Finanzkrise Island übernimmt Kontrolle über zweitgrößte Bank

Hektische Aktivitäten zur Stabilisierung der isländischen Finanzbranche - die Regierung hat die Landsbanki verstaatlicht, die zweitgrößte Bank Islands. Zudem ist ein Notkredit Russlands im Gespräch.


Reykjavik - In der Nacht zu Dienstag beschloss Island ein Notgesetz, um die Lage in Folge der weltweiten Finanzkrise in Griff zu bekommen. Nun bietet Russland dem Inselstaat im Nordatlantik offenbar einen Kredit über vier Milliarden Euro an.

Landsbanki-Vorstand Arnason (Archiv): Schwer von der Krise getroffen
AFP

Landsbanki-Vorstand Arnason (Archiv): Schwer von der Krise getroffen

Nach den Worten des russischen Vizefinanzministers Dimitri Pankin ist die Entscheidung über das Darlehen noch nicht getroffen. "Es hat noch keine Entscheidung gegeben, Island ein Darlehen zu gewähren", sagte Pankin. Bisher habe es noch keine Verhandlung gegeben. Auch Islands Ministerpräsident Geir Haarde bestätigte, dass der Kredit noch nicht fertig ausgehandelt sei. Haarde äußerte sich aber zuversichtlich, dass es zu einer Einigung kommen werde.

Die Isländische Zentralbank hatte zuvor auf ihrer Webseite unter Berufung auf den russischen Botschafter in Island, Viktor Tatarinzew, bekannt gegben, dass die Nothilfe bereits beschlossen sei. Daraufhin hatte die isländische Krone, die am Dienstagvormittag zum Euro um 35 Prozent abgestürzt war, ihren Sinkflug gestoppt und war ins Plus gedreht.

Island war in den vergangenen Tagen schwer von der Finanzmarktkrise getroffen worden. Vor allem traf es die Banken. Islands Regierung übernahm mit dem Notgesetz die komplette Kontrolle über das Bankengewerbe, um eine drohende Staatspleite abzuwenden. Die Regierung kann damit Banken umgehend verstaatlichen, zu Fusionen zwingen, Spitzenmanager auswechseln und Grenzen für deren Entlohnung setzen.

Eilgesetz zur Kontrolle der Banken

Russland spürt inzwischen zwar auch die Folgen der Finanzmarktkrise, sitzt dank der hohen Ölpreise aber auf riesigen Devisenreserven.

Vor der Verabschiedung eines Eilgesetzes in der Nacht zum Dienstag hatte Ministerpräsident Geir Haarde vor dem Parlament in Reykjavik gesagt, Island stehe vor der "reellen Gefahr", so in die globale Finanzkrise hineingezogen zu werden, dass am Ende der komplette Bankrott der Volkswirtschaft stehe.

Der Regierungschef kündigte als ersten Schritt den Verkauf von Auslandsaktivitäten der führenden Geldinstitute an. Die extrem aggressive internationale Expansion der drei größten isländischen Banken gilt als entscheidende Ursache für die akute Krise auf der Nordatlantikinsel mit gut 300.000 Einwohnern. Die Regierung kann jetzt Banken umgehend verstaatlichen, zu Fusionen zwingen, Spitzenmanager auswechseln und Grenzen für deren Entlohnung setzen.

Dem Gesetz zufolge darf die Regierung auch Immobilienkredite von den Banken übernehmen und sie in einen staatlichen Immobilienfonds zusammenführen. Auf diese Weise sollen Tausende von Isländern vor einem Verlust ihrer Häuser bewahrt werden, sollte sich die Kreditkrise ausweiten.

Ratingagentur stuft Bonität Islands herab

In Folge des Gesetzes verstaatlichte die Finanzaufsicht die zweitgrößte Bank des Landes, Landsbanki. Die Bank Kaupthing bekam einen Sofortkredit über 500 Millionen Euro. In der Vorwoche hatte die Regierung in Reykjavik bereits für 600 Millionen Euro 75 Prozent der Anteile an der drittgrößten Bank Glitnir übernommen.

Die isländische Krone hat seit einer Woche gegenüber dem Euro mehr als ein Viertel ihres Wertes verloren. In den vergangenen zwölf Monaten ist der Kurs um mehr als 70 Prozent gesunken. Ob nationale staatliche Mittel ausreichen, um den gefährdeten Bankensektor zu stabilisieren, gilt als zweifelhaft. Das Bilanzvolumen der drei führenden Banken ist zehnmal so groß wie das jährliche Bruttoinlandsprodukt. Als möglicher Ausweg werden in Reykjavik Mittel aus dem nach internationalen Maßstäben sehr großen Pensionsfonds des Landes angesehen.

Die Ratingagentur Standard & Poor's stufte Islands Bonität um zwei Stufen von "A-" auf "BBB" herunter. Zwar würden die Maßnahmen der Regierung dazu beitragen, die Risiken für den Staatshaushalt zu begrenzen, aber sie würden auch den Zugang der isländischen Banken zum internationalen Markt beschneiden, hieß es in der Begründung der Agentur.

kaz/dpa/Reuters

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.