Finanzkrise Commerzbank-Chef räumt Fehler ein

Nach der Verabschiedung des 480-Milliarden-Eilgesetzes folgen erste Reaktionen der Banken: Die Commerzbank will prüfen, ob sie staatliche Garantien des Hilfspakets in Anspruch nimmt. Das kündigte Vorstandssprecher Martin Blessing in einem Zeitungsinterview an - und räumte Versäumnisse ein.


Berlin - Erst am Freitag hatten Bundestag und Bundesrat das Eilgesetz zum Schutz der Banken durchgepeitscht, nun folgen erste Reaktionen: Commerzbank-Vorstandssprecher Martin Blessing sagte der "Bild"-Zeitung: "Wir werden uns in Ruhe anschauen, wie das Paket genau aussieht und ob es für uns in Frage kommt. Ich glaube, es ist die Pflicht eines jeden Bankers, eine Teilnahme an dem Paket zu prüfen." Denn von der Kapitalstärke hänge es ab, ob auch weiter Kredite vergeben werden können, was in einem Abschwung ganz wichtig sei.

Commerzbank-Filiale in Frankfurt am Main: "Die Pflicht jedes Bankers, eine Teilnahme an dem Paket zu prüfen"
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Commerzbank-Filiale in Frankfurt am Main: "Die Pflicht jedes Bankers, eine Teilnahme an dem Paket zu prüfen"

Die Übernahme der Dresdner Bank sei durch die Bankenkrise nicht gefährdet. Blessing sagte: "Wir kaufen die Dresdner Bank nicht mit Bargeld, sondern wir bezahlen vor allem mit einer festgelegten Anzahl eigener Aktien. Deswegen steht die Übernahme trotz Finanzkrise." Insgesamt kostet das Vorhaben 9,8 Milliarden Euro.

Blessing bezeichnete das staatliche Hilfspaket als "Konjunkturstützungsprogramm" der Bundesregierung. "Es geht jetzt darum, dass der Blutkreislauf der Wirtschaft nicht gestoppt werden darf. Hausbauer sollen weiter Kredite bekommen können, Firmen sollen weiter Geld für neue Maschinen bekommen können. Deshalb ist das Rettungspaket so wichtig."

Zum deutschen Rettungspaket für den Finanzmarkt sagte Blessing: "Es ist ein sehr wichtiges Zeichen, mit welcher Geschwindigkeit die Politik das Paket geschnürt hat, das verdient allerhöchsten Respekt und Dank."

"Wir haben uns nicht mit Ruhm bekleckert"

Gleichzeitig räumte der Chef von Deutschlands zweitgrößter Bank schwere Versäumnisse der Bankenbranche ein. "Die gesamte Bankenbranche trägt große Verantwortung an der Krise - auch ich als Chef der zweitgrößten Bank in Deutschland. Es ist schlimm, dass sich die Menschen in unserem Land Sorgen um ihr Geld machen. Da haben wir uns als Branche wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert."

Auf die Frage, ob auch er Fehler gemacht habe, antwortete Blessing: "Ja, auch wir in der Commerzbank haben Fehler gemacht. Auch wir haben faule Immobilienkredite in den USA gekauft, weil wir uns zu sehr auf die Bewertung von anderen verlassen haben. Das war zwar üblich, wir hätten es dennoch nicht tun sollen." Er hätte sich aber auch nicht vorstellen können, dass eine führende Bank wie Lehman Brothers pleitegehen könnte, fügte der Bankchef hinzu.

Den Boni-Verzicht des Vorstands der Deutschen Bank kritisierte Blessing. "Ich kann doch nur auf etwas verzichten, was mir auch zusteht. Nur wenn man ein gutes Ergebnis für das Unternehmen erwirtschaftet, also Erfolg hat, steht einem auch ein Erfolgsbonus zu."

Verabschiedung am Freitag

Bundestag und Bundesrat stimmten am Freitag für das staatliche Rettungspaket von bis zu 500 Milliarden Euro für den Bankensektor, das die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise abschwächen soll. Das Hilfspaket war innerhalb von fünf Tagen durch Kabinett, Parlament und Bundesrat gebracht worden.

Der Bundestag gab am Freitag grünes Licht für das Milliardenpaket - mit 476 Ja-Stimmen bei 99 Nein-Stimmen und einer Enthaltung. Danach winkte auch der Bundesrat das Gesetz durch. Schon am Freitagmittag setzte Bundespräsident Horst Köhler seine Unterschrift unter das Werk.

Von einem "beispiellosen Kraftakt" sprach SPD-Fraktionschef Peter Struck bei der abschließenden Debatte im Bundestag. "Es ist auf uns in dieser Woche angekommen, und wir sind dem auch gerecht geworden", sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder zufrieden.

Erst am Donnerstagabend waren die letzten Hindernisse beseitigt worden: Im Kanzleramt einigten sich Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück mit den Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer auf die Kostenverteilung zwischen Bund und Ländern. Den Ländern wurde Mitsprache bei der Gewährung der Mittel eingeräumt, und die Haftung der Länder wurde bei dem Festbetrag von 7,7 Milliarden Euro gedeckelt.

han/AP/dpa/ddp/AFP

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