Finanzkrise "Guter Kapitalismus funktioniert wie im Fußball"

Der Kapitalismus ist zum Wettcasino verkommen - jetzt ist die Chance da, die Spielregeln zu verändern, verlangt Dov Seidman. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview fordert der Philosoph und Autor einen Wettbewerb um Anstand - und erklärt, was Börsianer von Sportclubs lernen können.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Seidman, was läuft falsch in der Weltwirtschaft?

Seidman: Die Wirtschaft funktioniert nach dem Grundsatz: Bring Ergebnisse, egal wie. Welchen Charakter eine Firma hat, wie Menschen ihre Ergebnisse erzielen, spielt keine Rolle in dieser Welt. Das war aber mal anders. Denken Sie an Fußball! Guter Kapitalismus funktioniert so, dass man in eine Mannschaft investiert und viel dafür tut, dass sie gewinnt. Man ist der Mannschaft verbunden. Vielleicht wettet man sogar, aber nur auf den Sieg.

SPIEGEL ONLINE: Und im real existierenden Kapitalismus?

Seidman: Im verdorbenen Kapitalismus wetten Sie darauf, wer ein Tor in den ersten zehn Minuten schießt. Oder wer den ersten Einwurf bekommt. Du brichst die ursprünglichen Verbindungen auf zwischen Leistung und Profit, du fängst an zu spielen. Du verlierst die Verbindungen und das Verständnis für den Sozialvertrag des Kapitalismus, du vergisst sogar, dass es diesen Vertrag jemals gab. Du verdienst Geld mit Geld und nicht mehr mit Waren, du pervertierst das System. Geld mit Geld zu verdienen kann nur gut gehen, solange die Märkte aufwärts und immer weiter aufwärts klettern.

SPIEGEL ONLINE: Was sie vielleicht eine Weile tun.

Seidman: Dinge gehen nur solange gut, bis sie nicht mehr gut gehen, es geht nur solange aufwärts – bis es eben abwärts geht. Es gibt keine Ausnahmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie erklären sämtliche Banker und Broker der Wall-Street-Welt für naiv?

Seidman: Der wesentliche Denkfehler, der dieser ganzen Krise zu Grunde liegt, ist die Annahme, dass du dich entkoppeln kannst in einer immer stärker vernetzten Welt. Wenn du Hypotheken nimmst und weiterreichst, also von den Kreditnehmern räumlich entfernst und irgendwo zu Bündeln mit anderen Hypotheken verschnürst, entpersönlichst du das ursprüngliche Geschäft. Du kappst Verbindungen. Und du ignorierst in eben diesem Moment das Wesen der Globalisierung, nämlich dass alles mit allem vernetzt ist. Du kannst ja gar keine Verbindungen mehr kappen, alles kommt irgendwann zurück, weil alles einen Effekt auf alles hat. Du wettest auf Häuser in Ohio und kannst damit die Volkswirtschaft Islands ruinieren. Es sollte dir klar sein.

SPIEGEL ONLINE: Liegt nicht einer der wesentlichen Gründe der Krise in der amerikanischen Konsumkultur?

Seidman: Ja. Ein weiterer Denkfehler in dem ganzen System ist die Erwartungshaltung. Wann haben wir den Punkt erreicht, wo wir gedacht haben, ein Haus müssten wir nicht mehr verdienen, sondern es stehe uns zu? Der amerikanische Traum bestand mal in der Idee, sich nach ganz oben zu arbeiten, heute besteht der amerikanische Traum darin, eben diesen Traum besitzen zu wollen. Hier und sofort. Kaufen zu wollen. Ohne Guthaben. Mit Kreditkarte.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich dieses Denken verändern?

Im neuen SPIEGEL 47/2008:

Das Kapital-Verbrechen
Anatomie einer Weltkrise, die gerade erst begonnen hat

Illustration DER SPIEGEL
Seidman: Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn du das Glück direkt anstrebst, wirst du gierig, und du wirst es verfehlen. Wenn du jedoch etwas tust, was eine Bedeutung hat, wirst du glücklich werden. Ich glaube, die Menschen sind wieder bereit für solche Erkenntnisse.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt klingen Sie naiv. Wollen Sie so etwas wirklich auf dem Parkett der Wall Street lehren?

Seidman: Ja klar, gerade dort. Moralische Vorstellungskraft, ethisches Handeln wird geringer mit zunehmender Distanz. Das ist erwiesen. Nähe hingegen schafft Verantwortung und moralische Verpflichtung. Das Faszinierende an der Globalisierung ist ja nun, dass Entfernungen schrumpfen. Wir rücken einander näher. Wir sind alle miteinander verbunden, wir sind eine Welt. Das sollte zu Vernunft zwingen und zu gutem Benehmen. Die Gelegenheit zu einer Wende war deshalb nie so groß wie gerade jetzt.

SPIEGEL ONLINE: Gesetze, Regulierungen also können nicht tief genug wirken?

Seidman: Wir brauchen Regulierung, das ist ja keine Frage mehr. Die Frage ist aber, schaffen wir es, dass wir uns selbst regulieren, oder zwingen wir Regierungen zu einer Regulierung von außen? Konzernchefs sollten so klug sein, dass sie verstehen, wann es Innovation gibt. Nämlich, wenn Angestellte bereit sind, etwas zu riskieren. Ohne Risiko keine Innovation, das eine bedingt das andere. Wann bin ich bereit, etwas zu riskieren? Wenn ich Vertrauen spüre, nur dann. Ohne Vertrauen kein Selbstvertrauen kein Risiko.

SPIEGEL ONLINE: Man kann aus der Krise eine Menge lernen?

Seidman: Natürlich. Die wirkliche Währung unserer Zeit ist Beständigkeit. Eigentlich ist alles ganz einfach. Wenn wir die Vernunft des Menschen voraussetzen, hätte es die Krise nie geben dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Entschuldigung der Banken, die nun Steuergeld annehmen, täte vielen Kunden ganz gut.

Seidman: Eine Entschuldigung ist der erste Schritt, um Vertrauen wieder aufzubauen, haben Sie in dieser ganzen Krise schon mal eine Entschuldigung gehört? Wer sich nicht entschuldigt, bleibt entkoppelt.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, dass Ehrlichkeit und Fairness letztlich zum Vorteil der Firmen wären. Wieso?

Seidman: Eine hypertransparente Welt bedeutet, dass wir alle überprüfbar sind wie noch nie. Man muss so leben, dass diese Transparenz zum eigenen Vorteil wird. So erreichen Sie Loyalität Ihrer Kunden, menschliches Vertrauen wird zur Währung von Interaktion. Das ist der neue Wettbewerb: der Kampf darum, wer den anderen durch anständiges Verhalten übertrifft.

Das Interview führte Klaus Brinkbäumer


Wer die angestrebte Neuordnung der Weltwirtschaft verstehen will, muss wissen, wie die Welt an den Rand des Ruins gebracht werden konnte. SPIEGEL-Reporter haben das Kapitalverbrechen detailliert rekonstruiert - das Ergebnis lesen Sie in der Titelgeschichte "Der Bankraub" in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.



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