Finanzkrise: Anleger fürchten Schieflage von Morgan Stanley

Neue Hiobsbotschaft an der Wall Street: Die nächste Großbank gerät in den Sog der Finanzkrise. Die Aktie des US-Investmentriesen Morgan Stanley verlor zeitweise über 20 Prozent - trotz guter Quartalszahlen. Der Dow Jones sackte zunächst ab, legte dann aber wieder zu.

New York - Möglicherweise war es das falsche Timing - Morgan Stanley hatte sein Quartalsergebnis am Mittwoch einige Stunden früher präsentiert als ursprünglich vorgesehen. Möglicherweise war es aber auch ein kleiner Halbsatz von Finanzchef Thomas Kelleher, der mit Blick auf die kommenden Monate von einer Herausforderung sprach. Die Anleger jedenfalls deuten dies als Warnsignal.

Morgan-Stanley-Zentrale: Jedes Detail wird negativ gedeutet
AP

Morgan-Stanley-Zentrale: Jedes Detail wird negativ gedeutet

Obwohl die zweitgrößte US-Investmentbank trotz der Kreditkrise überraschend gut verdient hat - der Überschuss lag in dem Ende August abgelaufenen, dritten Geschäftsquartal bei 1,4 Milliarden Dollar - setzten die Händler die bereits schwer gebeutelte Morgan-Stanley-Aktie auf ihre Verkaufslisten. Zum Handelsstart der Wall Street sackte das Papier regelrecht nach unten. Zeitweise notierte der Wert um 23 Prozent unter dem des Vortages.

"Das ist jetzt völlig egal"

Dabei hätte man es auch positiv deuten können: Experten hatten einen viel stärkeren Gewinnrückgang befürchtet, selbst Branchenprimus Goldman Sachs hatte kurz zuvor einen heftigen Einbruch beim Überschuss von 70 Prozent verkünden müssen. Die beiden letzten unabhängigen Investmentbanken, die nach dem "Schwarzen Montag" der US-Finanzbranche übrig blieben, steuerten damit bis dahin vergleichsweise gut durch die Krise.

Doch nackte Zahlen interessieren in diesen Tagen noch weniger als sonst.

Asset Manager William Smith nannte die Geschäftszahlen von Morgan Stanley und Goldman Sachs zwar "hervorragend", fügte aber gleich hinzu: "Tatsache ist: Das ist jetzt völlig egal." Er prognostizierte, dass sich Morgan Stanley bereits bis zum Wochenende im Besitz einer anderen Großbank befinden werde und damit dem Beispiel seines Rivalen Merrill Lynch folgen wird, der am Sonntag bei der Bank of America Chart zeigen Unterschlupf fand.

Schon machen Berichte die Runde, Morgan Stanley suche nach einem finanzkräftigen Partner. Die 73-jährige Investmentbank prüfe einen Zusammenschluss mit einem anderen Finanzhaus für den Fall, dass ihr Aktienkurs weiter einbreche, meldet etwa der Wirtschaftssender CNBC. Kelleher hatte zuvor indirekt selbst noch auf die Berichte hingewiesen, indem er von "einigen lächerlichen Gerüchten" sprach. Eine Äußerung, die sich als gerechte Empörung lesen lässt - oder eben auch als verzweifelte Bemühung, eben diese Gerüchte aus der Welt zu schaffen.

Nervosität, tiefrote Zahlen, Quasi-Verstaatlichung

Doch an der Wall Street ist offensichtlich keine Zeit für rationale Abwägungen. Eine Stunde nach Handelsbeginn drehte der Dow Jones Chart zeigen um mehr als drei Prozent ins Minus. Regelrechte Ausverkaufstimmung machte sich breit. Zu den großen Verlierern gehörte auch die Citigroup Chart zeigen, deren Aktien ebenfalls massiv an Wert verloren. Im Handelsverlauf legte der Dow Jones dann zeitweise wieder zu.

Angesichts der dramatischen Meldungen der vergangenen Tage ist die Nervosität verständlich. Nach zuletzt tiefroten Zahlen hatte der Wettbewerber Lehman Brothers am Montag Insolvenz anmelden müssen und wird nun zerschlagen. Die ebenfalls verlustreiche Investmentbank Merrill Lynch wird von der Bank of America übernommen. Bear Stearns hatte bereits vor einem halben Jahr einem Zwangsverkauf zustimmen müssen. In der vergangenen Nacht schließlich stimmte die US-Regierung nach langen Verhandlungen einer Rettungsaktion für den Versicherungsgiganten AIG Chart zeigen zu. Die Aktion kommt nach einhelliger Auffassung einer Quasi-Verstaatlichung gleich. In Großbritannien zeichnet sich derweil ein neuer Krisenfall ab. Die größte britische Hypothekenbank HBOS sucht dringend nach einem Investor, um - zumindest Gerüchten zufolge - eine Insolvenz abzuwenden.

Morgan Stanley hatte die Bekanntgabe seiner Quartalszahlen angesichts einer zuletzt immer steileren Talfahrt der Aktie kurzfristig um einen Tag vorgezogen. Die Bank verlor seit Jahresbeginn mehr als 40 Prozent ihres Börsenwerts. Ein noch dramatischerer Kursabsturz hatte Lehman Brothers am Ende das Genick gebrochen.

Immerhin haben sich nach den rabenschwarzen Tagen zu Wochenbeginn die Börsen am Mittwoch zumindest in Europa und Teilen Asiens wieder ein wenig erholt. Der Deutsche Aktienindex (Dax) schaffte kurz nach Handelsbeginn zumindest zeitweilig den Sprung über die 6000-Punkte-Marke. Im Laufe des Tages verlor der Leitindex jedoch und notierte schließlich im Gefolge des Dow-Jones-Niedergangs 1,75 Prozent im Minus.

Gemischter war dagegen die Stimmung in Asien: Der japanische Nikkei 225 stieg an der Tokioter Börse um 1,2 Prozent und schloss mit 11.750 Punkten, nachdem er tags zuvor auf dem tiefsten Stand seit drei Jahren gelandet war. Dagegen verlor der Hang-Seng-Index in Hongkong 3,6 Prozent und lag bei Börsenschluss bei 17.637 Punkten, dem niedrigsten Stand seit knapp einem Jahr.

mik/dpa/Reuters/Dow Jones

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles zum Thema Finanzkrise ab 2007
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite