Finanzkrise Island gerät ins Visier der Spekulanten

Die Wall Street zittert - und Island bebt: Kein anderes Land Europas wird so schlimm von der globalen Kreditkrise gebeutelt wie der Inselstaat am Polarkreis. Die Isländer beteuern, ihre Banken seien gesund - doch das hindert Hedgefonds nicht an einer Spekulationsattacke mit brutalen Folgen.

Von Auðunn Arnórsson, Reykjavík


Reykjavík - Aus der Wettervorhersage ist das Islandtief bekannt. Häufig ist es ein Vorbote von Unwettern in Deutschland. In diesen Tagen ist die Presse wieder voll mit Berichten über ein "Islandtief". Aber dieses Mal sind es Finanzzeitungen, die das Wort benutzen - und sie meinen die schweren Probleme, die das isländische Wirtschaftssystem zurzeit plagen.

Auch dieses Tief könnte einen Sturm ankündigen, der über die größeren Märkte auf dem europäischen Kontinent hinwegfegt.

Ausgerechnet Island: In den vergangenen Wochen sind Befürchtungen wach geworden, der dünn bevölkerte Staat könnte als erstes Land Europas zum Opfer der Hypotheken- und Kreditkrise werden. In einer Notmaßnahme musste zuletzt die Notenbank Islands tätig werden: Sie hob den Leitzins auf erstaunliche 15 Prozent an, um die isländische Krone zu unterstützen, die seit Monaten gegenüber anderen europäischen Währungen an Wert verliert. Die Inflation liegt weit oberhalb ihres Sollwerts von 2,5 Prozent und könnte sogar zweistellig werden. Wie krank ist der isländische Patient?

Lange Zeit vertraute das kleine Inselvolk (Einwohnerzahl heute: 310.000) zum größten Teil auf den Fischfang, um sein wirtschaftliches Wohl zu sichern. Das hat sich in den vergangenen Jahren rasant geändert. In nur wenigen Jahren sind isländische Banken im großen Stil ins europäische Ausland expandiert - die Volkswirtschaft ist nun zunehmend von ihrer verwundbaren Finanzbranche abhängig.

Vor zehn Jahren noch waren die Aktiva der drei größten isländischen Banken – Kaupthing, Landsbanki und Glitnir – so viel wert wie 96 Prozent des jährlichen Bruttosozialproduktes. Heute ist der Wert schon auf mehr als das Zehnfache des Sozialproduktes angeschwollen, das im selben Zeitraum natürlich selbst stark gestiegen ist. Mit dieser Bankenexpansion ging eine umfangreiche, stark kreditgetriebene Investitionswelle isländischer Firmen in Nachbarländern einher. So entstehen im Ausland Zweifel, ob das Wirtschaftssystem der Isländer nachhaltig ist.

In der britischen Presse etwa wurden Privatanleger – die durch den Quasi-Kollaps der Hypothekenbank Northern Rock bereits verunsichert sind – davor gewarnt, mehr als 35.000 Pfund auf Konten der isländischen Banken Kaupthing und Landsbanki zu halten, da sie bald kollabieren könnten. Die genannte Summe ist durch Garantien insolvenzgesichert, mehr aber nicht.

Angst vor dem Run auf isländische Banken

Die Hochzinsen-Online-Konten der beiden Banken haben viele Kleinanleger aus dem Ausland angelockt. Die Sprecher der Geldhäuser versichern allerdings, die britischen Kunden seien ihnen treu geblieben, allen Unkenrufen zum Trotz. Die Landsbanki meldet sogar, die vergangene Woche sei die beste überhaupt im Geschäft mit britischen Online-Bankern gewesen.

Viele internationale Finanzexperten attestieren dem Bankensystem Islands im Kern gute Gesundheit. So wunderte sich Wolfgang Münchau, Kolumnist der "Financial Times", über die Anti-Island-Stimmung. Internationale Investoren, so Münchau, hätten viel mehr Grund, sich Sorgen über wachsende Inflation in den USA oder einen Abschwung in Großbritannien zu machen, findet er. Dass die sogenannten Credit Default Swaps, die zur Absicherung gegen Kreditrisiken dienen, im Falle isländischer Banken abnorm teuer geworden sind, ist laut Münchau schwer zu rechtfertigen.

Richard Thomas, Analyst bei Merrill Lynch, betont in einer aktuellen Studie, die "Hysterie auf den Kreditmärkten" in Bezug auf Island habe Ende vergangener Woche einen neuen Höhepunkt erreicht. Bei näherer Betrachtung sei es zwar "unmöglich zu behaupten, die isländischen Banken hätten nicht genug Kapital". Trotzdem glaubten viele am Finanzmarkt, es könne zu einem Run auf die isländischen Banken kommen.

Ásgeir Jónsson, Chefvolkswirt bei der größten isländischen Bank Kaupthing, bestätigt diese Einschätzung. Er sagt, das isländische Finanzsystem sei Opfer eines kalkulierten Spekulationsangriffes durch internationale Hedgefonds-Manager. "Raubtiere haben es immer auf die schwächsten Tiere in der Herde abgesehen", sagt er. Dass die isländischen Banken praktisch nur die kleine isländische Nationalbank hinter sich haben, mache sie in Zeiten internationaler Verunsicherung an den Märkten zu einer Zielscheibe für Spekulanten.

Das Wachstum der isländischen Banken hat fast ausschließlich im Ausland stattgefunden. So agieren die Banken zu einem immer größeren Teil in anderen Währungen als der isländischen Krone. Dieser Umstand macht es auch der isländischen Nationalbank – die nur Kronen drucken kann - immer schwerer, ihrer Rolle als Garant des Finanzsystems nachzukommen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Kurs der Krone trotz der Zinserhöhungen zuletzt weiter gefallen ist. Seit Anfang dieses Jahres hat die Währung mehr als einen Viertel ihres Werts gegenüber dem Euro eingebüßt. Immerhin: Der niedrigere Kronenkurs könnte helfen, die stark negative Handelsbilanz Islands wieder ins Lot zu bringen.

Island ist das kleinste selbständige Währungssystem der Welt - und dessen Nachteile sind in den Wochen der Krise deutlich geworden. Experten sind sich darüber einig, dass die isländische Nationalbank über vielfach größere Devisenfonds verfügen müsste, wenn sie glaubhaft und erfolgreich gegen übertriebene Wechselkursschwankungen angehen wollte.

In der isländischen Wirtschaft verbreitet sich immer mehr die Ansicht, dass die Krone ausgedient habe. Eine stabilere Währung müsse her - so bald wie möglich. Die Regierung ist in dieser Frage zerstritten. Die Führung der konservativen Selbständigkeitspartei von Premierminister Geir H. Haarde will an der Krone festhalten. Der Koalitionspartner – die sozialdemokratische Allianz – will dagegen in die EU und die europäische Wirtschafts- und Währungsunion.

Sehr gutes Rating für den Staatshaushalt

Im knapp einen Jahr alten Koalitionsvertrag ist auf Verlangen der Selbständigkeitspartei festgeschrieben worden, dass die EU-Frage nicht auf der Tagesordnung dieser Regierung steht. In der Europapolitik solle weiterhin auf dem EWR-Vertrag gebaut werden, der die Efta-Länder Island, Norwegen und Liechtenstein in den gemeinsamen Markt der EU seit 1994 integriert.

Ernsthafte Bewegung in Richtung Eurozone wird es wohl erst in der kommenden Legislaturperiode ab 2011 geben. Manche Akteure finden aber als Zwischenlösung eine unilaterale Aufnahme des Euros attraktiv. Das gilt allerdings als politisch kaum durchsetzbar - nicht zuletzt wegen klarer negativer Aussagen von ranghohen Sprechern der Europäischen Zentralbank (EZB) und der EU-Kommission.

Premierminister Haarde hat auf der jüngsten Hauptversammlung der isländischen Nationalbank konsequentes Handeln versprochen. Die Regierung werde alles Nötige tun, um die Banken zu sichern. Er sprach von neuen staatlichen Krediten, in den passenden Währungen. Die Devisenfonds der Nationalbank sollten umgehend vergrößert werden. In der aktuellen "Financial Times" versprach Haarde direkte Interventionen auf den Aktien- und Devisenmärkten.

Glaubwürdige Ankündigungen - denn der isländische Staatsetat ist solide. Nach kontinuierlichem Abbau der Auslandsschulden in den letzten Aufschwungs- und Privatisierungsjahren ist das Land so gut wie schuldenfrei. Zwar denken alle drei Ratingagenturen über eine Zurückstufung der Bonitätsnote nach. Bisher erreicht Island bei Moody's aber noch die sehr gute Einstufung von AAA und bei Standard & Poor’s und Fitch das Rating A+.

Die Hoffnung vieler Isländer ist deshalb die, dass das finanzielle Tief ebenso schnell vorüberziehen wird wie das Islandtief aus der Wettervorhersage.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
madamef 02.04.2008
1. Island
...Ich würde lieber über die WestLB sprechen. Die Ursachen des Desasters sind die gleichen, nur die Personen näher und die Namen vertrauter.
jaslü 02.04.2008
2. Hedgefondsmafia
Zitat von sysopDie Wall Street zittert - und Island bebt: Kein anderes Land Europas wird so schlimm von der globalen Kreditkrise gebeutelt wie der Inselstaat am Polarkreis. Die Isländer beteuern, ihre Banken seien gesund - doch das hindert Hedgefonds nicht an einer Spekulationsattacke mit brutalen Folgen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,544707,00.html
Mittlerweile fällt mir nichts anderes mehr ein, als vorzuschlagen, die Hedgefonds zu verbieten. Sie sind offenbar in ihrer Brutalität und in den Auswirkungen 100 mal schlimmer als die Mafia.
wolfi55 02.04.2008
3. Die werden fallen
Die Isländer werden aus Not den Euro einführen müssen. Ich erinnere nur daran, wie vor einigen Jahren schon einige Spekulanten mit Hilfe der US-Notenbank die Devisenvorräte der Bank of Thailand geplündert haben und damit eine Krise in Südostasien ausgelöst haben. Einfach indem gegen den Baht spekuliert wurde.
archelys, 02.04.2008
4. Natur ist manchmal stärker als Kultur
Zitat von sysopDie Wall Street zittert - und Island bebt: Kein anderes Land Europas wird so schlimm von der globalen Kreditkrise gebeutelt wie der Inselstaat am Polarkreis. Die Isländer beteuern, ihre Banken seien gesund - doch das hindert Hedgefonds nicht an einer Spekulationsattacke mit brutalen Folgen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,544707,00.html
ISLAND - der mystische Ort für einen Echsenfriedhof der Gattung Tyrannosaurus moneta virtualis.
dieganzewelt 02.04.2008
5. The party is over
Sie können die Finanzkraft eines Landes nicht nur an ihren Banken messen. Ohne eine Volk hätten die Banken keinen Heller. Ich habe die letzten Jahre auf Island verbracht, und die Gründe für den Kollaps scheinen mir etwas vielschichtiger zu sein, und lassen sich nicht nur auf die bösen Buben im Ausland schieben. Die isländischen Banken mögen gesund sein. Die Bevölkerung ist es nicht. Die Isländer sind pro Kopf höher verschuldet als die US-Amerikaner. Die Wohnung, das neue Auto und der große Fernseher - alles auf Kredit. Durch gefährliche Kreditvergaben sind die Immobilienpreise sind in den letzten Jahren fast täglich gestiegen. Die einzigen, die davon profitiert haben, sind die Banken. In vielen Fällen sind Kredite gewährt worden, ohne daß überhaupt die Gehaltsabrechnungen der Kreditnehmer überprüft wurden. Die normalen Dispozinsen liegen schon lange bei über 20%. Teenagern werden Bankkarten und Kredite aufgedrängt. Für das geliehene Geld (,welches die isländischen Banken lange Zeit günstig im Ausland zu einem festen Wechselkurs bekommen haben) kommt ein sogenannter "Index" zum Tragen, eine Art Wertstabilitätsmarke, die sich hauptsächlich aus der Höhe der Inflation errechnet. Das bedeutet die urprunglich aufgenommene Kreditsumme wird monatlich "wertangepaßt", soll heißen, es gibt zum festen Zinssatz noch einen variablen oben drauf, und die ursprüngliche Kreditsumme steigt auf über das doppelte im Laufe der Jahre. Eine Praktik, die es sonst nur noch in Drittweltstaaten gibt. Desweiteren sind die Banken gegen Inflation versichert. So gesehen sind diese wirklich "gesund". Jedoch die Bevölkerung ist quasi pleite. Island ist eines der konsumfreudigsten Länder der Welt. aber irgendwann muß bezahlt werden. Geld, welches noch noch erwirtschaftet wurde, kann man nur zeitlich begrenzt ausgeben. Diese einfache Weisheit zeigt sich jetzt weltweit.
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