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Finanzkrise: Angst vor Rezession erreicht Deutschland

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Der Aufschwung ist vorbei, droht nun die Rezession? Deutschland kann sich den Folgen der globalen Finanzkrise immer weniger entziehen. Die Wirtschaft ist laut ersten Daten im zweiten Quartal deutlich geschrumpft, die Industrie bangt um Aufträge. Ein Volkswirt warnt: "Wir müssen uns warm anziehen."

Hamburg - Die Finanzkrise hat Alan Greenspan verändert. Früher war er für seine kryptischen Orakelsprüche berühmt - inzwischen sind die Prophezeiungen des Ex-Chefs der US-Notenbank reich an drastischen Formulierungen und Zynismus. "Die Überraschung der vergangenen Monate ist nicht, dass sich das Wachstum verlangsamt hat. Sondern dass es überhaupt noch welches gibt", schreibt er in einem Gastbeitrag für die "Financial Times": "Diese Krise ist anders - ein Ereignis, wie es ein- oder zweimal pro Jahrhundert vorkommt."

Handwerker vor der Skyline von Frankfurt: Die Symptome der Krise sind allgegenwärtig
DPA

Handwerker vor der Skyline von Frankfurt: Die Symptome der Krise sind allgegenwärtig

Angesichts der täglichen Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft scheint das nicht übertrieben. Besonders beunruhigend: Zunehmend kommen die Horrormeldungen aus Europa. Für das nächste Jahr haben dem "Handelsblatt" zufolge zehn führende Banken und Forschungsinstitute ihre Wachstumsprognosen für den Euro-Raum nach unten korrigiert. Im Schnitt erwarten sie demnach nur noch ein Plus von 0,9 Prozent nach 1,5 Prozent in diesem und 2,7 Prozent im vergangenen Jahr.

Holger Schmieding, Chefvolkswirt für Europa bei der Bank of America Chart zeigen, erklärt sogar: Der Abschwung könnte Europa sogar noch stärker treffen als die US-Wirtschaft. "Die USA haben eine unterbewertete Währung, die Euro-Zone hat einen krass überbewerteten Wechselkurs", begründet er die Theorie. In EU-Krisenländern wie Spanien und Irland habe die Krise am Immobilienmarkt zudem gerade erst begonnen, "in den USA ist der Einbruch schon seinem Ende nah." Und nicht zuletzt hätten die USA einen flexibleren Arbeitsmarkt. "Das hilft immer."

Wahrscheinlichkeit einer Rezession "bei 50 Prozent"

Auch Deutschland kann sich den Folgen der Finanzkrise immer weniger entziehen. Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" ging das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen April und Juni im Vergleich zum ersten Quartal um ein Prozent zurück - die endgültige Zahl wird kommende Woche veröffentlicht. Bislang hatten die meisten Experten ein Minus von etwa 0,5 Prozent erwartet. Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung IMK warnt schon: "Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession noch in diesem Jahr liegt bei 50 Prozent."

Die Symptome der Krise sind allgegenwärtig. Die Inflation lag im Juli bei 3,3 Prozent - das ist der höchste Wert seit fast 15 Jahren. Frühere Vorzeigebranchen geraten in die Krise. Kurz nacheinander schockten etwa Daimler Chart zeigen und BMW Chart zeigen die Märkte mit einer Gewinnwarnung. Das Umfeld der Branche habe sich "nochmals massiv eingetrübt", hieß es bei BMW zur Erklärung.

Auch die Metall- und Elektroindustrie bangt. Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, warnte in der "Bild"-Zeitung: "In vielen Firmen reichen die Aufträge nur noch bis Jahresende." Der Maschinenbauverband VDMA musste für Juni einen Rückgang der Auftragseingänge von fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr vermelden. Im Mai waren die einlaufenden Order in der über Jahre erfolgsverwöhnten Branche schon um 12 Prozent zurückgegangen. Besonders im baunahen Bereich gebe es Probleme, so der Verband.

Vor allem der teure Euro und die hohen Energie- und Rohstoffpreise machen den Unternehmen zu schaffen. Der Gesamtverband der Chemieindustrie etwa schätzt die Ausgaben der Branche für Rohstoffe für das Gesamtjahr auf rund 16 Milliarden Euro - das wäre etwa doppelt so viel wie 2004. Kein Wunder, dass die deutschen Manager pessimistisch sind. Beim jüngsten Ifo-Geschäftsklimaindex waren die befragten Unternehmen mit Blick auf die kommenden Monate so skeptisch wie seit fast sechs Jahren nicht mehr.

"Wir müssen uns warm anziehen"

Der Aufschwung "ist definitiv vorbei, Mitte des Jahres oder gegen Ende des Jahres", schlussfolgert Jonas Dovern vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, sagt: "Wir müssen uns warm anziehen für die zweite Jahreshälfte." Auch der Arbeitsmarkt schwäche sich ab.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger prognostizierte im "Stern" für das kommende Jahr eine Stagnation. "Der Aufschwung ist vorbei, ich erwarte für 2009 ein Nullwachstum", sagte er und brachte die Ausgabe von Steuerschecks wie in den USA in die Diskussion - immer zum Jahresende, wenn die hohen Energiekosten die Menschen am stärksten belasten.

Ende des Aufschwungs, Nullwachstum - darin sind sich die meisten Ökonomen einig. Doch von einer unabwendbaren tiefen Rezession will kaum einer sprechen. "Das Ausgangsniveau war sehr hoch", sagt etwa Stefan Kooths vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) über die abkühlende Wirtschaft. Im ersten Quartal hatte die Konjunktur überraschend um 1,5 Prozent angezogen im Vergleich zum Vorquartal.

Aktionismus sei angesichts des aktuellen Rückgangs deshalb fehl am Platz, sagt Kooths. Für ein Konjunkturprogramm der Bundesregierung etwa sei es viel zu früh, glaubt der DIW-Experte. Entsprechende Pläne sollte man "in der Schublade haben", falls sich die Konjunkturaussichten doch weiter eintrüben sollten. "Aber derzeit gibt es keinen Anlass, sie herauszuholen."

Auch die Kritik an der Europäischen Zentralbank (EZB), die diese Woche erneut über die Zinsen entscheiden muss, teilt er nicht. Die Währungshüter hatten im Juli den Leitzins auf 4,25 Prozent erhöht. "Das war gewagt, weil es den Abschwung verstärkt und die Gefahr einer echten Rezession erhöht", sagte Thomas Mayer, Chefvolkswirt Europa der Deutschen Bank Chart zeigen, dem "Handelsblatt".

Kooths dagegen erinnert daran, dass noch vor wenigen Monaten "die Super-Wirtschaft in Deutschland" bejubelt wurde, die allen Turbulenzen an den Finanzmärkten zu trotzen schien. So schnell, wie die Stimmung wechsle, könne die EZB gar nicht reagieren. "Geldpolitische Impulse brauchen eine Weile, bevor sie wirken. Deshalb wäre es absoluter Nonsens, kurzatmige Entwicklungen geldpolitisch zu beantworten. Das beste, was die EZB tun kann, ist, die Inflationserwartungen stabilzuhalten."

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