und die Strategie aufgeht, wird der Effekt begrenzt sein, glaubt Kooths. Und den Geldfluss unter den Banken werden die Notenbanker so kaum anheizen können.

Kooths sieht die gemeinsame Aktion noch aus einem anderen Grund kritisch: Der Ruf der Bürger nach internationalen Antworten auf die Krise sei laut - "aber globale Probleme löst man nicht unbedingt am besten mit globalen Antworten." In diesem Fall etwa sei eine Zinssenkung in der EU durchaus sinnvoll, "weil die Inflationsrisiken geringer geworden sind", sagt er. "Aber in den USA hätten wir von einer Zinssenkung abgeraten." Eine Abstimmung der Vorgehensweisen sei sicher sinnvoll - "aber deshalb muss es ja nicht für alle die gleichen Regeln geben."

Finanzexperte Dreher hofft trotzdem auf die psychologische Wirkung der Maßnahme: "Vertrauen ist der Schlüssel", sagt er. "Die Verbraucher sollen das Gefühl bekommen, dass etwas getan wird." Wesentlich kritischer dagegen sieht Heribert Dieter, von der Stiftung Wissenschaft und Politik die Aktion: "Da können sie die Zinsen auf Null senken, das hilft nichts", sagt er. "Im Gegenteil: Man könnte den Eindruck bekommen, die Panik sei schon auf die Notenbanken übergeschwappt."



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