Finanzierungsprobleme Dax-Konzern Hypo Real Estate kämpft ums Überleben

Erstmals bedroht das globale Finanzbeben einen Dax-Konzern: Die Münchner Hypo Real Estate kämpft mit akuten Liquiditätsproblemen - Banken und Börsenaufsicht ringen verzweifelt um ihre Rettung. An der Börse hat die HRE-Aktie schon deutlich verloren.


Hamburg - Die IKB geriet in die Schieflage, die KfW litt mit - bisher aber hat die Bankenkrise keinen Konzern aus dem deutschen Dax 30 ernsthaft erwischt. Das könnte sich nun ändern: Aufgrund von massiven Liquiditätsproblemen drohe dem Münchner Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate Chart zeigen der Kollaps, berichtet die "Financial Times Deutschland". Auch die Nachrichtenagentur Reuters berichet, HRE versuche, einen Liquiditätsengpass zu vermeiden.

HRE-Logo in München: "Alle sind in sehr großer Sorge"
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HRE-Logo in München: "Alle sind in sehr großer Sorge"

Das Institut sucht gemeinsam mit anderen Geschäftsbanken, den Aufsichtsbehörden und dem Bundesfinanzministerium fieberhaft nach Lösungen, so Reuters unter Berufung auf mehrere Quellen. Eine Möglichkeit, über die diskutiert werde, sei der Verkauf von Vermögenswerten wie etwa milliardenschwerer Kreditforderungen.

HRE wollte auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage am Abend keine Stellungnahme abgeben. Laut "FTD" wollte auch die Finanzaufsicht BaFin, die an den Gesprächen beteiligt sein, keinen Kommentar abgeben. Auch des Finanzministerium und die Bundesbank wollten sich Reuters gebenüber nicht äußern.

Mit HRE droht erstmals ein Dax-Konzern tief in den Strudel der seit mehr als einem Jahr währenden Finanzkrise zu geraten. "Das Unternehmen hat sehr, sehr ernsthafte Probleme", sagte eine Person mit direkter Kenntnis von der Lage. "Alle sind in sehr großer Sorge."

In intensiven Gesprächen versuchten Banken, Bankenaufsicht und Finanzministerium seit Tagen eine Lösung zu finden. Noch gebe es diese aber nicht, ergänzte die Person. "Noch in der Nacht zu Montag sind weitere Verhandlungen auf höchster Ebene geplant", sagte ein weiterer Eingeweihter.

Laut Finanzkreisen wird erwartet, dass HRE sich am Montag vor Börseneröffnung um 9 Uhr äußert. Am Freitag war die Aktie von Hypo Real Estate nach den Unsicherheiten um das US-Rettungspaket und dem Zusammenbruch der US-Sparkasse Washington Mutual um 9,77 Prozent auf 13,49 Euro eingebrochen. Die HRE-Aktie war damit der größte Verlierer im Dax.

Die Hypo Real Estate ist seit der gut fünf Milliarden Euro schweren Übernahme der Depfa Bank im Herbst auch ein bedeutender Staatsfinanzierer. Sie ist stärker als andere Institute von der Refinanzierung am Interbankenmarkt abhängig, da sie keine Kundeneinlagen hat.

HRE hatte die Depfa im Sommer 2007 übernommen. Das fünf Milliarden Euro schwere Geschäft wurde damals als Überraschungscoup gefeiert. Die Depfa hat sich für Langfristprojekte, für die er Geld verliehen hat, extrem kurzfristig refinanziert - was wegen des Misstrauens an den Märkten inzwischen nicht mehr möglich ist.

"Der Markt für die Depfa ist tot", heißt es dem Bericht zufolge in Finanzkreisen. Für die Refinanzierung muss nun die Hypo einstehen. Nach "FTD"-Informationen geht es um einen zweistelligen Milliardenbetrag. Es sei derzeit unwahrscheinlich, dass die HRE diese Summe stemmen kann.

Mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers vor zwei Wochen ist die Kreditvergabe zwischen den Instituten wieder weitgehend eingetrocknet, da die Banken ihre Liquidität horten.

Die Hypo Real Estate braucht jährlich für einen großen Teil - rund 50 Milliarden Euro - des Kreditportfolios der Depfa kurzfristige Mittel zur Refinanzierung.

Entscheidender Stichtag, zumindest für einen Teil dieser Summe sei das Quartalsende am Dienstag, sagte eine eingeweihte Person. Sollte es der Bank nicht gelingen, sich beispielsweise über Verkäufe von Vermögenswerten das Geld zu beschaffen, sei sie auf Hilfen etwa von der Zentralbank oder dem Staat angewiesen, berichtete ein Insider. In den USA hatte die Regierung zuletzt zahlreiche Banken vor dem Kollaps retten müssen.

tno/itz/Reuters/AFP/dpa/dpa-AFX



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