Finanzkrise Braven Bankern droht neues Beben

Zocker aus Investmentbanken wie Goldman Sachs stürzten die Welt in den Abgrund - nun machen ausgerechnet sie als erste wieder gute Geschäfte. Traditionelle Bankiers kämpfen dagegen mit Problemen: Ihnen drohen wegen der Krise hohe Kreditausfälle.

Von , Frankfurt am Main


Bei einer Preisverleihung gab Josef Ackermann einmal mehr den Geläuterten. Die Bankenbranche dürfte nicht einfach zum "business as usual" zurückkehren, sagte der Deutsche-Bank-Chef kürzlich in London, als die Zeitschrift "Euromoney" den Manager für sein Lebenswerk ehrte. "Es gibt Lektionen aus der Krise, die wir nicht ignorieren dürfen." Tatsächlich ist Ackermann von seinen Ideen über das Business nie wirklich abgerückt.

Bankenskyline von Frankfurt: Der Branche drohen horrende Ausfälle
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Bankenskyline von Frankfurt: Der Branche drohen horrende Ausfälle

An seinem Renditeziel von 25 Prozent, das im Zuge der Finanzkrise als Zahl gewordene Gier verflucht wurde, hielt er störrisch fest. Und ebenso am Investmentbanking, dessen Auswüchse die Finanzkrise überhaupt erst verursacht hatten. Die Deutsche Bank Chart zeigen wolle auch weiter ein globaler Player sein im Wertpapier- und Emissionsgeschäft und beim Einfädeln großer Firmenübernahmen, sagte Ackermann im Februar, als er einen Horrorverlust von 3,9 Milliarden Euro für 2008 verkünden musste. Seine Vision: Diejenigen, die die Krise in der Hochrisikobranche überleben und weiter mitmischen im globalen Poker, werden früher oder später die lachenden Sieger sein.

Wahrscheinlich ist Ackermann selbst überrascht, wie schnell das ging. Tatsächlich sind einige der ganz großen Spieler in der Welt der Finanzzocker mittlerweile untergegangen - und diejenigen, die überlebt haben, machen wieder prächtige Geschäfte. Die US-Investmentbank Goldman Sachs Chart zeigen trumpfte am Dienstag mit einem Quartalsgewinn von satten 2,7 Milliarden Dollar auf - ein Plus von über 30 Prozent. Die Erträge kletterten um fast die Hälfte auf 13,7 Milliarden Dollar.

Der Geldsegen, da sind sich Beobachter einig, sei ein gutes Omen für die Zwischenbilanz von Deutschlands größtem Geldinstitut, die am 29. Juli vorgelegt wird. Wenn das Frankfurter Bankhaus den Überraschungsgewinn von 1,2 Milliarden Euro aus dem ersten Quartal doch nicht toppen kann, dann vor allem allein wegen außergewöhnlicher Kosten im abgelaufenen Quartal, wie Konrad Becker, Analyst bei Merck & Finck, erklärt. Der aktuelle Personalabbau und ein mit einem Vergleich beendeter Rechtsstreit mit dem US-Chemieproduzenten Huntsman belasteten das Ergebnis.

Commerzbank-Chef Martin Blessing dagegen dürfte dieser Tage kaum zum Lachen zumute sein. Der Banker mit der runden Brille und dem Charisma eines braven Studienrats hat nach der Übernahme der Dresdner Bank die verlustreiche Investmentbankingsparte weitgehend abgewickelt. Nach dem Staatseinstieg konzentriert man sich nun stark auf das scheinbar solide Privat- und das mittelständische Firmenkundengeschäft. Doch das traditionelle Bankiersgewerbe, dessen Renaissance im Zuge der Finanzkrise allseits beschworen wurde, gibt derzeit wenig Anlass zur Freude. Es drohen Milliardenabschreibungen. Wegen der dramatischen Wirtschaftskrise werden neben den verschachtelten Kreditderivaten längst auch gewöhnliche Privat-, Unternehmens- oder Immobilienkredite zu Hochrisikoposten in den Büchern.

Die Rating-Agentur Standard & Poors fürchtet, dass deutsche Finanzinstitute in den kommenden drei Jahren Kreditausfälle in Höhe von 100 bis 120 Milliarden Euro schultern müssen. Der deutschen Bankenlandschaft droht damit ein weiteres Beben, das auch bislang weitgehend verschonte Geldinstitute, wie etwa Sparkassen und Volksbanken, schwer treffen könnte.

Und auch die Geschäftsaussichten der Postbank mit ihren vielen Privatkunden aus der Mittelschicht sei düster, warnen Beobachter. Die Bank, deren Kreditgeschäft nicht besonders gut entwickelt ist, muss mit den Einlagen der Kunden intensiv am Kapitalmarkt arbeiten - "da sind die Zinsen aber stark zurückgegangen", sagt der Kölner Bankenprofessor Thomas Hartmann-Wendels. Noch dazu werden verunsicherte Kunden mitten in der Rezession kaum auf der Suche nach neuen Altersvorsorgeprodukten oder anderen Anlagen sein.

"Die Lage ist labil"

Über den Berg seien auch die Banken mit Investmentschwerpunkt noch nicht, warnen Experten. Noch ist etwa für den Gewinnsprung bei Goldman ausschließlich das Handelsgeschäft verantwortlich: Der Verkauf von Staats- und Unternehmensanleihen etwa boomt. In der Vermögensverwaltung aber und im Beratungsbereich bei Übernahmen und Fusionen sieht es düster aus - größere Übernahmen gibt es wegen der Finanzkrise kaum noch.

Durchwachsen werde die Zwischenbilanz der Deutschen Bank außerhalb des Bereichs Sales und Trading aussehen, sagen Beobachter. Das Vertrauen auf das Anleihegeschäft sei aber gefährlich: Der außergewöhnliche Kapitalhunger von Firmen und Ländern werde irgendwann gestillt sein. Das Privatkundengeschäft, auf das auch die Deutsche Bank als zweite Säule setzt, werde dann nicht für Ausgleich sorgen können, warnt Banken-Professor Hartmann-Wendels. Dort würden die Gewinnmargen eher noch kleiner als größer. "Die Lage ist generell labil", so das Fazit des Finanzexperten.

Andererseits: Schon nach dem überraschend guten ersten Quartal prophezeiten Beobachter der Deutschen Bank und anderen Investmentbanken, der Anleiheboom werde bald ein Ende haben. "Diese Meinung hat sich zumindest bislang nicht bestätigt", sagt Analyst Becker. Stattdessen bräuchten die Staaten und Unternehmen noch sehr viel mehr frisches Geld als ursprünglich gedacht. Nicht zuletzt habe sich auch der Wertpapiermarkt erholt, "das heißt, auch in diesem Bereich werden die Banken mehr Gebühren einnehmen und zudem werden ihre eigenen Bestände in den Büchern besser bewertet".

Gehaltssteigerungen um 47 Prozent

So scheint es, als ob zumindest vorübergehend ausgerechnet diejenigen wieder prächtige Geschäfte machen, die den ganzen Schlamassel zu verantworten haben: die Investmentbanker. Und so werden - während die meisten Bereiche der Realwirtschaft noch mit der Katastrophe kämpfen und Millionen Beschäftigte nur dank Kurzarbeit nicht auf der Straße stehen - in den Handelsbereichen der Banken auch wieder Spitzengehälter gezahlt. Als hätte es die Krise nicht gegeben. Im Vergleich zum Vorjahr etwa verdienen die Goldman-Mitarbeiter 47 Prozent mehr. Im Schnitt sackte jeder Angestellte über 226.000 Dollar ein - und das nur in den drei Monaten des abgelaufenen Quartals.

Man darf davon ausgehen, dass auch die professionellen Händler der Deutschen Bank nicht darben. Zwar bastelt das Geldinstitut derzeit noch an einem neuen Bonussystem, das weniger auf kurzfristige Anreize setzen soll - doch dem globalen Gehalts-Wettbieten, das im Investmentbanking wieder eingesetzt hat, wird sich auch Bankchef Ackermann nicht entziehen können. Wie viel die Garde um den Spartenvorstand Anshu Jain tatsächlich verdient, will das Geldhaus zwar nicht verraten. Ackermann ließ aber auch während der heftigsten Turbulenzen der Krise kaum eine Gelegenheit aus, auf den Krieg um die besten Talente hinzuweisen - und auf sein exzellentes Personal.



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Seite 1
jinky, 08.07.2009
1.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Sie hätten umsteuern müssen bzw. man hätte sie zu einem Umsteuern zwingen müssen.
Pinarello, 08.07.2009
2.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Warum sollten diese Gangster umsteuern? Jetzt gibt es doch unbegrenzten Kredit vom Staat der auch noch gleich die Verluste übernimmt! Also dann, warten halt bis zur nächsten Krise, die natürlich weit weit schlimmer werden wird, aber warum sollten denn die Politiker ausgerechnet gegen die Leute was unternehmen, von denen sie bezahlt werden und von denen sie ihre Befehle empfangen, hat doch dieses Mal ausgezeichent geklappt, die Folgen dieses Finanzverbrechens dem arbeitenden Bürger und Steuerzahler in die Schuhe zuschieben, genau so stellt sich die Finanzelite doch die Weltherrschaft vor.
schensu 08.07.2009
3.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Pah, als ob da unsere Meinung zählte! Das Ganze ist ein Selbstläufer, abgehoben von bekannten Realitäten zum Nutzen Weniger und ggf. Schaden Vieler. Ich brauch die jedenfalls mal gar nich.
Schelm-77 08.07.2009
4. Die Banken kehren zum gewohnten Geschäft zurück...
Am effektivsten läßt sich die Geldgier der Banker stoppen indem man sie einfach weitermachen läßt. Der nächste Crash wird einen frischen Wind durch die meist hohlen Köpfe der Finanzgenies pusten. Einen neuen weltweiten Rettungsfonds wird es dann mit Sicherheit auch nicht mehr geben. Der normalen Anleger sollte sein Geld allerdings vorher in Sicherheit bringen und in Edelmetalle, Edelsteine oder Immonbilien investieren. Im Zweifelsfalls tut es übergangsweise auch der bewährte Sparstrumpf. Den Banken geht es in erster Linie um ihr eigenes Wohl, dementsprechend sollte auch jeder Bürger erst einmal an sich selbst denken und ein erhöhtes Mißtrauen in Sachen Finanzwirtschaft aufbauen.
THM, 08.07.2009
5.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Noch erstaunlicher als die Unfähigkeit dieser Branche ist deren dreiste Gier.
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