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Finanzkrise in Großbritannien: Brown droht neues Bankendesaster

Von , London

Die Kreditklemme ist desaströs für Großbritanniens Wirtschaft - jetzt verkündet die Regierung Brown ein zweites Bankenrettungspaket. Es soll Vertrauen wiederherstellen, doch die Märkte kann das nicht beruhigen: Pfund, Staatsanleihen und Bankaktien fallen, die Steuerzahler sind skeptisch.

London - Mittagspause in der Canary Wharf, dem Auge des Sturms. Dutzende Anzugträger eilen über den windigen Canada Square in die Schnellrestaurants der Bürotürme. Wer nach oben blickt, sieht den Reuters-Börsenticker über eine Fassade flimmern. Royal Bank of Scotland, Barclays, Lloyds - die Aktienkurse der großen britischen Banken notieren alle tief im Minus. Ein weiterer schwarzer Tag im Finanzzentrum Europas.

Finanzdistrikt Canary Wharf in London: "Es hört einfach nicht auf"
Getty Images

Finanzdistrikt Canary Wharf in London: "Es hört einfach nicht auf"

"Es hört einfach nicht auf", sagt ein Banker, der für "eine große Bank" arbeitet und seinen Namen lieber nicht nennen will. Auf die Frage, ob sein Institut auch schon in Staatsbesitz sei, sagt er: "Als ich das Büro verließ, war es noch privat".

Manchmal hilft nur noch Galgenhumor. Am Morgen hatte die Royal Bank of Scotland (RBS) eine Verlustwarnung historischen Ausmaßes herausgegeben: 28 Milliarden Pfund könnte das Minus für das abgelaufene Jahr betragen, vielleicht auch mehr, teilte die einst zweitgrößte Bank des Landes mit. Ein Rekord in der britischen Wirtschaftsgeschichte. Zum Vergleich: Der bisherige Rekordhalter Vodafone vermeldete 2006 15 Milliarden Pfund Verlust.

Während die RBS-Aktie auf Talfahrt ging - zeitweise fiel sie um 70 Prozent -, bemühten sich Premierminister Gordon Brown und Finanzminister Alistair Darling auf einer Pressekonferenz in Downing Street um Schadensbegrenzung. Brown schimpfte auf die unverantwortlichen RBS-Manager, die sich mit dem Geld ihrer britischen Kunden in den USA verspekuliert hätten. Gleichzeitig kündigte er an, die Regierung werde weitere Milliarden in die marode Bank pumpen und den Staatsanteil von 58 auf 70 Prozent erhöhen.

Keine Lösung für die Kreditklemme

Die RBS-Hilfe wurde als ein Teil des zweiten Bankenrettungsplans der britischen Regierung verkündet. Das am Wochenende eilig ausgehandelte Paket ist um ein Vielfaches größer als der 37-Milliarden-Pfund-Anlauf vom Oktober, der die Kreditklemme nicht beseitigen konnte.

Weil Unternehmen und Bürger unter akutem Kreditmangel leiden, muss die Regierung nach nur drei Monaten nachlegen. Als neueste Lösung bietet der Staat den Banken an, die Garantie für ihre "Giftpapiere" zu übernehmen - und geht damit ein Milliardenrisiko ein. Brown nannte keine Zahlen, doch der Schaden für den Steuerzahler könnte Hunderte Milliarden Pfund betragen.

Es wirkt wie ein Akt der Verzweiflung. Kritiker sprachen umgehend von einem "Blankoscheck".

Die Banken müssen für die Regierungsgarantie bezahlen - entweder mit Cash oder mit Anteilen. Der Staatsanteil am britischen Bankenwesen wird sich also voraussichtlich weiter erhöhen. Dazu kommt eine Reihe weiterer Maßnahmen, die den Geldfluss wieder in Gang bringen sollen. Auch der Hypothekenmarkt, einst Motor des Booms, zuletzt Auslöser der Krise, soll durch Regierungsgarantien wieder angekurbelt werden.

"Sie können die Banken nicht untergehen lassen"

In der Canary Wharf wird die neuerliche Staatsintervention begrüßt - wenn auch mit Vorsicht. "Was für Optionen haben sie?", fragt ein Banker auf dem Weg zum Lunch ins Restaurant Smollensky's. Die Regierung agiere wie ein "Notarzt, der einen Patienten am Straßenrand findet, der von drei Lkw überrollt wurde".

"Sie können die Banken nicht untergehen lassen, dann gäbe es noch mehr Probleme in der Wirtschaft, noch mehr Arbeitslosigkeit", sagt Steuerberater Muhammad Ebrahim. Doch selbst hier, wo alle Jobs an der Finanzbranche hängen, bleibt ein Gefühl der Ungerechtigkeit. "Es ist nicht richtig, dass die Steuerzahler es ausbaden sollen", sagt Tina Santos, die als Bürokraft in einer Reinigungsfirma arbeitet. "Sie senken die Mehrwertsteuer, aber an anderer Stelle holen sie sich das Geld wieder."

Auch Jose Senorans, der den Bankern täglich Sandwichs verkauft, hat Zweifel. "Ich glaube, die Banken benutzen das Geld nur, um die Löcher in ihren Bilanzen zu füllen", sagt er. "Das erste Paket hat nichts gebracht. Warum sollte es bei dem zweiten anders sein?" Wenn die Regierung den Banken mit Steuergeld helfe, müsse sie auch sicherstellen, dass es an Unternehmen und Bürger weitergegeben werde.

An den Märkten regierte die Skepsis

Brown und Darling wissen, dass Milliardenhilfen für Banken nicht populär sind. Darum betonen sie, das Geld flösse nur unter strikten Auflagen. So müsse RBS im Gegenzug für die Staatshilfe Kredite im Wert von sechs Milliarden Pfund an Unternehmen vergeben. Doch drangen die beiden Politiker mit ihrer Botschaft, sie hätten die Dinge unter Kontrolle, nicht durch.

An den Märkten regierte die Skepsis. Das zweite Rettungspaket wurde als Eingeständnis der Regierung gewertet, dass das erste nicht gewirkt hat. Das Pfund ging wieder in die Knie, und auch britische Staatsanleihen gaben angesichts der unsicheren Aussichten für die Staatskasse nach.

Außerdem geht Angst vor weiteren Milliardenverlusten bei Banken um: Wenn die RBS so schlimm dastehe, könne es um die anderen Banken kaum besser bestellt sein, ist die Vermutung.

Schon wird darüber diskutiert, was passiert, wenn auch das zweite Rettungspaket folgenlos bleibt. "Wir nähern uns wahrscheinlich dem Punkt, an dem die Regierung direkte Kontrolle über das Kreditwesen übernehmen muss", sagte der finanzpolitische Sprecher der oppositionellen Liberaldemokraten, Vince Cable. Die vollständige Verstaatlichung das Bankenwesen wäre der letzte Ausweg aus der Kreditklemme. Entsprechende Gerüchte wurden durch RBS-Chef Stephen Hester angeheizt, der zugab, in den Gesprächen mit der Regierung sei auch über eine Verstaatlichung seiner Bank geredet worden.

Bisher ist nur Northern Rock Chart zeigen komplett in Staatsbesitz, die RBS bald zu 70 Prozent und Lloyds TSB Chart zeigen seit der Übernahme von HBOS Chart zeigen zu 43 Prozent. Die beiden anderen Großbanken HSBC Chart zeigen und Barclays Chart zeigen sind ohne Staatshilfe ausgekommen - und sträuben sich vehement, aus Angst um ihren Ruf. Sie haben ihren Kapitalbedarf durch private Quellen decken können. Doch Investoren schrecken zunehmend vor der britischen Finanzbranche zurück. Ein Grund für die anhaltende Geldknappheit.

Dieses Problem dürfte auch das zweite Rettungspaket nicht aus der Welt räumen. Darum könnte Brown gezwungen sein, bald noch einen dritten Rettungsanker zu werfen.

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