Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Finanzkrise als Kartenspiel: Mau-Mau mit Investmentbankern

Von

Jetzt kann jeder mit den Bankern zocken: Mit dem Kartenspiel Crunch macht der Brite Andrew Sheerin die Finanzkrise zum Familienvergnügen. Für den Satiriker ist der Niedergang vor allem ein Spaß - wie schon bei seinem legendären Brettspiel War on Terror.

Als in London und New York die ersten Banken abzusaufen begannen, hatte Andrew Sheerin ganz andere Probleme. Der Webdesigner aus Cambridge war mit seiner persönlichen Finanzkrise beschäftigt: Für einen fünfstelligen Pfundbetrag hatte er Kopien des satirischen Brettspiels War On Terror produzieren lassen. In der Kreuzung aus Risiko und Monopoly müssen Spieler die Welt befreien, Terroristen wegbomben und sich Ölfelder unter den Nagel reißen. Nicht alle fanden das lustig - und Sheerin drohte, auf sehr vielen Pappkartons sitzen zu bleiben. "Der Handel boykottierte uns", erinnert er sich. "HMV, Zavvi, Virgin - keiner wollte es verkaufen".

Zu Hilfe eilte dem Engländer ausgerechnet die britische Polizei. Bei einer Razzia in Kent konfiszierten Beamte im August 2008 eine Kopie von War On Terror - weil die Box neben Karten und Spielsteinen auch eine schwarze Sturmhaube mit der Aufschrift "EVIL" enthält. "Das war total lächerlich. Aber es war auch gute Publicity", sagt Sheerin. Zeitungen aus aller Welt berichteten über den Vorfall, und Sheerins Problem war nun, die sprunghaft gestiegene Nachfrage zu bedienen.

Während der Kleinstverlag Terrobull Games florierte, lief es anderswo in Großbritannien nicht so gut. Northern Rock ging in die Knie. Die Royal Bank of Scotland brauchte staatliche Unterstützung. Und in der von Cambride rund hundert Kilometer entfernten Londoner City packten die Investmentbanker ihre Kisten und räumten die Schreibtische.

Da dämmerte Sheerin, dass er das Thema für sein nächstes Spiel gefunden hatte.

Kredite vergeben und Geld veruntreuen

Im Kartenspiel Crunch übernehmen die Teilnehmer die Rolle von Bankvorständen - oder, wie es der Designer formuliert, "reichen gierigen Bastarden". Jeder Spieler muss Kredite vergeben und Zinsen kassieren - ohne dem gefürchteten Credit Crunch anheimzufallen. Gleichzeitig ist es die vornehmste Aufgabe jedes Bankbosses, so viel Geld wie möglich zu veruntreuen und sich die eigenen Taschen ordentlich zu füllen. Im Spiel geschieht dies, indem man Vermögenskarten verschwinden lässt, ohne dass die anderen Spieler es merken. Sheerin: "Leute mit geschickten Fingern sind da klar im Vorteil".

Verkauft werden soll Crunch vor allem über das Internet - denn der 33-jährige Kleinverleger möchte seinen "Kampf gegen den britischen Einzelhandel" ungern erneut durchfechten. Gerne würde er sein Produkt auch auf Messen wie der Spiel 2009 in Essen präsentieren, "aber da haben wir Hausverbot".

Die Hysterie mutet etwas seltsam an, denn eigentlich stehen Sheerins Produkte in einer langen Tradition satirischer Gesellschaftsspiele. Seit Jahren erfreut sich beispielsweise Junta großer Popularität. In dem Brettspiel verkörpern Teilnehmer die Minister einer südamerikanischen Kleptokratie und müssen die mit Entwicklungsgeldern gefüllte Staatskasse plündern. Beliebt sind auch Grass, eine Art Drogendealer-Canasta sowie Nuclear War: Bei dieser Monopoly-Variante gibt es keine Geldscheine, sonder Populationskarten ("10 Millionen Menschen"). Wessen Bevölkerung komplett im atomaren Feuer verdampft, der hat verloren.

Kein Mitleid für die Bankster

Sheerins Erstlingswerk War on Terror hat sich bislang 13.000 Mal verkauft. "Für ein Brettspiel eines so kleinen Verlags ist das erstaunlich gut", sagt Holger Willert, Geschäftsführer des auf Importe spezialisierten Spieleladens Fantasy En'counter in Essen. Crunch habe gute Chancen, ein weiterer Independent-Schlager zu werden.

Das Kartenspiel erscheint passenderweise am 1. April. Eine Testversion war noch nicht verfügbar, doch die Illustrationen sind vielversprechend: Auf einer Karte sind drei fette Finanziers zu sehen, die über eine Tagesordnung beraten. Ihre Agenda besteht aus drei Punkten: Erstens "Bonus", zweitens "Bonus" und drittens - genau - "Bonus". Auf dem Cover des Spiels ist ein Investmentbanker abgebildet, der sich mit Geld vollstopft.

Die Zeichnungen sind ziemlich fies. Kein Wunder, ist Sheerins Mitleid mit den Bankmanagern doch arg begrenzt. "Diese Leute haben Milliarden abgeräumt, obwohl sie ihre Firmen sehr schlecht geführt haben", sagt er. Nur mit den einfachen Mitarbeitern hat er ein gewisses Mitleid - sie seien schließlich Opfer eines perversen Systems. "Vielleicht räumen wir Investmentbankern ja einen Sonderrabatt auf den Preis von Crunch ein".

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Crunch und Co.: Mit bissiger Satire gegen die Krise


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: