Finanzkrise Experten warnen Banken vor verfrühter Euphorie

Ein halbes Dutzend US-Banken überrascht mit guten Bilanzen und weckt Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Finanzkrise. Experten halten die Euphorie für verfrüht: Sie erwarten, dass sich die Konjunkturkrise bald verbreitert - und sehen die Institute vor neuen Milliardenabschreibungen.

Von


Hamburg - Es ist eine Nachrichtenstafette, die Hoffnungen weckt: Ein halbes Dutzend US-Banken, zuletzt der Finanzriese Bank of Amerika, haben in kurzen Abständen Quartalsbilanzen vorgelegt, die Expertenprognosen allesamt weit übertreffen.

Institute wie Wells Fargo Chart zeigen und JPMorgan Chase Chart zeigenverbuchen Milliardengewinne. Goldman Sachs Chart zeigen hat sogar angekündigt, bald Notkredite der US-Regierung zurückzahlen zu wollen (siehe Bildergalerie). Analysten erwarten ähnlich positive Bilanzen für das erste Quartal auch im deutschen Bankenmarkt.

Schon mehren sich Hoffnungen, dass der Finanzsektor seinen Aufstieg aus der wirtschaftlichen Talsohle beginnt, schon erklären erste Optimisten das baldige Ende der nun schon fast zwei Jahre dauernden Finanzkrise. "Von der Berichtssaison der Banken wird die Fortsetzung der positiven Ergebnisse erwartet, was mit JP Morgan ja auch real geliefert wurde", sagte beispielsweise Kapitalmarktexperte Robert Halver von der Baader Bank.

Experten halten das für einen gefährlichen Trugschluss. "Wir sind noch lange nicht über den Berg", sagt Dirk Schiereck, Bankenprofessor an die Universität Darmstadt. "Die Banken sind noch immer höchst krisenanfällig." Sein Kollege Hans-Peter Burghof, Finanzexperte an der Uni Hohenheim, spricht gar von einer "Verbreiterung der Krise, die bald sogar neue Banken in ernste Schwierigkeiten bringen könnte".

Nur ein kurzer Zwischenspurt

Auch Analysten blicken äußerst skeptisch ins restliche Jahr. "Die Bankengewinne im ersten Quartal sind zu einem nicht unerheblichen Teil auf eine sehr spezielle und für die Banken ungewöhnlich günstige Konstellation zurückzuführen", sagt Guido Hoymann vom Bankhaus Metzler. Tatsächlich haben Konzerne wie Siemens Chart zeigen oder Porsche Chart zeigen die Tiefstpreise im Kreditsektor in den ersten drei Monaten des Jahres dazu genutzt, auslaufende Anleihen zu refinanzieren."

Schätzungsweise 45 Prozent des jährlich üblichen Umschuldungsvolumens sind laut Hoymann allein im ersten Quartal angefallen. Dieser Boom habe vielen US-Banken zusätzliche Provisionen beschert und das Investmentgeschäft besonders gut aussehen lassen. Für deutsche Institute mit Schwerpunkt in diesem Bereich sei ein ähnlicher Zwischenspurt zu erwarten.

"Dieser wird aber nicht anhalten", sagt Hoymann. "Aktuelle Prognosen zeigen schon jetzt eine Normalisierung des Kreditgeschäfts." Damit aber falle eine Hauptgewinnquelle für die Banken schon wieder weg.

Hinzu kommt, dass viele der US-Institute derzeit verstärkt die gelockerten US-Bilanzierungsregeln ausnutzen, die es unter anderem ermöglichen, Abschreibungen aufzuschieben. Goldman profitiert zudem davon, sich auf Druck der Regierung von einer Investment- in eine ganz normale Geschäftsbank umgewandelt zu haben - und durch geänderte Bilanzregeln den Monat Dezember gar nicht anführen zu müssen.

Düstere Aussichten

Die Aussichten für die kommenden Monate bereiten dagegen Sorge. "Die Rezession wird sich vielleicht nicht weiter verschärfen", sagt Burghof. "Sie wird sich aber ganz sicher verbreitern - und damit auch die Banken erneut treffen."

Tatsächlich ist die konjunkturelle Lage alles andere als sicher. Unabhängig davon, ob die Wirtschaft 2009 nun um vier, fünf oder sechs Prozent einbricht, unabhängig davon, ob die Konjunkturwende im Sommer, Herbst oder Winter beginnt - in einem Punkt sind sich die meisten Experten einig: "Die Wirtschaft wird kaum so schnell wieder wachsen wie sie geschrumpft ist", sagt Jörg Hinze, Konjunkturforscher am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI). "Sie dürfte lange auf sehr niedrigem Niveau stagnieren oder nur allmählich wieder in Schwung kommen."

Ein langsamer Aufschwung aber wird die Krise nicht richten. Zieht die Konjunktur zu schwach an, geraten Unternehmen weiter unter Druck, Hunderttausende Kurzarbeiter könnten in der Folge im Herbst zu Arbeitslosen werden.

Für die Banken entstehen dadurch neue Risiken. Viele Institute rechnen mit einer Explosion der Kreditausfälle im Privat- und Geschäftskunden-Sektor. Die Bank of America und JPMorgan haben Rücklagen im zweistelligen Milliardenbereich für mögliche neue Abschreibungen gebildet.

Neue Risiken bei Marktfreigabe

Dabei bekommen die Banken die harten Folgen der Rezession derzeit noch gar nicht zu spüren. "In der Politik herrscht derzeit die Mentalität, alles zu retten, was weh tun könnte", sagt ein Analyst. Dadurch aber würden die Märkte und Unternehmen nicht von Strukturproblemen bereinigt. Es sei "wie nicht zum Zahnarzt gehen". Kurzfristig erspare man sich die Schmerzen, langfristig aber faule einem alles weg.

"Ihre jetzige Linie aber kann die Politik nicht ewig beibehalten", sagt der Analyst. Sobald sie aber den Markt wieder freigebe, würden bislang verzögerte Bereinigungen Unternehmen und Bevölkerung umso stärker treffen - was auch für die Banken neue Belastungen bedeute.

Bankenprofessor Burghof fürchtet, dass durch eine zu schwache Konjunktur bald weitere Geldhäuser in den Sog der Krise geraten. "Je länger die Flaute andauert, desto mehr steigen Arbeitslosigkeit und Finanznöte im Mittelstand", sagt er. "Viele Sparkassen sorgen sich derzeit darum, dass bald auch auf sie hohe Abschreibungen zukommen."

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.