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Finanzkrise: Hedgefonds - die verkannten Segenbringer

Sie sind ein beliebter Sündenbock für Merkel & Co: Hedgefonds geraten immer wieder ins Visier der Politik - und gelten vielen als Gefahr für Stabilität und Wirtschaft. Zu Unrecht, kritisiert Christian Reiermann: Die aktuelle Finanzkrise haben staatlich beaufsichtigte Banken verschuldet.

Berlin - Für Bundeskanzlerin Angela Merkel und den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy sind die Verantwortlichen für die gegenwärtigen Turbulenzen auf den Weltfinanzmärkten schnell ausgemacht. Es sind die "Spekulanten", die mit ihren Geschäften rund um minderwertige Hypotheken-Darlehen die USA an den Rand einer Rezession manövriert haben und den weiteren Aufschwung der Weltwirtschaft gefährden.

Politiker Sarkozy, Brown, Merkel beim Krisengipfel in London: Trübes Treiben an den Börsen
Getty Images

Politiker Sarkozy, Brown, Merkel beim Krisengipfel in London: Trübes Treiben an den Börsen

Am Dienstagabend, beim Krisengipfel der europäischen G-8-Staaten in London, war es wieder so weit. "Mehr Transparenz", forderten die Regierungschefs auf den Kapitalmärkten, auf Deutsch: mehr Klarheit und Wahrheit, damit das trübe Treiben an den Börsen ein Ende hat.

Ins Visier nimmt die Kanzlerin besonders gern die übel beleumundeten Hedgefonds - jene etwas undurchsichtigen, für viele Kritiker zwielichtigen Kapitalsammelstellen, deren Geschäftsmodell darin besteht, das Geld reicher Investoren möglichst gewinnbringend an den Weltfinanzmärkten arbeiten zu lassen. Zu dem üblen Ruf der Branche ("Heuschrecken") hat beigetragen, dass die Fonds gewinnen und Geld verdienen, wenn alle anderen verlieren. Sie wetten darauf, dass Kurse sinken oder steigen, und wenn sie es geschickt anstellen, dann profitieren sie so oder so.

Große Teile ihrer EU-Präsidentschaft und ihres G-8-Vorsitzes verbrachte Merkel vergangenes Jahr damit, die Hedgefonds an die Leine legen zu wollen. Später gerieten ihr und ihrer Regierung auch noch sogenannte Staatsfonds ins Fadenkreuz. Das sind eine Art staatliche Beteiligungsgesellschaften von Ländern mit große Devisenreserven, etwa Russland, Singapur aber auch China.

Die Schuld der klassischen Geldhäuser

Diese Staaten besitzen wegen ihrer chronischen Exportüberschüsse Hunderte Milliarden in fremden Währungen, die sie gewinnbringend anlegen wollen. Merkel fürchtet, dass Staatsfonds massenhaft deutsche Unternehmen aufkaufen und anschließen ausschlachten. Flugs brachte die Bundesregierung Ende 2007 ein Gesetz auf den Weg, das eine Handhabe gegen unerwünschte Investitionen solcher Fonds bietet.

Bei ihren weltweiten Bemühungen greift die Kanzlerin fehl. Das macht ausgerechnet die aktuelle globale Finanzkrise deutlich. Sie wurde gerade nicht ausgelöst durch Hedgefonds, sondern durch das Wirken hochgradig regulierter und staatlich beaufsichtigter Banken. Es waren klassische Geldhäuser in den USA, die eigentlich nicht kreditwürdigen Schuldnern Hypothekendarlehen gewährten. Es waren klassische Kreditinstitute, die sich bei Spekulationen mit komplizierten Finanzinstrumenten rund um diese Darlehen verhoben. Und es war eine klassische Bank, die Société Général, in der ein kleiner Angestellter fünf Milliarden Euro verzocken konnte.

Die wirklichen Gefahren für die Weltwirtschaft, so scheint es, gehen eher vom traditionellen Segment des Finanzsektors aus als von den Fonds. Die hoch angesehenen Wall-Street-Adressen Citibank oder Morgan Stanley mussten allein im vierten Quartal vergangenen Jahres ein Vielfaches der Summen abschreiben, die bei den bislang spektakulärsten Hedgefonds-Pleiten von Long Term Capital Management oder Amaranth verloren gingen.

Warum sich Hedgefonds besser schlagen

Hedgefonds dagegen schlagen sich während der gegenwärtigen Turbulenzen besser. Das hat vor allem zwei Gründe: Mehr noch als bei herkömmlichen Bankern gehört der Umgang mit Risiken und deren Verlockungen für Hedgefonds-Manager zum Tagesgeschäft. Sie können die Entwicklungen an den Märkten offenbar besser einschätzen als ihre Kollegen in den Vorstandsetagen der Banken.

Zum anderen sind die Hedgefonds meist inhabergeführt. Verluste gehen auf das Konto der Entscheidungsträger. Das zügelt die Neigung, allzu große Risiken einzugehen.

Hedgefonds überstehen die Achterbahnfahrt an den Börsen nicht nur besser als andere Finanzinstitutionen, sie tragen dank ihres Geschäftsmodells auch zur Beruhigung der Märkte bei. Sie steigen ein und kaufen Aktien, Anleihen oder Währungen, wenn andere aussteigen. Dann ist es nämlich billiger. So verhindern sie aber auch, dass die Kurse noch weiter fallen.

Eine ähnlich segensreiche Wirkung entfalten gegenwärtig Staatsfonds. In den vergangenen Wochen beteiligten sie sich gleich reihenweise an angeschlagenen US-Banken, die durch die Immobilienkrise ins Wanken gerieten. So bekam die Citigroup frisches Kapital vom Staatsfonds Singapurs, ein südkoreanischer Staatsfonds verpasste Merrill Lynch eine Geld-Infusion. Seit Beginn der Immobilienkrise beteiligten sich asiatische Staatsfonds mit insgesamt 42 Milliarden Dollar an amerikanischen Geldhäusern - und verhinderten so den ein oder anderen Bankenkollaps, vielleicht sogar eine Weltfinanzkrise.

Kanzlerin Merkel sollte ihre Pläne, das Geschäftsgebaren von Hedgefonds und Staatsfonds zu zügeln, deshalb solange zurückstellen, bis die Krise vorbei ist. Vielleicht müssen die Fonds bald schon einer deutschen Bank zu Hilfe eilen. Es wäre doch ein Jammer, wenn sie das nicht mehr dürften.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
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1. Neoliberale Schönschreiberei
Colonel Panic, 30.01.2008
Hedgefonds hier unverblümt als "Segenbringer" zu bezeichnen ist hochgradich unsachlich, undifferenziert und in Anbetracht der Einseitigkeit nur als unverblümte neoliberale PR zu bezeichnen. Allerdings nicht weiter verwunderlich, wenn man den Autor des Artikels, Christian Reiermann, politisch einordnet: Er war neben dem Spiegel bisher tätig für FOCUS und die springersche Welt am Sonntag. Die Neoliberalen haben nach dem Finanzcrash gerade alle Hände voll zu tun, die völlig unbestreitbaren Risiken und Gefahren von Derivaten schönzuschreiben und sie der Bevölkerung gar als "Segensbringer" verkaufen zu wollen. Nur leider wird das nicht funktionieren. Die Leute haben die Nase voll von den vollmundigen Versprechen des Neoliberalismus. Und mittlerweile sieht jeder jeden Tag die Realität, und die sieht ganz anders aus.
2. Verständnis
Andreas Heil, 30.01.2008
Zitat von sysopSie sind ein beliebter Sündenbock für Merkel & Co: Hedgefonds geraten immer wieder ins Visier der Politik - und gelten vielen als Gefahr für Stabilität und Wirtschaft. Zu Unrecht, kritisiert Christian Reiermann: Die aktuelle Finanzkrise haben staatlich beaufsichtigte Banken verschuldet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,532130,00.html
Ich glaub's nicht. Hedgefonds sind noch intransparenter als die weiße Finanzindustrie, deswegen fallen die Leichen in ihren Kellern etwas später auf. Etwas vorteilhafter sind Hedge-Fonds, weil die Banken eine Zeitlang etwas mehr Eigenkapital verlangt haben, als sie selbst vorhalten müssen, d.h. Hedge-Fonds arbeiten mit einem Hebel von 1:5 bis 1:20 - stimmt aber auch nur formal, denn die Kaufobjekte von Hedge-Fonds oder Private-Equities kriegen die Finanzierung der Kaufpreise ja meist auf die eine oder andere Art selbst untergejubelt, so dass wieder Eigenkapital nominal "frei" wird, während Geschäftsbanken mit 1:25 bis 1:50 und bei den sogenannten "außerbilanziellen Zweckgesellschaften" mit noch höherem Hebel arbeiten. Gleichzeitig sind die Anlagen von Geschäftsbanken aber sektoriell wesentlich differenzierter, als bei Hedges und PEs, die meist sehr spezielle Strategien fahren. Allein aus dem Hebel ergibt sich aber, dass auch diese Anleger spätestens bei einem Rückgang der jeweiligen Märkte um 20 Prozent unter der Wasserlinie dümpeln, d.h. vermögenslos geworden sind und mit ihnen eben die Kreditlinien, die sie bei Geschäftsbanken unterhalten, nicht mehr werthaltig sind. Es ist somit nur eine Frage der Zeit, wann auch diese Blase platzt und bei Herrn Reiermann frage ich mich, was er eigentlich von der Materie versteht ?! Ansonsten empfehle ich, mal den eloquenten Herrn Homm zu interviewen, den einstigen Großaktionär von Borussia Dortmund, so er ihn findet, dessen Kapitalgeber wüßten seit ein paar Monaten auch gerne, wo er sich versteckt. Ansonsten frage ich mich ja, was Herr Reiermann glaubt, welches Kapital denn z.B. hier (http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/Finanzen-Bear-Stearns-Hedge-Fonds;art130,2341788) oder hier (http://www.ftd.de/boersen_maerkte/aktien/marktberichte/246196.html) oder hier (http://www.tradersquest.de/2007/06/29/der-nachste-hedge-fond-ist-fast-pleite/) vernichtet wurde ?
3. Schulmeister
Andreas Heil, 30.01.2008
Zitat von sysopSie sind ein beliebter Sündenbock für Merkel & Co: Hedgefonds geraten immer wieder ins Visier der Politik - und gelten vielen als Gefahr für Stabilität und Wirtschaft. Zu Unrecht, kritisiert Christian Reiermann: Die aktuelle Finanzkrise haben staatlich beaufsichtigte Banken verschuldet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,532130,00.html
Und nun zur Theorie. Die destabilisierende (!) Wirkung dieser Akteure auf den Finanzmarkt wurde relativ früh von Stephan Schulmeister untersucht und inzwischen tendieren selbst IMF und Co. zu dieser Erkenntnis.Also: Ganz üble Performance, Herr Reiermann. Hier ein Übersichtsartikel, die Erkenntnisse sind aber nicht neu: Finanzspekulation, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung Erscheint in: Intervention, Heft 1, 2007 (http://stephan.schulmeister.wifo.ac.at/fileadmin/homepage_schulmeister/files/Intervention.pdf) Sauber hergeleitet und empirisch unterlegt.
4. Hedgefonds - die verkannten Segenbringer
Wellenstein, 30.01.2008
Warum die SPD wählen, wenn mann auch das Orginal, die Linke, wählen kann? In diesem Sinne... zukünftig kaufe ich mir doch lieber die Titanic! ;-)
5. platt machen
atu, 30.01.2008
Ich errinnere nur an den sparkassenskandal wobei diese Kredite an dritte weiterverkauft hat, die u.a. in Hedgefonds rummachen. Also die die auf das schnelle geld aus sind und das ganze am Fiskus vorbei. Und so ganz nebenbei existenzen platt machen.
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