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Finanzkrise: Banken wollen Staatsgeld ohne Schmähungen

Von , Frankfurt am Main

Die Deutschen Banken im Dilemma: Kein Geldhaus will das erste sein, das staatliche Nothilfe beansprucht. Ein gemeinsamer Schritt nach Berlin könnte die Lösung bringen. Finanzminister Steinbrück wirbt beharrlich dafür - stößt aber in Frankfurt noch immer auf Skepsis.

Frankfurt am Main - Peer Steinbrück (SPD) ergeht sich in vieldeutigen Anspielungen: "In den nächsten vier bis fünf Tagen wird es eine ganze Reihe von Instituten geben, die die Hilfe in Anspruch nehmen werden", sagte der Bundesfinanzminister in einem Vortrag, den die "Financial Times Deutschland" zitiert. Darunter seien auch Banken, die sich zuvor anders geäußert hätten, so der SPD-Politiker.

Bankenviertel in Frankfurt: Kapitalspritzen ausgeschlossen - Kreditgarantien nicht
DPA

Bankenviertel in Frankfurt: Kapitalspritzen ausgeschlossen - Kreditgarantien nicht

Bisher will kein privates Geldinstitut außer der Hypo Real Estate staatliche Hilfe in Anspruch nehmen - es könnte dann erst recht als Krisenfall gelten. Steinbrück wird das Hilfsgeld der Regierung nicht los. Ein gemeinsamer Bußgang nach Berlin könnte nun die Lösung bringen. Dem "Handelsblatt" berichteten Regierungskreise, man erwarte schon in wenigen Tagen gemeinsame Anträge der großen Institute.

Auch die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, alle großen Banken seien in Gespräche über eine "Schicksalsgemeinschaft" eingebunden. Insider geben sich aber zurückhaltend: "Ich will nicht ausschließen, dass so etwas einmal kommt", sagt einer - immerhin sei das eine mögliche Lösung der aktuellen Probleme. "Wirklich konkrete Gespräche dazu gibt es bislang noch nicht." Ein anderer Insider bestätigt das.

Die Banken stecken in einer Art "Gefangenendilemma" - so formuliert es Manfred Jäger, Finanzmarktexperte beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Steinbrück hat für sie ein Rettungspaket geschnürt, das aus drei Teilen besteht: Kriselnde Institute können Kapitalspritzen in Anspruch nehmen. Sie können problematische Wertpapiere an einen staatlichen Rettungsfonds verkaufen. Und sie können staatliche Garantien für den Interbankenhandel beantragen, in dem sich die Geldinstitute gegenseitig Kredite geben.

Sinnvoll wäre die Inanspruchnahme der Kreditgarantien allemal - und das gelte für alle Banken, sagen Experten. Der lebenswichtige Geldfluss untereinander ist fast vollkommen versiegt. "Die Banken horten ihr Geld wie verrückt bei der Zentralbank, anstatt es sich untereinander zu leihen", sagt IW-Experte Jäger. Das schadet auch jenen Geldinstituten, die sonst vergleichsweise geringen Schaden genommen haben.

"Die falschen Töne angeschlagen"

Allerdings hat Steinbrück die Kapitalspritzen an harte Auflagen gebunden - das Gehalt von Managern, die zugreifen, soll auf 500.000 Euro im Jahr begrenzt werden. Mit seinen harschen Worten zur Gier mancher Bankmanager habe der Finanzminister zusätzliche Probleme geschaffen, sagt IW-Wissenschaftler Jäger. Jede Führungskraft, die um Hilfe bitte, werde nun automatisch zum Buhmann - "ausgerechnet diejenigen, die den Karren aus dem Dreck ziehen sollen".

In Finanzkreisen heißt es: "Da wurden die falschen Töne angeschlagen." Man habe die Führungsspitzen kriselnder Banken pauschal stigmatisiert. Jede Bank, die Schwierigkeiten eingesteht, werde sicher kräftig "vom Aktienmarkt abgestraft", sagt Christoph Kaserer, Professor für Finanzmanagement und Kapitalmärkte in München.

Bislang haben darum nur verschiedene Landesbanken Steinbrücks Offerte angenommen - sie stecken wirklich tief in der Bredouille. Ein gemeinsames Vorgehen privater Geldinstitute könnte nun aber die Lösung sein, wie auch der HypoVereinsbank-Finanzchef Rolf Friedhofen andeutet. Seine Bank werde höchstens die staatlichen Garantien für den Interbankenhandel in Anspruch nehmen, sagte er der "FTD" - und auch das nur unter der Bedingung, dass "sämtliche Banken sagen, wir nehmen den Schirm".

Von Seiten der Deutschen Bank gab es an diesem Donnerstag zarte Signale, die eine Sammellösung für alle Privatbanken realistisch erscheinen lassen. Zwar betonte Finanzvorstand Stefan Krause bei einer Telefonkonferenz: "Noch einmal: Wir benötigen kein Kapital." Die Frage, ob sein Institut Kreditbürgschaften nutzen wolle, ließ Krause aber offen.

Das sind überraschend differenzierte Töne - bedenkt man, dass Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann vor wenigen Tagen noch auf einer Veranstaltung sagte, er würde sich "schämen", wenn sein Haus in der Krise auf Staatsgeld zurückgreifen müsste. Dies gelte freilich nur auf direkte Finanzhilfen, lautet nun die Botschaft. Auf diese Weise kann Ackermann mitmachen und trotzdem "sein Gesicht wahren", sagt Betriebswirt Kaserer.

Selbst wenn sich die Banken tatsächlich zu gemeinsamen Handeln entschließen, sind die Gefahren nicht gebannt. Das Rettungspaket müsse dringend nachverhandelt werden, fordert Jäger, damit die Banken ohne Imageverlust Kapitalspritzen in Anspruch nehmen können. "Wenn es zu weiteren Abschreibungen kommt, wird dieses Thema wichtig." Kaserer erklärt: "Wenn die Aktienkurse der Geldinstitute dauerhaft auf dem aktuellen Niveau bleiben, haben sie ein Problem."

Damit mache man diese Banken aber zu den Buhmännern der Krise, sagt Jäger. Auch Kaserer sagt: "Man hat diese ganze Krise politisch instrumentalisiert und es den Banken außerordentlich schwergemacht." Aber auch Steinbrück stecke im Dilemma. Ohne die harten Auflagen wäre die Staatshilfe der Öffentlichkeit nicht vermittelbar gewesen.

IW-Experte Jäger fordert deshalb einen Kompromiss: Er will eine neue Art von Boni für Krisenmanager schaffen - die nur dann bezahlt werden, wenn Sanierungserfolge sichtbar werden.

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