Finanzkrise Der Bankencrash - eine Chance für Deutschland

Finanzgiganten gehen bankrott, Börsenkurse rauschen nach unten, das US-Rettungspaket für die Banken ist vorerst gescheitert. Trotzdem gibt es keinen Grund zur Panik, sagt Wirtschaftsexperte Thomas Straubhaar: Deutsche Konzerne und Banken sind stärker als viele glauben.


Fassunglos blickt die Welt nach Washington: Nachdem das US-Abgeordnetenhaus den Rettungsplan der Regierung für die taumelnden Finanzmärkte abgelehnt hat, droht die Krise weiter zu eskalieren. Börsen rund um den Globus beantworten das Votum mit hohen Kursverlusten. Die Zukunft der Bankenbranche erscheint ungewisser denn je.

Börsianer in New York: Deutsche Firmen gehen mit gestärkter Wettbewerbsfähigkeit aus den tektonischen Verschiebungen hervor
AP

Börsianer in New York: Deutsche Firmen gehen mit gestärkter Wettbewerbsfähigkeit aus den tektonischen Verschiebungen hervor

Untergangsstimmung macht sich breit. Die Finanzkrise scheint alles mitzureißen. Die Investmentbanken? Geschichte. Bear Stearns, Lehman Brothers, Merrill Lynch, Goldman Sachs, Morgan Stanley - die großen Fünf der Wall Street sind entweder verkauft, pleite oder firmieren als schnöde Geschäftsbank. Das Bankensterben setzt sich fort. Washington Mutual, Wachovia, Fortis, Bradford & Bingley, Dexia - entweder werden die maladen Institute mit Milliarden an Steuergeldern gestützt oder von der Konkurrenz geschluckt.

Auch in Deutschland wächst die Furcht vor einem Bankencrash. Die Einschläge kommen näher. Mit dem schwer angeschlagenen Hypothekenfinanzierer Hypo Real Estate hat es nun erstmals einen Dax-Konzern erwischt. Allein die Bürgschaft der Bundesregierung und Kredite einer Bankengruppe in Milliardenhöhe konnten die Insolvenz abwenden.

Kein Wunder, wenn sich viele Bundesbürger nun fragen, wann das Bankenbeben auch die Realwirtschaft erschüttert. Die konjunkturellen Aussichten jedenfalls trüben sich ein. Vorbei sind die Jahre, in denen Deutschland ein reales Wirtschaftswachstum von mehr als 2,5 Prozent vorweisen konnte. Wirtschaftsminister Glos und Finanzminister Steinbrück rechnen mit einer deutlichen Korrektur der Wachstumsprognosen nach unten. Noch dramatischer sieht der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer, die Lage: "Die Gefahr ist riesengroß, dass die Finanzmarktkrise die deutsche Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in ihren Strudel zieht", sagte Sommer der "Bild am Sonntag".

Natürlich haben die Pessimisten in Teilen recht. Nahezu alle Frühwarnindikatoren und Erwartungen sprechen eine deutliche Sprache. Und die klingt düster. So setzt der Ifo-Geschäftsklimaindex seinen Abwärtstrend mit Riesenschritten fort. Nichts und niemand scheint ein Übergreifen der amerikanischen Krise auf die deutsche Wirtschaft noch stoppen zu können. Die Regierungen versuchen sich in der Rolle des Retters. Notenbanken müssen die Märkte mit frischem Geld fluten, um Liquiditätsengpässe zu verhindern. Amerika will "Hunderte von Milliarden Dollar" in den Kampf gegen einen drohenden Kollaps der Finanzmärkte werfen.

Stellt sich die Frage, ob eine Verstaatlichung des amerikanischen Finanzsektors die Rettung bringt. Oder wiederholt sich die Geschichte der zwanziger und dreißiger Jahre? Dann steht die Weltwirtschaft möglicherweise vor einer zerstörerischen Krise, einer tiefen und lange anhaltenden Depression, hoher Arbeitslosigkeit und einer Verelendung breiter Bevölkerungsschichten.

Um es klar zu sagen: Zur Panik besteht kein Grund.

Sicher, es gibt viele offensichtliche Gründe, wieso sich die Lage weiter dramatisieren könnte. Die kurzfristigen Gefahren der Finanzkrise sind nicht zu unterschätzen und die langfristigen Folgekosten bleiben beträchtlich.

Finanzmärkte sind rund um den Globus eng verflochten. Die Krise an der Wall Street bekommen die Ökonomien weltweit zu spüren. Daran hat sich nichts geändert, selbst wenn in den vergangenen Jahren andere Börsenplätze in Europa und Asien an Bedeutung gewonnen haben. Der amerikanische Finanzmarkt bleibt das Maß aller Dinge. Eine Abkopplung ist nicht möglich.

Der Flächenbrand an den Finanzmärkten wird auch auf die Realwirtschaft übergreifen. Eine Rezession in den USA wird wahrscheinlicher. Und die Hoffnung schwinden, dass sie nur kurz und gnädig verlaufen wird.

Die Schwäche Amerikas trifft andere Staaten. Die USA sind noch immer mit Abstand die größte Volkswirtschaft der Welt. Die fehlende Kraft des amerikanischen Wachstumsmotors berührt die wirtschaftliche Dynamik anderer Länder negativ. Das gilt für Südostasien und Lateinamerika, deren Produktion stark auf den amerikanischen Absatzmarkt ausgerichtet ist.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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OoogaBoooga, 30.09.2008
1. sehe ich auch so
Als Wirtschaftsstudent muss ich zwar sagen, dass verantwortungsvolles Handeln auch in deutschen Universitäten bei weitem zu kurz kommt. Aber vermutlich wird den amerikanischen Studenten gleich von vornherein erklärt, dass sich damit kein Geld machen ließe und dass sie moralische Bedenken oder ihr schlechtes Gewissen bitte gleich beim Jobantritt beim Pförtner abgeben. Das deutsche System ist bei weitem stabiler und langfristiger angelegt als das angelsächsische. Das "zahlt" sich nun aus, es war nur eine Frage des wann, nicht des "ob". Andere Länder lassen verantwortslose "Blasen" entstehen, an denen sich dann gewisse Herrschaften maßlos bereichern, nur damit die Verluste dann "sozialisiert" werden. Eigentlich unfassbar sind auch die Vergütungen amerikanischer Spitzenmanager, die tatsächlich oft das 10fache eines europäischen Kollegen verdienen. Es gab leider auch schon gewisse Tendenzen hierzulande, sich an den verheißungsvollen Megarenditen der Immobilienblase zu beteiligen, dafür wurden auch zahlreiche Banken abgewatscht (und nicht zuletzt auch ein gewisser Ex-CSU-Chef). Aber auch ich sehe die Situation der Krise hier fundamental anders als die in Amerika: Abgesehen von den zutreffenden Argumenten des Artikels, sehe ich auch realwirtschaftlich völlig andere Voraussetzungen. Während Amerika nun eine Real-(Autobranche und andere) und eine Finanzkrise hat (die sich beide auch noch gegenseitig begünstigen), werden wir nur teilweise von der Finanzkrise getroffen. Das wird zwar wehtun, und eben mittel- langfristig auch den realen Bereichen treffen. Deutschland ist aber von allen Beteiligten am besten positioniert, dank sehr vorausschauender Politik und zumindest einigermaßen vernünftigen Wirtschaftsbossen. Sollte es bei uns eine Rezession geben, hat Amerika mindestens eine Depression. Gibt es dort "nur" eine Rezession, werden wir vermutlich leichtes Wachstum haben (0.5 - 0.8 %)
mzwk 30.09.2008
2. Feierabend
Es wird bis zur letzten Sekunde gelogen bis sich die Balken biegen. Man sehe sich das bei den zuletzt konkurs gegangenen Instituten an. Immer wieder das gleiche: Es wird schoengeredet bis es kracht - Und danach weiss keiner von nix oder es sind die anderen Schuld. Lasst euch nichts erzaehlen. Man ist sich immer selber des eigenen glueckes Schmied. Fakt ist: Wenn bei uns reihenweise die Banken umkippen, kann der Einlagensicherungsfond das niemals alles abfangen. Dann hat man entweder sein Geld komplett verloren, da man es nicht mehr holen kann, oder es wird durch Hyperinflation entwertet. So oder so: Wenn man noch (Papier) Geld hat wird es weg sein.
Extremophile 30.09.2008
3. Jetzt erst recht
Ich meine, wenn wir Deutschen an uns selbst und an unsere Fähigkeiten glauben, werden wir diese Krise auch gut überstehen.
clairvaux 30.09.2008
4. Gotte Gehörgang
Zitat von sysopFinanzkonzerne scheitern in Serie, Börsenkurse rauschen nach unten, das US-Rettungspaket für die Banken ist vorerst gescheitert. Trotzdem gibt es keinen Grund zur Panik, sagt Wirtschaftsexperte Thomas Straubhaar: Deutsche Konzerne und Banken sind stärker als viele glauben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,581198,00.html
Sein Wort in Gottes Gehörgang - allein glauben mag ich's nicht so recht...
OoogaBoooga, 30.09.2008
5. Nachtrag
Letztlich gibt es nur eine Möglichkeit, dass auch Deutschland so einbricht wie Amerika: Es müsste in einem wesentlichen Bereich überbewertet sein. Irgendwas. Unsere Produkte, unsere Immobilien, unsere Leistungsfähigkeit... Oder irgendwelche Industrien haben wichtige Trends verschlafen und geraten ins Hintertreffen. Deutsches Geld (bzw. europäisches Geld) ist solange das wert, was drauf steht, solange die Leistung, die dem gegenübersteht, diejenige ist, die man bislang angenommen hat. Solange die knapp 30 Mio. Beschäftigten in Deutschland tagtäglich schaffen gehen, und dabei mehr oder weniger eine konstante Leistung erbringen, die mehr oder weniger konstant bewertet wird (von uns selbst UND von den Abnehmern aus aller Welt), haben wir nichts dramatisches zu befürchten. Die deutschen Unternehmen sind weitgehend vorbildlich aufgestellt, vor allem relativ zu anderen betrachtet. Desweiteren sehe ich weit und breit keine Blase. Auch die deutschen Arbeiter und Angestellten sind überdurchschnittlich gut ausgebildet. Solange mir ein Forist nicht sagen kann, was er in Deutschland für konsequent überbewertet (Arbeit, Technologie, Immobilien, ...) hält, sehe ich mich in meinem Optimismus bestätigt. Das amerikanische Problem ist eine Überbewertung der Immobilien, eine Überbewertung vieler Unternehmen (GM, Ford, etc.), und eine Überbewertung der eigenen Arbeiter und Angestellten, die meistens über eine sehr beklagenswerte Ausbildung und Bildung verfügen.
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